„Ich will ein Urteil haben, auch wenn ich schuldig gesprochen werden sollte. Ich brauche das, um in meinem Kopf wieder klarzukommen.“

Der das sagt, ist Franz Schuster. Er ist ein erfolgreicher Unternehmer. Gemeinsam mit seiner Frau Manuela hat er im Jahr 1997 die Firma SST Schuster Spreng Technik in der Gemeinde Weißenstein gegründet. Diese ist spezialisiert auf herausfordernde Bauarbeiten.

Bis vor Kurzem hatte Firmenchef Franz Schuster (69) nichts mit Gerichten, mit Prozessen und Urteilen zu tun. Jetzt muss er sich gleich um drei Verfahren kümmern. Der Anlass für alles ist eine Tragödie, die die Familie Schuster bis heute nicht loslässt – „und es auch nie tun wird“, sagt der Unternehmer.

„Ein Albtraum für uns alle“

Am 8. Februar 2023 kam sein Sohn Marco (31) bei einem Arbeitsunfall in Oberösterreich ums Leben. Mit ihm starb ein bereits pensionierter Kollege (64), der für die Baustelle aus dem Ruhestand zurückgekehrt war. Die Männer waren in der Stadt Steyr im Einsatz.

Dort im Stadtteil Christkindl führten sie Sicherungsarbeiten an einem Hang durch. Gegen 10.20 Uhr löste sich ein rund 3000 Kubikmeter großer Felsblock und donnerte in die Tiefe. Die Kärntner hatten keine Chance zu entkommen, sie wurden von den Gesteinsmassen verschüttet und waren sofort tot. „Der schwärzeste Tag in meinem Leben. Ein Albtraum für alle von uns“, sagt Schuster.

Franz Schuster, Chef der Firma SST Sprengtechnik
Franz Schuster, Chef der Firma SST Sprengtechnik © Privat

Strafprozess geht im Herbst weiter

Als ob die Tragödie nicht genug wäre, muss sich Schuster am Landesgericht Steyr verantworten. Er sowie ein Geologe (61) und Chef eines großen Ziviltechnikerbüros sind wegen fahrlässiger Tötung angeklagt. Beide Männer bekannten sich am ersten Verhandlungstag nicht schuldig und wiesen dem jeweils anderen die Schuld an dem Unglück zu.

Sein Mandant habe sich auf die Einschätzung des Experten verlassen, so Schusters Anwalt. Der 69-Jährige selbst will zum laufenden Strafverfahren nichts sagen. Dieses wurde auf 14. Oktober vertagt, zwei Tage vor Schusters 70. Geburtstag. Bis dahin soll ein weiteres Gutachten vorliegen, das klären soll, wo der Bagger zum Zeitpunkt des Absturzes gestanden ist.

Der tragische Unfall beschäftigt auch die Zivilrechtsabteilung am Landesgericht Klagenfurt: Zum einen hat Schuster die Wildbachverbauung Oberösterreich, sie war der Auftraggeber für die Arbeiten, und den Geologen auf insgesamt 840.000 Euro Schadensersatz geklagt. Nach anfänglichen Widerständen der Rechtsvertretung des Geologen wurde das Verfahren dann aber bis zu einer Entscheidung im Strafprozess in Steyr vertagt.

Der Staat will fast zwei Millionen Euro

Schuster hat seinerseits Post vom Bundesministerium für Land- und Forstwirtschaft, Klima- und Umweltschutz, Regionen und Wasserwirtschaft (BMLUK) bekommen. Fast 1,9 Millionen Schadensersatz will das Ministerium von der Kärntner Firma für Kosten, die dem Bund, dem Land Oberösterreich und der Stadt Steyr als Folgen des Felssturzes entstanden sein sollen. So soll die Firma SST unter anderem 900.000 Euro für die Errichtung eines Steinschlag-Zauns bezahlen und 605.000 Euro für die Ablöse zweier Häuser, die von herabfallenden Felsen beschädigt wurden. Auch dieses Verfahren wurde bis zu einer Entscheidung im Strafverfahren vertagt.

Beträge, die „zwar beträchtlich sind, trotz der Versicherung“, die für Franz Schuster derzeit aber keine Rolle spielen. „Ich konzentriere mich mit aller Kraft auf das Strafverfahren“, sagt der 69-Jährige, der schon in Pension sein könnte. „Aber mit Marcos Tod haben wir nicht nur unseren Sohn, sondern auch unseren künftigen Chef verloren. Darüber spricht vor Gericht keiner. Da geht es nur darum, wer hat was getan und wer hat was nicht gemacht.“

Aufgeben war für Schuster in den Jahren nach dem Unglück dennoch nie ein Thema. „Daran habe ich nicht eine Sekunde gedacht. Ich bin das meinem Buben schuldig“, sagt der Unternehmer mit tränenerstickter Stimme.