Sein Ruhm war bereits in der Antike so groß, dass sieben Städte den Geburtsort von Homer für sich beanspruchten. Schon dieser Umstand macht stutzig: Bekanntlich kann je mehr behauptet werden kann, desto weniger man weiß. Über Homer weiß man nach Jahrhunderten Forschung so gut wie nichts. Man könnte auch sagen: gar nichts. Selbst seine Existenz ist nicht zweifelsfrei zu belegen. Wir bewegen uns hier im Bereich der fundierten Vermutung, auf Englisch sagt man: „educated guess“.
Aufgrund der Erkenntnisse von Sprach-, Literatur- und Alterswissenschaft kann man annehmen, dass wenn „er“ existiert hat, dies in der Zeit etwa zwischen 750 und 650 vor Christus war. Und dass er aus Kleinasien kam. Womit übrigens bereits einige der Geburtsorte, wie etwa Athen, wegfallen würden. Aber ob Homer ein Einzelner war, der die Epen „Ilias“ und „Odyssee“ hinterlassen hat oder zwei Personen oder gar eine Gruppe von Dichtern? An dieser Frage scheiden sich die auch die größten Geister. Es ist deshalb vielleicht besser, den Namen in Anführungszeichen zu setzen.
Der Beginn der Literatur
Bemerkenswerter als die Frage nach der Existenz von „Homer“ ist der Umstand, dass die beiden Epen aus einer Übergangsphase stammen. In jener Zeit beginnt die Verschriftlichung, der Grundstein für die Literatur wird gelegt. Denn dass „Homer“ in diesen Epen alte Überlieferungen und Sagen aus Asien und Umgebung verarbeitet und schriftlich festgelegt hat, darüber bestehen wenige Zweifel. Damit wäre auch der erste Mythos zu Staub zerfallen: Die „Homeriden“, eine Dichtergilde auf der kleinasiatischen Insel Chios, die im 6. Jahrhundert vor Christus den Dichter „Homer“ populär machten, schufen wohl gleich die Legende vom „blinden Sänger“. Die Vorstellung, dass ein Genie mit seherischer Kraft diese unvergänglichen Geschichten erschaffen hat, und nicht ein anonymer Dichterhaufen, der Überliefertes kunstvoll zusammengestoppelt hat, ist einfach die bessere Geschichte. Und bessere Geschichten setzen sich leichter durch.
Von Chios landeten die Epen in Athen, dann in Rom. In der römischen Kaiserzeit entstanden dann Biografien über Homer, mit entsprechendem Faktengehalt. Selbst der damals ungewöhnliche Name „Homer“ ist schwer zu deuten: Im kleinasiatischen Smyrna (heute Izmir) hätte der Name „Geisel“ bedeutet, also die Herkunft von Kriegsgefangenen. Dann gab es eine Stadt namens Omeros im heutigen Syrien, usw. Egal, ob es ihn gab oder nicht, die Idee „Homer“ ist faszinierend. Ebenso wie der Umstand, dass der „Vater“ der abendländischen Literatur, der „Mann“, dem die „Griechen ihre Bildung verdanken“ (wie Platon sagte), aus einem Gebiet kam, in dem sich alle möglichen orientalischen Kulturen und Traditionen überlappten und gegeneinander beeinflussten.