„So einen wie dich brauchen wir!“ Alois Indrich war Bergführer, hatte die großen Nordwände der Alpen bestiegen und die Diamirflanke am Nanga Parbat. Greenpeace suchte für eine spektakuläre Protestaktion beim tschechischen Atomkraftwerk Temelin einen Mann, der sich mit Seilen und Bergsteigen auskannte.
Vom Amazonas nach Temelin
Der gebürtige Oberösterreicher hatte kurz davor den Amazonas bereist und dort die höchsten Berge bestiegen. Als er darüber Vorträge hielt, kritisierte man, dass er die Abholzung der Regenwälder nicht erwähnte: „Das war für mich damals kein Thema, mein Thema war Bergsteigen. Aber ich dachte mir, dass er eigentlich recht hat und so bin ich zu Greenpeace gekommen.“ Temelin war damals gerade in Bau und Greenpeace sorgte in den 1980er-Jahren mit spektakulären Aktionen weltweit für Furore. Das Anbringen eines riesigen Stofftransparents mit der Aufschrift „Stop ČSFRnobyl!“ auf dem Atomkraftwerk Temelin war eine dieser ikonischen Aktionen – und Alois Indrich trug entscheidend zum Gelingen bei.
„Wir wussten ja nicht, was uns bevorsteht, ob sie uns vielleicht verhaften würden“, erinnert sich Indrich zurück. Die Aktionsgruppe unter der Leitung von Wolfgang Pekny drang damals auf das Gelände des AKWs ein: „Das war gar nicht abgesperrt.“ Jeder der vier Kühltürme ist 155 Meter hoch, über die Leiter eines dieser Kühltürme kletterte das Team nach oben. „Auf der untersten Plattform haben die Blockierer den Weg abgesperrt, um zu verhindern, dass der Werkschutz hochkommt.“ In 155 Metern Höhe angekommen bohrte der ausgebildete Bergführer Bolts, also Bohrhaken: „Danach haben wir uns abgeseilt und das um die 2000 Quadratmeter große Banner verspannt.“ Als das Aktions-Team bei der Arbeit war, zog ein Unwetter auf: „Das war ein ordentlicher Sturm und wir sind hin- und hergeflogen.“ Als man von den Kühltürmen wieder nach unten kletterte, hat man den Aktionsleiter festgenommen. „Mich hat man gar nicht mitgenommen.“
Von Tschechien in die Schweiz
Nach der erfolgreichen Aktion in Temelin engagierte man ihn auch für das AKW im schweizerischen Leibstadt: „Das Werk war aber im Unterschied zu Temelin in Betrieb. Eine Greenpeace-Gruppe hat nahe dem Eingang versucht, den Zaun zu überklettern und der Werkschutz wollte sie abwehren. Die eigentliche Aktionsgruppe ist aber auf der anderen Seite über den Zaun, das hat man aber erst zu spät bemerkt.“ Nach getaner Arbeit wurde Indrich verhaftet: „Wir sind sofort abgeführt worden, wurden aber freigesprochen.“
Wäre er nicht Alpinist gewesen, wäre er wohl nicht zum Aktivismus gekommen: „Ich bin in Steyr aufgewachsen und schon mit meinem Vater in die Berge gegangen. Das Gesäuse war anfangs mein Hauptgebiet“, erinnert sich der 74-Jährige zurück. Später absolvierte er die großen Westalpentouren: Eiger, Grand Jorasses oder die direkte Dru-Westwand. „Als ich noch keinen Führerschein hatte, fuhren wir mit einer zweisitzrigen Puch mit eineinhalb PS drei Stunden ins Gesäuse.“ Solo-Begehungen und Erstbegehungen folgten, zum Beispiel eine Solo-Begehung der Däumlingkante im Dachsteinmassiv. Indrich war aber auch weltweit unterwegs, eine seiner größten Touren führte ihn an den Nanga Parbat, wo er in der Diamirflanke die Kinshofer-Route auf den 8125 Meter hohen Berg meisterte. In den Anden gelang ihm die Erstdurchsteigung der direkten Huascaran-Ostwand auf den höchsten Gipfel Perus (6768 Meter).
„Heute hat sich der Aktivismus totgelaufen“
Dass ihn der Alpinismus auch zum Aktivismus geführt hat, macht ihn stolz, zumal er danach auch für Greenpeace oder Global 2000 hunderte Vorträge und Filme gedreht hat. Aktionen wie Temelin haben sicherlich dazu beigetragen, dass man in Österreich kritischer mit der Atomkraft umgeht. Die Protest-Plakate an den AKWs gehören zu den ikonischsten Bildern, die Greenpeace-Aktionen schufen. 40 Jahre nach der Katastrophe von Tschernobyl 1986 sind allerdings immer noch 100 Kernkraftwerke in der EU in Betrieb, auch Temelin. Und einige Länder überlegen, neue Kernkraftwerke zu bauen. In den 1980er- und 1990er-Jahren protestierte man gegen Atomkraft, die Zerstörung des Ozonloches oder gegen den Walfang. „Heute hat sich der Aktivismus totgelaufen, weil die Firmen dazugelernt haben. Anfangs ging der Werkschutz ja mit Wasserwerfern gegen die Aktivisten vor und das war für Greenpeace super. Doch später wurde man gefragt, ob eh alles passt und ob man einen Kaffee haben möchte.“