Skandinavische Autorinnen und Autoren schreiben offenbar gerne in Zyklen. Der Norweger Karl Ove Knausgård wurde damit weltberühmt und hat gerade wieder einen neuen Teil seiner „Morgenstern“-Reihe veröffentlicht, die Dänin Asta Olivia Nordenhof sorgt mit einem auf sieben Teile angelegten Zyklus ebenfalls für Aufsehen. Bereits der erste Teil mit dem Titel „Geld in der Tasche“ schlug in Dänemark ein wie eine Bombe, Nordenhof erhielt dafür den Literaturpreis der Europäischen Union, jetzt ist mit „Das Teufelsbuch“ der zweite Teil erschienen. Dreh- und Angelpunkt der Reihe ist die Schiffskatastrophe der „Scandinavian Star“, bei der 1990 bei der Überfahrt von Oslo nach Frederikshavn 159 Passagiere bei einem Brand ums Leben kamen. Vermutlich wurden auf dem Schiff mehrere Brände gelegt, die Hintergründe sind bis heute ungeklärt.
Rund um dieses Ereignis konstruiert Nordenhof ihren Zyklus, der allerdings nichts mit einer Aufarbeitung oder Rekonstruktion der Katastrophe zu tun hat. Vielmehr ist das Unglück bzw. das mutmaßliche Verbrechen die Blaupause für eine monumentale Gesellschaftskritik. Nordenhof vermischt Fiktion, Fakten und Autofiktionales; ihr literarisches Großprojekt dient dazu, menschliche Gier und ihre Folgen bloßzulegen. Dieser verbale Soundtrack ist laut, wütend verstörend, schmerzhaft – und höchst lesenswert.
„Ich habe mich verkauft, wie alle.“ Dieser Satz kann als Motto über „Das Teufelsbuch“ stehen. Der Satz stammt von der Hauptfigur Olivia, die während der Corona-Pandemie einen Mann kennenlernt und sich von ihm in dessen Londoner Wohnung einladen lässt. Dort, gleichsam in Quarantäne, schreibt sie ihre traumatische Begegnung mit T. nieder. Mit ihm, einem reichen Mann, geht sie als Prostituierte einen Pakt ein: Olivia lässt sich in eine Wohnung einsperren, jeder Kontakt mit der Außenwelt ist ihr verboten, es kommt zum Sex, in der Mitte des Bettes liegt ein Messer. Doch Olivia wird zu nichts gezwungen und hat jederzeit die Möglichkeit auszusteigen.
Was sie schließlich auch tut - und wird reich belohnt für ihre Dienste. Was folgt, ist das tobende Protokoll einer Versehrten, Verstörten, Beschämten, die einerseits durch patriarchale Machtfantasien missbraucht wurde, andererseits aber selbst den Mechanismen der Gier unterlegen ist. Fazit: Der Kapitalismus zerstört alles. Auch das, was wir einmal Liebe genannt haben.