Direkt nach Abpfiff drehte sich alles um einen: Superstar Kylian Mbappé. Der 27-Jährige brachte die Franzosen beim 2:0-Sieg über Marokko nach verschossenem Elfmeter mit einem sehenswerten Treffer in Führung, ehe Ousmane Dembélé den Deckel drauf machte. Doch es waren beunruhigende Bilder, die nach der Auswechslung Mbappes um die Welt gingen. Der Knöchel musste gekühlt werden, der Real-Madrid-Star ging bereits nach 76 Minuten vom Platz. Droht der Super-Gau? „Ich habe eine leichte Knöchelverletzung, aber mir geht’s bestens“, gab der Torschütze Entwarnung. Bei diesen Worten herrschte wohl kollektives Aufatmen in der „Grande Nation“, der Heilsbringer kann weitermachen, die Chance auf den dritten WM-Titel lebt.

Doch genau diese konzentrierte Sichtweise auf Mbappé, bei all der Weltklasse, die auch seine 20 WM-Treffer nach ebenso vielen Spielen beweisen, würde dem diesjährigen französischen Team nicht gerecht werden. Frankreich ist nicht Argentinien, wo alles auf Lionel Messi zugeschnitten und auf den man in diesem Turnier nicht nur einmal angewiesen war, wenn es um die entscheidenden Treffer ging. Logischerweise ist Mbappé mit seinen acht Treffern bei dieser Endrunde das Gesicht des Erfolgs. Doch Teamchef Didier Deschamps gelang im Hintergrund die wohl noch viel beeindruckendere Leistung. Aus einer Gruppe Superstars formte er eine Einheit, die tatsächlich unschlagbar scheint, so stark präsentierten sich die Franzosen bisher in Amerika.

Deschamps als Rekordmann

Allen voran eben die personifizierte Torgarantie von Real Madrid, die nach einer völlig verpatzten Saison bei den Spaniern ins Teamcamp reiste. Dass die Anwesenheit Mbappés das Konfliktpotenzial erhöht, ist gemeinhin bekannt. Doch es ist vor allem Deschamps zu verdanken, dass sich der Angreifer von der einstigen Diva zum absoluten Führungsspieler entwickelte. Das macht sich nicht nur mit seinen Auftritten auf dem Feld, sondern auch vor dem Mikrofon bemerkbar. Nicht umsonst spricht der Teamchef mittlerweile von einem „Vorbild“, wenn der Name seines Superstars fällt. Doch ist Mbappé nicht der einzige Akteur der Équipe Tricolore, dessen Ego es zu bändigen galt. Dembélé oder Adrien Rabiot sind weitere Leistungsträger, die Deschamps nicht nur im Griff hat, sondern bei dieser WM zu Bestleistungen coachte.

Deshalb ist es kein Wunder, dass die Trainerrekorde bei Weltmeisterschaften nach und nach purzeln. Mit dem fixierten Halbfinale wird Deschamps die deutsche Legende Helmut Schön mit 26 WM-Spielen als Rekordcoach ablösen, die meisten Siege bei Endrunden (20) hat er bereits in der Tasche. Der 57-Jährige, der 1998 als Spieler und 2018 als Teamchef Weltmeister wurde, könnte mit einem weiteren Titel das erste „Triple“ der WM-Geschichte holen und somit sogar Franz Beckenbauer und Mario Zagallo in den Schatten stellen. Spielerisch lösten seine Franzosen bisher jede Herausforderung. Neben lockeren Galavorstellungen bei den Siegen gegen Norwegen (4:1) und Schweden (3:0), präsentierte sich Le Blues eiskalt und effizient gegen den Irak (3:0) und leidensfähig beim 1:0-Achtelfinalerfolg über Paraguay.

Kurz vor dem Gipfelsieg

Kritik am oftmals unspektakulären Spielstil Deschamps ist verklungen, dafür sind eben solche Auftritte wie gegen Marokko hauptverantwortlich. Der Teamchef hat in der französischen Heimat alle hinter sich vereint – und das, obwohl er vor einigen Wochen sogar aus dem Teamcamp abreiste. Im Gruppenspiel gegen Erling Haalands Norweger ließ er sich von Guy Stephan vertreten, um in Frankreich dem Begräbnis seiner verstorbenen Mutter beizuwohnen. Als Deschamps zurück bei seiner Mannschaft war, zeigte auch er Emotionen, hielt eine große Rede, bei der er die Mission Weltmeistertitel mit der Besteigung eines Berges verglich. „Ihr seid fähig, etwas Großes zu erreichen.“ Das totale Vertrauen war ihm sicher, die Seilschaft der Superstars auf dem Weg zum Gipfel.