Die Erwartungen für die Inflation zeigten nach unten, jene für die Konjunktur zumindest zart nach oben. Die Vorbereitungen für die Frühjahrslohnrunde ließen zunächst nicht erahnen, wie hart und bisweilen unnachgiebig die Sozialpartner heuer agieren würden. Zum Verhandlungsstart in der Elektro- und Elektronikindustrie, die traditionell die erste Branche im KV-Reigen ist, war der Iran-Krieg erst wenige Tage „alt“ – allgemein wurde davon ausgegangen, dass sich das nicht allzu lange hinziehen wird. Doch nun zeigt sich: Die Inflation zieht an, die Konjunktur nicht. Auch das spiegelt sich in den Verhandlungen über die Kollektivverträge (KV) wider. In einigen Industriezweigen, aber auch im Tourismus, spießt es sich gehörig, die Vorstellungen liegen teils weit auseinander. Die letzten Monate haben aber auch – sehr unterschiedlich ausgestaltete – Abschlüsse gebracht. Ein Überblick.
Elektro- und Elektronikindustrie. Seit elf Wochen wird über einen neuen KV für die 60.000 Beschäftigten verhandelt, vier Runden blieben bisher ergebnislos. Laut den Gewerkschaften PRO-GE und GPA liegt das Angebot der Arbeitgeber für Lohn- und Gehaltserhöhungen weiterhin bei einem Prozent, bei einer Teuerungsrate von 3,3 Prozent. Gefordert wird ein Plus von 3,5 Prozent. Die Arbeitgeber vermissen Realitätssinn, die Gewerkschaften orten Respektlosigkeit und rufen zu vorsorglichen Streikbeschlüssen auf. Die Arbeitgeberseite hat nach eigenen Angaben einen neuen Vorschlag vorgelegt, über den am 28. Mai weiter verhandelt wird.
Chemische Industrie. Hier sind für die 50.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bereits sechs KV-Runden gescheitert. Die Arbeitnehmervertreter haben nun – vor der siebenten Verhandlungsrunde am 2. Juni – im Zeitraum von 26. Mai bis 1. Juni zu Warnstreiks aufgerufen. Die Forderung liegt bei einem Plus von 3,5 Prozent, die Arbeitgeber haben bisher eine Einmalzahlung von 250 Euro geboten. Beide Seiten werfen sich Unbeweglichkeit vor.
Papierindustrie. Sechs Runden waren nötig, um den neuen KV für die 7500 Beschäftigten zu paktieren. Die KV-Mindestlöhne und -gehälter werden rückwirkend mit 1. Mai um 2,4 Prozent erhöht, ebenso die Lehrlingseinkommen. Die Ist-Löhne und -Gehälter werden um 1,8 Prozent plus 28 Euro angehoben. Im Schnitt liegt das Plus laut Gewerkschaft bei 2,5 Prozent bzw. bis zu 2,75 Prozent für die niedrigsten Einkommen. Die für die KV-Runde relevante Inflationsrate betrug 3,35 Prozent.
Textilindustrie. Für die 7500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gab‘s bereits am 23. März einen Abschluss. Die KV-Löhne stiegen um 2,9 Prozent, die Ist-Löhne um 2,5 Prozent.
Gastro und Hotellerie. Das Ringen um den Tourismus-KV wird seit Wochen von gegenseitigen Vorwürfen begleitet. Im Anschluss an die dritte KV-Runde am Donnerstag war zumindest beidseitig von „sachlichen und konstruktiven Gesprächen“ die Rede. Die Arbeitgeber boten zuletzt 3 Prozent Lohn- und Gehaltserhöhung. Die vida fordert nun eine Erhöhung von mindestens 73 Euro brutto in der untersten Lohngruppe sowie 65 Euro brutto in der obersten Lohngruppe.
Banken-KV. Hart zur Sache ist es auch beim Tauziehen um einen neuen KV für die rund 68.000 Beschäftigten in der Finanzbranche gegangen. Nach sechs Runden haben sich die Sozialpartner schließlich auf einen Abschluss einigen können: Die kollektivvertraglichen Mindestgehälter wurden um drei Prozent sowie einen Fixbetrag von fünf Euro erhöht.
Flughäfen. Ende April einigten sich die Sozialpartner auf einen neuen KV für die gut 6500 Arbeiter und Angestellten an Österreichs Flughäfen – die Löhne und Gehälter steigen um 2,4 Prozent.
Post. Die Post hat mit der Gewerkschaft ebenfalls eine Einigung bei den Gehaltsverhandlungen erzielt. Für alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einschließlich der Lehrlinge gibt es um drei Prozent mehr – der neue Kollektivvertrag gilt ab 15. September. Allfällige Nebengebühren und Zulagen steigen ab 1. Oktober ebenfalls um drei Prozent.
Seilbahnen. Anfang April gab es einen KV-Abschluss für die 17.500 Beschäftigten in der Seilbahnwirtschaft. Die Lohnerhöhung ab 1. Mai betrug durchschnittlich 3,57 Prozent. Der Brutto-Einstiegslohn wurde auf 2218 Euro pro Monat erhöht. Niedrigverdiener und Lehrlinge erhalten ein Lohnplus von 3,74 Prozent.
Papier-/Kartonverarbeiter. Ende März wurde für die 8500 Beschäftigten der Papier- und Kartonverarbeiter – rückwirkend mit 1. März – eine Einigung erzielt. Die KV-Erhöhung lag bei 2,65 Prozent – mindestens 90 Euro und maximal 145 Euro pro Monat.
IT-KV. Von Mitte November bis Mitte März hat sich das Gerangel um einen neuen KV für die 90.000 Beschäftigten in der IT-Branche gezogen. Es kam auch zu Warnstreiks. In der siebenten Runde konnte ein Durchbruch erzielt werden: Die Mindestgehälter stiegen sozial gestaffelt zwischen 3,1 und 2,7 Prozent. Im Schnitt lag die Erhöhung bei 2,9 Prozent. Die Ist-Gehaltssumme sowie die Zulagen werden um 2,75 Prozent erhöht.