„Mir war immer klar, das Ding muss gefunden werden.“ Stefan Weiß leitet das Museum Schloss Bruck, „kramt“ damit stets im Gedächtnis der Stadt Lienz. Keiner weiß genau, welche Schätze sich im Archiv in den historischen Mauern verbergen. Einen davon hat Weiß nun gehoben. Zusammen mit Fritz Joast, Mentor im Kultur- und Theaterbereich aus Virgen. Lange suchte der pensionierte Bäckermeister das verschollene Original eines bedeutenden Theaterstücks: das „Virger Rosenkranzspiel“. Manchmal hätte er aufgeben wollen, gesteht Joast. Doch immer wäre Hoffnung dagewesen. Vor allem durch Gespräche mit alten Virgerinnen und Virgern, die das Stück einst – die letzten Aufführungen waren in den 1930er- und 1960er-Jahren in Lienz und Virgen – selbst spielten. „Die haben voller Emotionen darüber gesprochen.“

Sie haben den Schatz gehoben: Kulturmentor Fritz Joast (links) und Stefan Weiß, Leiter des Museums auf Schloss Bruck und des Stadtarchivs von Lienz
Sie haben den Schatz gehoben: Kulturmentor Fritz Joast (links) und Stefan Weiß, Leiter des Museums auf Schloss Bruck und des Stadtarchivs von Lienz © Andre Schmidt

Der Ursprung des Textes – im Original „Dimas, durch den Heiligen Rosen-Krantz der Hoell entrissener Raub“ – ist nicht belegt. Um die Wende des 17. und 18. Jahrhunderts wurde er von unbekannter Hand wohl im Innsbrucker Raum niedergeschrieben. Diese Spielhandschrift gelangte in den Besitz des Lienzer Spitalsarztes, Politikers, Kommandanten und Kunstsammlers Anton Wurnig (1892–1985). Wurnig versah sie mit einem Einband und rettete sie über die Kriegszeiten. Dann verschwand das Original, nur eine Abschrift existierte noch. Bis Joast und Weiß es aufspürten – in den Beständen von Schloss Bruck, unversehrt im Couvert, versehen mit einer Inventarnummer, nur falsch einsortiert. „Zwischen alten Briefen und Erbschaftsregelungen“, lacht der Museumsleiter

Auf den Spuren der Bruderschaften

Germanistikprofessor und Theaterautor Toni Bernhart von der Uni Stuttgart hat sich der historischen Aufarbeitung angenommen. Er berichtet von den Rosenkranzbruderschaften im bayerisch-österreichischen Kulturraum – ordensähnlichen Männervereinigungen, die sich der Pflege des Rosenkranzbetens widmeten. Sie schufen die Tradition der Spiele und die Figur des Dimas, eines jungen Adligen, der in die Fänge des Teufels gerät. Bernhart: „Wie der Dimas von Innsbruck nach Lienz kam? Wir wissen es nicht.“ Bekannt ist: Das Virgener Rosenkranzspiel wurde schon vor drei Jahrhunderten publikumswirksam in Osttirol aufgeführt.

Sie stehen hinter dem Projekt „Dimas / Freilichtaufführung Virgen“ (von links nach rechts): Josef Dichtl (Sprecher Theatergruppe Rabensteiner), Regisseur Norbert Mladek, Mentor Fritz Joast, Literaturwissenschaftler Toni Bernhart, Harald Mair (Sprecher Theatergruppe Rabensteiner), Obfrau Kathrin Mariacher, Helene Köfler (Theatergruppe Rabensteiner) und Dietmar Ruggenthaler (Bürgermeister Virgen)
Sie stehen hinter dem Projekt „Dimas / Freilichtaufführung Virgen“ (von links nach rechts): Josef Dichtl (Sprecher Theatergruppe Rabensteiner), Regisseur Norbert Mladek, Mentor Fritz Joast, Literaturwissenschaftler Toni Bernhart, Harald Mair (Sprecher Theatergruppe Rabensteiner), Obfrau Kathrin Mariacher, Helene Köfler (Theatergruppe Rabensteiner) und Dietmar Ruggenthaler (Bürgermeister Virgen) © Andre Schmidt

Neuaufführung im Jahr 2029

Doch die Geschichte ging und geht weiter. 1936 schuf Fanny Wibmer-Pedit, Schriftstellerin und Lienzer Ehrenbürgerin, eine Neufassung. Später realisierte der aus Lienz stammende TV-Autor Robert Hölzl Aufzeichnungen für den ORF. Nun soll das Stück endgültig im Hier und Jetzt ankommen – die Theatergruppe Rabensteiner Virgen und der Innsbrucker Regisseur Norbert Mladek werden es neu aufführen. Im Sommer 2029 wird es in einer Freilichtinszenierung soweit sein. Natürlich in Virgen. Joast, selbst Rabensteiner: „Warum sollte das Stück nicht mehr zeitgemäß sein? Der Kampf von Gut und Böse ist immer zeitgemäß.“

Ein wahrhaft teuflischer Diener

Die zentralen Themen sind die Gier, die Manipulierbarkeit. Und die Frage, welche Rolle der Glauben dabei spielt. Dimas ist ein reicher Erbe. Er könne mit dem Besitz machen, was er wolle, hatte der Vater auf dem Sterbebett gesagt, aber zwei Dinge verfügt: Er müsse täglich den Rosenkranz beten und dürfe nie einen Diener haben. Am Gebet hält Dimas, ein frommer, junger Mann, fest. Doch einen Diener stellt er ein. Der verschafft Dimas sogar Zauberkraft, mit der er seinen besten Freund ermordet. „Eine drastische Szene, die an ein Computer-Spiel erinnert“, so Regisseur Mladek. In Wahrheit ist es der Teufel, der Dimas dient und ihm den Weg in die Hölle ebnet. Doch dass er trotz aller Boshaftigkeit täglich den Rosenkranz gebetet hat, rettet ihn vor diesem Schicksal.

Regisseur Norbert Mladek stammt aus Innsbruck. Zusammen mit der Theatergruppe Rabensteiner Virgen hat er auch 2018 die „Piefke-Saga“ auf die Bühne gebracht
Regisseur Norbert Mladek stammt aus Innsbruck. Zusammen mit der Theatergruppe Rabensteiner Virgen hat er auch 2018 die „Piefke-Saga“ auf die Bühne gebracht © Andre Schmidt

Ein zweifelhaftes Ende, wie Mladek zugibt: „Schon eine schräge Geschichte. Man muss nur täglich beten – und es passiert einem nichts.“ Dennoch sieht der erfahrene Regisseur das Stück als genau passend an: „Es ist zutiefst menschlisch und ‚heutig‘, da ist so viel Modernes drin“. Elemente von Faust und Jedermann seien zu finden, dazu der Kampf zwischen einem Ritual, das Menschen heute eher mit ihrem Smartphone hätten, und dem Kontrollverlust. Auch den Teufel sieht Mladek in der Jetztzeit angekommen: „Er ist ein Verführer, ein charismatischer Influencer.“