„Keine Ahnung“, sagt Bernhard Eisel und lacht, „wahrscheinlich bin ich diese Anstiege tausendmal gefahren.“ Die Weststeiermark, die am Mittwoch von der Tour of Austria durchfahren wird, ist seine Heimat, in der er vor vielen Jahren den Grundstein für seine Profikarriere gelegt hat. Mittlerweile hat er den Sattel mit dem Autositz getauscht und wird als Sportdirektor das Team von „Lidl-Trek“ rund um Patrick Konrad und Tao Geoghegan Hart, den Giro-Sieger 2020, durch die Landesrundfahrt dirigieren. „Die erste Etappe muss ich mir nicht genau anschauen, da gibt es wenig, das ich nicht richtig gut kenne“, sagt er. Die Schlussrunde mit dem Hammeranstieg in Glanz hat er sich dennoch noch einmal in Erinnerung gerufen. „Auch wenn die Etappe den ganzen Tag über schwer ist. Ruppig und richtig, richtig anspruchsvoll wird es erst hinten hinaus. Aber sie animiert schon davor zum Angreifen“, sagt Eisel (45), der mit den ersten Attacken schon bei Kilometer Null (Steinberg) rechnet.
Bei der Streckenbesichtigung, die im Radsport „Recon“ (abgeleitet von „Reconnaissance“) genannt wird, machten sich zahlreiche Profis noch vor der abendlichen Teampräsentation auf dem Grazer Mariahilferplatz ein Bild von Demmerkogel, Weinstraße und Co. Das Nationalteam rund um Gregor Mühlberger spulte im steilsten Anstieg, der sich mit bis zu 21 Prozent in Glanz hinaufschlängelt, sogar noch Intervalle ab. „Wir sind uns einig, dass diese Etappe gleich ein richtiger Scharfrichter wird. Da wirst du einen guten Tag brauchen, sonst geht es richtig nach hinten. Gut, dass wir uns das angeschaut haben, jetzt wissen wir wenigstens, was auf uns zukommt“, meinte der Oberösterreicher, der etwa beim Giro als „Edeldomestik“ für Felix Gall unterwegs war. Er kenne die Anstiege auf der Weinstraße, „die sind mir in Erinnerung geblieben, aber nicht unbedingt im positiven Sinn.“ Es gehe auch darum, sich so schnell wie möglich mit den neuen Teamkollegen im Nationalteam abzustimmen, um „ nicht gleich auf der ersten Etappe zu viel Zeit zu verlieren. Von Kilometer 70 bis Kilometer 35 vor dem Ziel muss man dabei sein, die letzten 20 bringen dann sicher die Entscheidung!“
Dass in Voitsberg ein Zwischensprint ausgefahren wird, freut Eisel freilich besonders. „Auch weil ich das selbst erlebt habe. Damals war mein Bruder Arnold noch dabei.“ 2002 führte die Schlussetappe von Sankt Michael im Lungau nach Graz. Nach Zwischensprints in Murau und Judenburg wartet hinter dem Gaberl die Sonderwertung in Voitsberg. Arnold trug das Trikot von „Elk“, der um neun Jahre jüngere der Eisels fuhr damals seine zweite Profisaison im legendären Trikot von „Mapei-Quickstep“.
„Das ist eine andere Liga“
Erst ganze 17 Jahre zog Bernhard Eisel nach 1250 Renntagen, 19 Grand Tours und 47 Teilnahmen an Klassikern einen Schlussstrich unter die aktive Karriere. „Wenn ich noch einmal jung wäre, würde ich aber wieder in den Radsport gehen. Aber so, wie wir den Sport gesehen haben, wie wir uns bewegt und alles gemacht haben, dürften wir uns auf der World Tour keine Nummer mehr auf den Rücken machen“, sagt er und lacht. Das Geschäft habe sich massiv geändert: „Es war etwas komplett Anderes damals. Die Profis jetzt sind mehr im Höhentraining, sie trainieren mehr. Wir haben schon gedacht, dass wir viel und richtig trainieren. Aber das ist jetzt schon noch einmal eine andere Liga.“
Auch sein Lidl-Trek-Team führt Talente über das Development-Team höchst professionell an die World Tour heran. Und freilich hoffen alle, den nächsten Pogačar in ihren Reihen zu haben: „Für alle anderen im Feld ist es Sport, für Tadej ist es ein Spiel. Er liefert Zahlen, bei denen den anderen schwindlig wird“, sagt Eisel. Der Slowene ist neben der hohen medialen Präsenz (auch in Streamingdiensten) für ihn ein Mitgrund für den aktuellen (Renn-)Rad-Boom bei Aktiven und Zusehern. „Bei allen Rennen sind mehr Menschen an der Strecke. Es ist ein Ereignis geworden, die Menschen haben gesehen, dass es sehr familientauglich ist und man den Sport mit einem schönen Ausflug verbinden kann.“ Das zeige sich auch bei der Tour de France: „Zuerst gab es bei den Frauen unter den Zuschauern die größte Wachstumsrate. Jetzt sind es Familien mit Kindern, die vermehrt kommen.“