Das iranische Regime versucht, mit der Massenbeteiligung an der mehrtägigen Trauerfeier für den getöteten Regimechef Ali Khamenei eine breite Unterstützung der Bevölkerung für seine Herrschaft vorzutäuschen. Doch die Islamische Republik dürfte nach dem Ende der Feiern schnell von der Wirklichkeit eingeholt werden. Die Führung ist korrupt, die Wirtschaft liegt am Boden, Hass auf Amerika und Israel lenkt davon ab, dass die theokratische Diktatur keine Zukunftsperspektiven zu bieten hat. 

Keine Spur vom neuen Staatschef

Als Sieger über USA und Israel präsentierte sich die Führung bei den Trauerfeiern – doch der neue Staatschef Modschtaba Khamenei fehlte. Er blieb dem Trauerzug für seinen eigenen Vater und die eigene Ehefrau fern, weil er Angst hatte, von Israel getötet zu werden. Khamenei regiert seit vier Monaten, ist bisher aber nicht gesehen worden. Der Iran hat keine nennenswerte Luftabwehr mehr, sein Sicherheitsapparat ist vom israelischen Geheimdienst Mossad unterwandert. 

Dass das Regime mit seinen Erfolgen prahlt, aber den eigenen Anführer nicht schützen kann, ist nur eines von vielen Zeichen der Schwäche. Die iranische Wirtschaft war schon vor dem Krieg in einem desolaten Zustand, nicht zuletzt wegen Korruption und Misswirtschaft. Erst vor ein paar Monaten trotzten Millionen Iraner dem Repressionsapparat des Regimes und gingen auf die Straße, um gegen explodierende Preise, schlechte Lebensbedingungen und die Gängelung durch religiöse Vorschriften zu protestieren. Ali Khamenei ließ tausende unbewaffnete Demonstranten erschießen.

Kein Rezept, außer Gewalt

Der 86-jährige Khamenei war am 28. Februar, dem ersten Tag des amerikanisch-israelischen Angriffskrieges auf den Iran, bei einem Luftangriff in Teheran getötet worden. Mit seinem Tod nach fast 40 Jahren an der Macht trat die Gründergeneration der islamischen Revolution von 1979 ab. Der ältere Khamenei und seine Altersgenossen hatten vor dem Umsturz jahrzehntelang gegen das Schah-Regime gekämpft; die Mitglieder der neuen iranischen Führung unter Khameneis Modschtaba waren noch Kinder oder junge Männer, als der Schah gestürzt wurde.

Doch auch unter Modschtaba Khamenei hat das Regime außer der Gewalt keine Rezepte, um mit innenpolitischen Reformforderungen umzugehen. Teheran ließ sogar während des Krieges mutmaßliche Regimegegner hinrichten, die Sängerin Parastoo Ahmadi wurde jetzt zu 72 Peitschenhieben verurteilt, weil sie sich ohne Kopftuch bei einem Konzert filmen ließ.

Ein Koloss auf tönernen Füßen

So regiert keine Führung, die sich ihrer Unterstützung durch die Bevölkerung sicher ist. Experten schätzen den Anteil der treuen Gefolgsleute des theokratischen Systems auf etwa 20 Prozent der 60 Millionen iranischen Wähler. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis neue Proteste ausbrechen.

Die innenpolitischen Spannungen werden auch die außenpolitischen Ambitionen des Regimes hemmen. Teheran setzt militärische Druckmittel wie Raketen und Drohnen und wirtschaftliche Erpressung wie die Kontrolle über die Straße von Hormus ein, um die neue Macht des Iran im Nahen Osten zu festigen. Doch solange die Führung einen Großteil der Bevölkerung gegen sich hat, bleibt der Iran trotz seiner Größe und seines Öl- und Gasreichtums ein Koloss auf tönernen Füßen. Daran ändert auch das Massenaufgebot von Regime-Anhängern bei den Trauerfeiern nichts.