Wenn die heutige, schwere Etappe von Gemona del Friuli nach Piancavallo startet, trennen Felix Gall noch rund 330 Kilometer vom Stockerlplatz beim Giro d‘Italia. In Galls Heimat Osttirol hat das Radsportfieber längst den Siedepunkt erreicht. Allen voran beim Felix-Gall-Fanklub rund um Stefan Mutschlechner. „Wir werden mit etwa 30 Leuten beim Schlussanstieg nach Piancavallo dabei sein,“ so Mutschlechner, der auch Sportpräsident beim Skiclub Lienz ist. Mit Transparenten, Osttirol-Beachflags, Kuhglocken und vielem mehr wollen die treuen Anhänger „ihren Felix“ den bis zu 14 Prozent steilen Berg „hinaufbrüllen“.
Fanklub sorgt für Stimmung am Berg
Der Fanklub konstituierte sich nach Galls Sieg auf der 2023er-Königsetappe der Tour de France. Zusammen mit Andreas Pfurner, Bürgermeister von Galls Heimatgemeinde Nußdorf-Debant, hatte man nach der Triumphfahrt durch Frankreich das „Gall-Festl“ organisiert. Über 600 Radfans kamen, die meisten mit dem Rad. Auch im Vorjahr bei der Tour of the Alps sorgte der Fanclub am Extremanstieg nach Stronach für „wahre Tour-Stimmung“, wie Franz Theurl, Obmann beim Tourismusverband (TVB) Osttirol und bei allen Radsportveranstaltungen der Region begeistert involviert, erzählt.
„Überaufgeregt“ verfolgt Galls Mutter den Giro
Die Eltern des Radstars vom Team Decathlon, Petra und Herbert Gall, werden ebenfalls aus der 3500-Seelen-Gemeinde Nußdorf-Debant nach Italien reisen, um ihren Sohn hinauf nach Piancavallo zu unterstützen. „Überaufgeregt“ sei sie, berichtet Petra Gall. Aber auch voller Hoffnung, dass der 28-Jährige auch bei dieser Bergankunft vorne dabei ist und so das Podium absichert.
Beim TVB jubelt und bangt man mit: „Für eine Region, die seit Jahrzehnten konsequent auf den Radtourismus setzt, bedeutet Felix‘ Aufstieg einen enormen Impuls – sportlich, touristisch und wirtschaftlich.“ Obmann Theurl erinnert sich an die Anfänge Galls, der ihm bei der traditionsreichen Dolomitenradrundfahrt, die heuer im Juni 75-jähriges Jubiläum feiert, erstmals auffiel: „2014 kam er als 15-Jähriger mit einer sensationellen Zeit von 3 Stunden und 14 Minuten ins Ziel.“ Man hätte dies damals gar nicht glauben können und sämtliche Zeiten an den Checkpoints überprüft. Sie stimmten. „Ich bin dann zum Felix und habe ihm gesagt, dass er einmal ein ganz Großer wird.“
Bereits im Jahr 1876 wurde in Lienz der erste Radfahrverein Österreichs gegründet. Galls Erfolge sorgen in der Region für einen wahren Boom, wohl noch nie waren so viele einheimische Rennradler und -radlerinnen auf den Straßen unterwegs. Die positiven Auswirkungen gehen bis zum florierenden Fahrradhandel vor Ort, wie Werner Zanier, Geschäftsführer von Fitstore24, bestätigt. Zanier unterstützte Gall vor allem zu Beginn seiner Laufbahn als Mentor und Sponsor, auch Snowboard-Doppel-Olympiasieger und Neo-Radrennfahrer Benjamin Karl vertraut zum Start seiner zweiten Karriere auf die Hilfe von Österreichs größtem Online-Radhändler.
Nicht zuletzt dank Gall hat sich der Radsport zu einem zentralen touristischen Motiv der Alpenregion mit 241 Bergen und Nebengipfeln über 3000 Meter Höhe entwickelt. Laut Umfragen der Touristiker besuchen mehr als ein Viertel der Sommergäste Osttirol „mit dem Schwerpunkt Radfahren oder Radsport“. Auch die Profi-Teams haben Galls Heimat längst für sich entdeckt. So absolvierte das einstige Bora-hansgrohe-Team – heute Red Bull – über Jahre hinweg sein Trainingscamp in Osttirol. Aktuell bereitet sich das Astana-Team in Lienz auf die Tour de France vor.
Rückenwind für den Tourismus
Den Boom will man nachhaltig nutzen. Der TVB investierte in den vergangenen Jahren intensiv in die Infrastruktur. Mit modernen Radwegen, aber auch (E-)MTB-Routen und Bikeparks soll „die Positionierung als hochwertige Ganzjahres-Raddestination“ gestärkt werden. Bei den Radvereinen der Region häufen sich derweil die Anfragen. Quer durch alle Altersgruppen, sodass der Langlauf- und Radsportclub (LRC) Lienzer Dolomiten über eine Trainingsgruppe für Schüler und Jugendliche nachdenkt. Dass der umtriebige Theurl auch Obmann des LRC ist, dürfte dem Wachstum nicht schaden.
Selbst wird das Tourismus-Oberhaupt nicht nach Italien fahren, stattdessen startet er Überlegungen, wie man diesmal Osttirols Aushängeschild in der Heimat würdigt. Und vor allem, wie er den eigenen Herzenswunsch erfüllt, wieder eine Giro-Etappe nach Osttirol zu holen. 2011 rollte das rosa Trikot zuletzt durch den Bezirk Lienz. Eine Neuauflage soll möglichst schnell erfolgen – natürlich mit dem Rückenwind von Galls Popularität. Bis dahin vertraut Theurl dem Fanklub: „Ich glaube, dass sich Felix über den Auftritt seiner Freunde sehr freuen wird und hoffe, dass es ihm auf den letzten Metern zum Etappenziel gelingt, die hervorragende Position zu halten.“