Jacopo ist gerade dabei, die Erde von sich wegzudrücken. Sein Shirt hat keine Ärmel, der Bizeps ist prall und braucht die Luft zum Atmen. Im Augarten gibt es davon genug. Und als der 25-jährige Psychologiestudent seinen letzten Liegestütz schafft, springt er auf, klopft sich auf die Brust. Jacopo zieht sein Programm durch. Auf Liegestütz folgt Klimmzug, auf Klimmzug folgt Dip – eine Eigengewichtübung, bei der man sich vom Barren abstützt. Der junge Mann weiß, was er tut und wie er es tut. Und er tut es vor allem hier – im Calisthenics-Park im Grazer Augarten – gerne.

Es gibt Trends, die muss man gar nicht lange suchen. Sie springen einem förmlich vor die Augen. Calisthenics ist ein genau solcher. Klimmzugstangen und Eisenbarren sprießen mittlerweile in öffentlichen Parkanlagen aus dem Boden. Die Outdoor-Fitness-Studios bieten eine Basisausstattung, dem Publikum reicht das. Neben Jacopo trainieren an diesem Vormittag unter der Woche sieben weitere Männer im Augarten. Auf einen richtigen Trainingsplan vertraut hier niemand, vielmehr auf die eigene Einschätzung. „Die Geräte sind begrenzt, aber das stört mich nicht, ich kann trotzdem mein Ding durchziehen“, sagt Arkadi. Wer eine Anleitung brauchen würde, könnte auf die QR-Codes zurückgreifen, die auf den Geräten sind. Wer diese scannt, bekommt eine genaue Erklärung der Übung aufs Handy.

Eisernes Training unter freiem Himmel

Seit zwei Jahren kommt der 54-Jährige zweimal in der Woche für je zwei Stunden hierher. Egal ob im Sommer oder im Winter. Das sieht man auch. Arkadis Bizeps ist größer als der Kopf eines Kleinkindes. Während er seine Beine abwinkelt und seinen Oberkörper auf zwei Eisenstangen auf und ab drückt, erzählt er, dass er nichts anderes brauche als den Augarten. „Ein Fitnessstudio ist viel zu teuer, außerdem laufen dort zu viele Leute herum, denen es nicht um Sport geht, sondern die lieber Bilder für Instagram machen oder sich schminken“, sagt Arkadi. Im Calisthenics-Park würde es hingegen um die Sache gehen, um die eigenen Grenzen auszutesten und sie zu überschreiten. Arkadis nächstes Ziel: Ein Muscle Up – ein Klimmzug und ein Dip, die in einer fließenden Bewegung kombiniert werden. Ganz schön schwer, ganz schön ästhetisch – klassisch für Calisthenics, das frei übersetzt „schöne Kraft“ bedeutet.

Arkadi trainiert hart für seinen Fortschritt
Arkadi trainiert hart für seinen Fortschritt © Klz / Stefan Pajman

Klar ist: Wer im Freien trainiert, braucht ein gewisses Maß an Selbstbewusstsein. Hier zu trainieren beginnen sei für niemanden eine Überwindung gewesen. Es geht hier auch ums Sehen und Gesehenwerden. Ivan, 23, gerade an der Klimmzugstange, sieht das als Vorteil: „Hier kann ich meinen Oberkörper zeigen, mein T-Shirt ausziehen und Frauen meinen Körper zeigen – im Fitnessstudio wäre das ja wieder verboten.“ Tatsächlich ist an diesem Wochentag keine einzige Frau bei den Calisthenics-Geräten. Es sind nur Männer, die ihre Kraft zur Schau stellen.

Calisthenics’ Versprechen hält

In einer idealen Welt ist Sport für alle da, für alle zugänglich. Calisthenics hat genau dieses Ziel. Die Geräte sind meist in Parkanlagen kostenlos zu benutzen. Es braucht keine Anmeldung, keine Abos, kein strenges Kurskonzept. In der Theorie kann jeder kommen, trainieren und gehen wann und wie er will. Das macht auch Herfried, 73, gerade an Schulterdrücken. Fünf Mal in der Woche kommt der Pensionist hierher, seit drei Jahren. Der Fortschritt ist ihm anzusehen, die Adern schlängeln sich entlang des Trizeps. „Mittlerweile schaffe ich 20 bis 30 Klimmzüge, zu Beginn habe ich keine geschafft“, sagt er stolz. Ähnlich schwärmt Gerhard. Der 68-Jährige hält sich hier fit, will einfach in Bewegung bleiben. Einem klaren Plan folgt er nicht, aber „Hauptsache ich bewege mich an der frischen Luft“, sagt er. Andere Senioren kommen nur für fünf Minuten vorbei, wippen kurz auf dem Stepper hin und her und drücken dreimal bei der Bankpresse an.

Die Männer im Park sind zufrieden mit ihrer Fitness, das ist nicht bei allen so. Speziell Menschen unter 30-Jährigen hinterfragen ihr Aussehen und die Wirkung davon auf andere regelmäßiger und intensiver. Die Ö3-Jugendstudie aus dem Jahr 2025 hat ergeben: Nur 19 Prozent sind sehr zufrieden. 52 Prozent sind ziemlich zufrieden, 23 Prozent wenig und sechs Prozent gar nicht. Die Männer im Augarten haben keine Selbstzweifel.

Lukas sucht im Outdoor-Gym einen Ausgleich
Lukas sucht im Outdoor-Gym einen Ausgleich © Kurakin/ Kleine Zeitung

Nicht alle von ihnen wollen aber nur stärker werden. Manfred, 47, will nach einem schweren Unfall wieder eine Grundfitness aufbauen, alles mit Eigengewicht – „das ist das Gesündeste, was du machen kannst“. Lukas, 26, braucht einen Ausgleich zum stressigen Studiumalltag, also rammt er seine Handflächen in zwei Eisenstangen und stoßt sich weg. Die meisten dieser Übungen könnten alle hier alleine machen, daheim, ohne Equipment. Aber das will niemand. Jacopo sagt: „Das ist hier schon so etwas wie eine Community, man unterstützt sich, pusht sich, plaudert und macht in der Natur etwas für seinen Körper – was könnte besser sein?“