Spanien stellt das perfekte Schutzschild dar, um dahinter in Deckung zu gehen. Man müsse die Klasse des Europameisters anerkennen, es sei eine der weltbesten Mannschaften und nicht umsonst ein Turnierfavorit. Man müsse zur Kenntnis nehmen, dass zu dieser Klasse des Gegners doch einiges fehle. Aber die generelle Richtung, die das Nationalteam eingeschlagen habe, würde schon stimmen. So ungefähr lautete der Grundtenor im ÖFB-Lager nach der 0:3-Niederlage gegen die Iberer und dem damit verbundenen WM-Aus im Sechzehntelfinale. Alles Argumente, gegen die man vordergründig nichts einwenden kann.

Die Situation erinnert ein wenig an die Europameisterschaft 2021. Damals scheiterte Österreich unter der Anleitung von Teamchef Franco Foda in der ersten K.o.-Runde am angehenden Europameister Italien, allerdings erst nachdem der Außenseiter den haushohen Favoriten im Wembley bis zum Ende der Verlängerung gefordert hatte. Danach ließen sich Foda und Co. einen Sommer lang als moralischer Sieger feiern, nur um im Herbst ein ganz böses Erwachen zu erleben. Schon vor der EM befand man sich im Stimmungstief, danach implodierte die Lage. Ein Turnier, bei dem man über sich hinauswuchs, hatte vieles kaschiert.

Kritische Aufarbeitung

Zwei gravierende Unterschiede zu damals sind erkennbar. Positiv: Das Teamgefüge erscheint wesentlich stabiler als damals, also spricht diesmal tatsächlich einiges dafür, im Herbst am Aufgebauten anschließen zu können. Negativ: Von einem Turnier, bei dem Österreich auch nur annähernd über sich hinauswuchs, kann nach der WM keine Rede sein. Entsprechend wäre es sehr wohl ratsam, das Schutzschild beiseitezulegen und sich aus der Deckung zu wagen, sobald der erste Schock verdaut ist. Eine kritische Aufarbeitung der WM-Erkenntnisse ist unerlässlich, um nicht Gefahr zu laufen, ebenfalls ein böses Erwachen zu erleben, wenn es im Herbst in der Nations League unter anderem gegen den von Foda betreuten Kosovo geht.

Ausgleich von Sasa Kalajdzic gegen Algerien: Der einzige bleibende WM-Moment ist schnell gefunden
Ausgleich von Sasa Kalajdzic gegen Algerien: Der einzige bleibende WM-Moment ist schnell gefunden © AP/

Letztlich war die WM aus rot-weiß-roter Sicht viel Pflicht, wenig Kür. Eine brave Abarbeitung des Mindestsolls. Viel Durchschnitt. Keineswegs mehr, aber auch nicht weniger. Für ein Fußballland, das traditionell keine allzu hohen Ansprüche an sich stellt, ist das schon okay. Zumal es ja stimmt, dass der regierende Weltmeister Argentinien und der amtierende Europameister Spanien zu den größten Kalibern zählen, die man erwischen kann. Aber man sollte nicht vergessen, dass es genau dieses biedere Denken ist, das Ralf Rangnick mit seinem Amtsantritt als Teamchef zu eliminieren versuchte. Den Charme dieses Nationalteams unter seiner Anleitung machte es aus, dass größer zu denken nicht nur erlaubt, sondern sogar erwünscht war. Die Mannschaft strebte fortan die besonderen Momente an und lieferte sie auch relativ verlässlich. Selbst das unnötige EM-Aus im Achtelfinale war angesichts der zuvor erzeugten Euphorie rasch verziehen.

Nur ein Moment für die Geschichtsbücher

Besonderen WM-Moment gab es letztlich nur einen, der war dafür einer für die Geschichtsbücher. Die allerletzte Minute in Kansas City machte Sasa Kalajdzic quasi unsterblich und mit ihm Daniel Warmuth als Live-Kommentator dieses Ereignisses. Da konnte man schon mal darüber hinwegsehen, dass sich das ÖFB-Team durch den algerischen Führungstreffer wenige Minuten zuvor ob seiner Naivität beinahe bis auf die Knochen blamiert und vorzeitig die Heimreise angetreten hätte. Wie wohl dann das WM-Fazit ausgesehen hätte? Seither legte man nur mehr die Offenbarung der Chancenlosigkeit gegen Spanien nach.

Neben diesem Punkt gegen Algerien bleibt der mühselig erarbeitete Sieg gegen tapfere Jordanier als zählbare Ausbeute. Zu Gute halten kann man der Mannschaft die Drucksituation, die beide Matches begleitete. Im ersten Spiel wurden allseits drei Punkte erwartet, im dritten Match gab es keinen Spielraum für Missgeschicke. Dem muss man ohne WM-Erfahrung erst einmal standhalten.

Alexander Schlager war einer der wenigen ÖFB-Gewinner der WM
Alexander Schlager war einer der wenigen ÖFB-Gewinner der WM © IMAGO

Und sonst? Neun Gegentore in vier Spielen sind natürlich zu viel für die eigenen Ansprüche und wirken ein wenig befremdlich, wenn man bedenkt, dass Tormann Alexander Schlager sogar noch der große Gewinner im ÖFB-Team war. Die Wahl des Salzburgers erwies sich als goldrichtig, die Defensive vor ihm allerdings als zu einfach angreifbar. Die Arbeit gegen den Ball war bestimmt nicht auf jenem Niveau, das diese Elf eigentlich liefern kann. Dies gestand man im Turnierverlauf auch selbstkritisch ein. Allzu viele Spieler sind es nicht, die mit ihrer individuellen Leistung zufrieden sein können. Vielleicht Marcel Sabitzer, der sich in Form präsentierte, aber Teamplayer genug ist, um dennoch nicht happy zu sein.

Christoph Baumgartner ist nicht zu ersetzen

Eine Erkenntnis ist fraglos, dass die Arbeit von Christoph Baumgartner für dieses Team auf dem Platz nicht nahtlos zu ersetzen ist. Neben dem Platz hat sich der verletzte, aber trotzdem nachgereiste Leipzig-Legionär ganz gut eingebracht, dies dient aber natürlich nur als schwacher Trost. Am ehesten deutete noch Paul Wanner in manchen Phasen an, dass er die Zehner-Rolle übernehmen kann. Der Youngster ist generell wie Carney Chukwuemeka ein riesiger Gewinn für einen routinierten Kader, der nach der WM keinen Umbruch, aber doch eine schrittweise Verjüngung gebrauchen könnte.

Christoph Baumgartner nahm in einer anderen Rolle Einfluss, als Zehner war er nicht ersetzbar
Christoph Baumgartner nahm in einer anderen Rolle Einfluss, als Zehner war er nicht ersetzbar © GEPA

Eine interne Begutachtung wird auch in sämtlichen Bereichen rund um das Team notwendig sein. Der Staff ist inzwischen beachtlich angewachsen. Sollte es Themengebiete gegeben haben, die nicht zufriedenstellend bearbeitet wurden, wäre es wünschenswert, die notwendigen Adaptierungen vorzunehmen. Zum Thema wurde beispielsweise das Fitness-Level. Rangnick spielte diesbezüglich den Ball den Vereinen beziehungsweise den Spielern selbst zu, die unter dem Jahr für die notwendige Arbeit daran verantwortlich seien. Das ist grundsätzlich nicht unrichtig, aber gleichzeitig kein Dementi, dass es diese Problematik gab. Sollte es im eigenen Einflussbereich Optimierungsbedarf geben, um die Spieler bei zukünftigen Turnieren frischer wirken zu lassen, sind diese Lehren natürlich zu ziehen. Auf der Haben-Seite lässt sich der vorausschauende Umgang mit Krisen-Situationen verbuchen. Die diesbezügliche Arbeit mit dem Autor Ali Mahlodji im Rahmen der Vorbereitung machte sich spätestens in Kansas City bezahlt. Auch an den Rahmenbedingungen lag es bestimmt nicht, dass man diesmal Durchschnitt blieb. Denn das Basecamp in Santa Barbara erwies sich als herausragend.

Rangnicks Rückschlüsse

Im ersten Herbst-Match gegen Israel feiert Rangnick mit dem 50. Länderspiel in seiner Ära ein „goldenes“ Jubiläum auf Österreichs Trainerbank. Inzwischen scheinen rot-weiß-rote Turnierteilnahmen keine Ausnahme mehr zu sein, womit man endlich im internationalen Zyklus angekommen scheint, alle zwei Jahre aufgrund der Endrunden-Erkenntnisse Anpassungen vornehmen zu können. Auf Rangnicks Rückschlüsse darf man durchaus gespannt sein. Denn es wäre verwunderlich oder ein Fall von „Verösterreichisierung“, wenn er die WM-Leistungen achselzuckend hinnehmen und keinen Fortschritt anstreben würde. So bleibt der erste K.o.-Sieg bei einem Turnier seit 1954 weiter ein lohnenswertes Ziel.