Man muss die Männer gesehen haben, die sich aus dem Gerichtssaal von Avignon geschlichen haben, um zu verstehen, dass Gisèle Pélicot ihren Prozess bereits vor Verkündung des Urteils gewonnen hat. „Die Scham muss die Seite wechseln“ ist der Satz, mit dem sie begründet hatte, warum sie einen öffentlichen Prozess wollte. Er wurde auf der Stadtmauer von Avignon plakatiert, er prangt in Hauswänden in ganz Frankreich. Er ist zum Schlagwort geworden.
Schamvolles Versteckspiel vor Gericht
Man muss sie gesehen haben, Dutzende Männer, mit ihren tief ins Gesicht gezogenen Kapuzen, ihren Sonnenbrillen, ihren Gesichtsmasken, dicke und dünne, alte und junge, Glatzköpfe, Zopfträger, alte Männer mit Krücken, junge Familienväter, gescheiterte Existenzen, aber vor allem funktionierende Staatsbürger, gute Ehemänner, gute Väter nach Auskunft ihres Umfelds, ein Schnappschuss der französischen Gesellschaft. Man muss ihr schamvolles Versteckspiel gesehen haben, um zu begreifen, dass Gisèle Pelicot bereits gewonnen hat.
Die Scham wechselte hier die Seite: In dem über 50 Tagen dauernden und vermutlich morgen mit Urteilen endenden Prozess ist Gisèle Pelicot nicht nur zur Nationalheldin in Frankreich geworden, sondern zur weltweiten Feministen-Ikone. Der Name Pelicot wurde zum Synonym für Mut, für den Willen, das Verbrechen nicht nur als persönliches Drama zu begreifen, sondern als kollektive Herausforderung, um gesellschaftliche Veränderung im Land zu erzwingen.
Insgesamt 51 Männer standen vor Gericht, darunter ihr Ex-Mann, Dominique Pelicot, der sie ein knappes Jahrzehnt lang regelmäßig betäubt und vergewaltigt, sie anderen Männern ausgeliefert und Befriedigung daraus geschöpft hat, alles zu filmen und die Zeugnisse seiner Perversität zu archivieren. Über 200-mal ist Gisèle Pelicot vergewaltigt worden, von 80 unterschiedlichen Tätern. Einer der Angeklagten ist auf der Flucht, weitere 30 konnten indes nicht identifiziert werden. Während die Staatsanwaltschaft für Dominique Pelicot 20 Jahre Gefängnis und für die übrigen Angeklagten zwischen vier und 18 Jahren Haft forderte, verlangte mehr als die Hälfte der Beschuldigten einen Freispruch.
„Wollte eine unbeugsame Frau unterwerfen“
„Ich wollte eine unbeugsame Frau unterwerfen“, argumentiert Dominique Pelicot, das sei seine egoistische Wahnvorstellung gewesen. Gisèle Pelicot betritt den Gerichtssaal, Tag für Tag, als gebrochene, aber dennoch unbeugsame Frau, oft durch ein Ehrenspalier von applaudierenden Frauen. Damit die Scham die Seite wechselt, hat sie sich, ihren Kindern, allen im Gerichtssaal Anwesenden die Aufnahmen der Vergewaltigung ihres leblosen Körpers zugemutet. Sie hat die Welt zum Zeugen gemacht, die Menschen in einen Abgrund schauen lassen. Denn es waren ekelhafte, unerträgliche Bilder.
Mit dieser mutigen Entscheidung hat sie nicht nur die Täter mit ihrer Tat konfrontiert, sondern Frankreich auch die Wahrheit zugemutet: Dass es im Umkreis von nur 20 Kilometern 80 Männer gibt, die man innerhalb weniger Minuten im Internet rekrutieren kann, um eine ältere Frau in Reizwäsche zu vergewaltigen, deren leblos wirkender Körper eher an einen Fleischsack erinnert. Kein einziger der Männer ist zur Polizei gegangen. Kein einziger kam auf die Idee, den Ehemann anzuzeigen. Manche kamen sogar wieder. Ein anderer fand in Pelicot einen Lehrer, der ihm dank seiner langjährigen Erfahrung die Anleitung lieferte, seine eigene Frau zu vergewaltigen, ohne dass sie Verdacht schöpft.
Das Beweismaterial war erschütternd, aber noch erschütternder, die hartnäckige Verweigerung der Mehrheit der Angeklagten, ihre Tat anzuerkennen. In diesem „Prozess der Feigheit“, wie ihn die Klägerin nennt, will sich bis auf den Haupttäter niemand als Vergewaltiger sehen. Man habe nicht vorsätzlich gehandelt. Kopf und Körper seien getrennt gewesen. Man habe erst im Nachhinein begriffen, dass etwas nicht stimmte. Man sei manipuliert worden, mit anderen Worten selbst Opfer.
„Dieser Prozess ist unser Vietnam“. Der Satz ist von einem der Anwälte von Gisèle Pelicot, der ihn einem Gerichtsreporter diktiert hat. Er sagt alles über den Pelicot-Prozess, über die gesellschaftliche Erschütterung, die er verursacht hat, über die Infragestellung von Gewissheiten, über ein kollektives Eingeständnis. Aber was die Medien anfangs als „Ausnahmeprozess“, als „Monsterprozess“ tituliert haben, mit einem Hauptangeklagten als „XXL-Perversen“, ist zum Prozess gegen alle Männer geworden, zum Prozess gegen toxische Maskulinität, gegen das Patriarchat, gegen die „Vergewaltigungskultur“.
In Frankreich ist die Diskussion entbrannt, ob sich nicht alle Männer schämen müssten, Neo-Feministinnen klagen alle Männer an, die sich nicht schämen. Feministinnen der alten Schule lehnen Kollektivschuld und Kollektivscham ab. Auch die Männerwelt ist gespalten: Unter dem Hashtag #NotAllMen protestieren viele dagegen, dass ihnen der Prozess gemacht wird, nur weil sie Männer sind. Andere sehen sich als Mittäter „systemischer Gewalt“. 200 Männer, Autoren, Regisseure, Sänger, unterzeichneten einen offenen Brief, in dem es heißt: „Die Pelicot-Affäre hat bewiesen, dass männliche Gewalt keine Sache von Monstern ist“, sondern von „Monsieur Tout-le-Monde“, von Herrn Jedermann.
Vergewaltigungsprozess in Frankreich im 1978
Der Pelicot-Prozess wird Geschichte schreiben, ähnlich wie ein anderer Vergewaltigungsprozess in Frankreich im Jahr 1978: Damals standen in Aix-en-Provence drei junge Männer vor Gericht, die zwei Frauen an einem Nacktbadestrand in einer Calanques in der Nähe von Marseille vergewaltigt hatten. Die Opfer wurden in der Öffentlichkeit als „Schlampen“, „Nutten“ und „geile Lesben“ beschimpft.
Schon damals kämpfte die Rechtsanwältin Gisèle Halimi in einem öffentlichen Prozess dafür, dass die Scham die Seite wechselt und sagte, nicht die Denunziation der Vergewaltigung sei skandalös, sondern die Vergewaltigung sei es. Das ist mittlerweile fast 50 Jahre her. Aix-en-Provence zeigt, wie viel des Weges schon zurückgelegt wurde, der Pelicot-Prozess, wie viel noch vor uns liegt.