Die Lösung wirkte beinahe lächerlich einfach: ein Stapel billiger Baumarktziegel, aufgeschichtet – und darüber ein günstiges Gewächshaus für Gemüse. Doch für die bedrohten Goldenen Laubfrösche, die den Winter in Sydney überstehen mussten, wurden diese improvisierten Saunen zu einer Frage von Leben und Tod. Anthony Waddle,
„Was wäre, wenn ..?“
Anthony Waddle, Naturschutzbiologe an der Macquarie University in Sydney, hatte eine entscheidende Beobachtung gemacht: Diese Frösche lieben die Hitze des australischen Sommers. „Wir hatten eine Hypothese: Was wäre, wenn wir sie im Winter warm halten könnten? Was, wenn das ein Frosch ist, der es lieber warm hätte?“
Das Experiment ging auf. Die Frösche bevorzugten die warmen Unterschlüpfe gegenüber allen anderen Lebensräumen. Ihre Körpertemperatur stieg so weit an, dass sie den Chytridpilz abwehren konnten – einen Krankheitserreger, der sich in Kälte besonders wohlfühlt und inzwischen als schlimmste invasive Art des Planeten gilt. Die von ihm ausgelöste Krankheit, die Chytridiomykose, sei „die verheerendste Wildtierkrankheit der bekannten Geschichte, gemessen am Verlust an Biodiversität“, sagt Kerry Kriger, Ökologe und Gründer der Organisation Save the Frogs. Der Pilz hat bereits 90 Arten ausgerottet, rund 500 weitere sind bedroht.
Für Waddle ist der Kampf gegen den Pilz zutiefst persönlich. Aufgewachsen im ländlichen Raum rund um Las Vegas, verbrachte er seine Kindheit damit, Kaulquappen in der Mojave-Wüste zu fangen. Faszinierend fand er „diese Art von Paradox in der Wüste – Amphibien, die unbedingt Wasser brauchen, und davon gibt es dort kaum etwas“. Aus dieser frühen Faszination wurde eine wissenschaftliche Mission, getragen von der Verwunderung über die Metamorphose selbst: „Man hat ein Wesen, das unter Wasser schwimmt und mit Kiemen atmet – und plötzlich ist es ein Frosch.“
Doch die Saunen, so erfolgreich sie waren, offenbarten eine ernüchternde Grenze. Hat sich der Chytridpilz einmal in einem Ökosystem etabliert, lässt er sich nicht mehr ausrotten. „Lebensraumschutz ist extrem wichtig, wird Amphibien aber nicht vor Chytrid-Infektionen retten, wenn der Pilz einmal da ist“, sagt Kriger. In Australien hängen inzwischen ein Dutzend Arten vollständig vom Überleben in Gefangenschaft ab.
Die Herausforderung verlangte nach mehr. Waddles derzeit wichtigstes Projekt besteht darin, Hunderte der bedrohten Laubfrösche zu impfen, um sie im Sydney Olympic Park auszuwildern – dem größten verbliebenen Lebensraum dieser Art in der Metropole. Sein Team brachte Wildfrösche ins Labor, heilte ihre Infektionen und spielte, wie Waddle es nennt, „Frosch-Heiratsvermittler“. Nach Tausenden von Kaulquappen bereiten sie nun die Auswilderung geimpfter Jungtiere vor.
Der Impfstoff erweist sich als erstaunlich wirksam: 100 Prozent der behandelten Frösche entwickeln eine Resistenz. Doch es gibt einen Haken. Wie bei Menschen wird die Immunität nicht an die Nachkommen weitergegeben. Jede Generation muss neu behandelt werden. Für manche Arten reicht die Zeit für solche schrittweisen Ansätze nicht mehr aus. Der vom Aussterben bedrohte Corroboree-Frosch etwa braucht vier Jahre, um sich fortzupflanzen. „Dass sie in diesem Zeitrahmen selbst eine Resistenz entwickeln, wird schlicht nicht passieren.“ sagt Waddle.
An diesem Punkt wird die Arbeit umstritten: Gentechnik. Mithilfe von Plasmiden versucht Waddles Team, Fröschen Gene zu verleihen, die sie resistent machen. „Wenn es bei australischen Fröschen wirkt, könnte es bei jedem Frosch auf der Welt eingesetzt werden.“ so Waddle. Kriger warnt jedoch vor enormen Hürden: Genehmigungsverfahren, Finanzierungsbedarf und die grundsätzliche Unvorhersehbarkeit neuer Gene in wilden Populationen. „Wir müssen äußerst vorsichtig vorgehen – der Einsatz ist zu hoch, um zu hastig zu handeln“, sagt er.
Jodi Rowley, Naturschutzbiologin an der University of New South Wales, sieht die Risiken ebenfalls, hält den technologischen Fortschritt aber für ein notwendiges Übel: „Jede Einführung von etwas Neuem birgt Risiken, wie wir am Beispiel der Aga-Kröte in Australien gesehen haben. Aber wir haben den Planeten so stark verändert, dass innovative Lösungen wie diese notwendig sein könnten.“
Der Fokus müsse laut Rowley darauf liegen, durch strenge Prozesse sicherzustellen„ dass die Maßnahmen den Ökosystemen nicht weiter schaden“. Dennoch bleibt die globale Anwendung eine Herkulesaufgabe. Rowley gibt zu bedenken, dass Rettungsmissionen dieser Art kostspielig sind: „Naturschutz ist immer eine Frage der Priorisierung.“ Solche mutigen Missionen werden nicht für alle 500 Arten möglich sein, aber sie könnten „ein weiteres, sehr wirkungsvolles Werkzeug in unserem Instrumentarium sein“.
Es geht ums Überleben
Die Dringlichkeit ist existenziell. Mit den Amphibien verschwinden auch ihre Funktionen in den Ökosystemen: Sie kontrollieren krankheitsübertragende Insekten, dienen zahlreichen Arten als Beute und regulieren den Nährstoffaustausch zwischen Wasser- und Landlebensräumen. Darüber hinaus produzieren Frösche antimikrobielle Peptide, die bei der Bekämpfung von Antibiotikaresistenzen helfen könnten, sowie neuartige Schmerzmittel, die süchtig machende Opiate ersetzen könnten. „Wir verlieren extrem wertvolle Informationen – und potenzielle Ansätze für Innovationen in der menschlichen Gesundheit“; warnt Waddle.
Trotz seiner Pionierarbeit in der synthetischen Biologie sieht sich Waddle nicht als Missionar. „Ich betrachte das als ein Werkzeug unter mehreren“, sagt er. Die Forschung an transgenen Fröschen sei bislang rein experimentell – Auswilderungen sind nach australischem Recht noch nicht erlaubt. „Wenn wir die Ersten sind, tragen wir auch das Risiko, es falsch zu machen.“ sagt er. „Und wenn wir es falsch machen, werfen wir das gesamte Feld um ein Jahrzehnt zurück:“ Dennoch hält ihn weniger Angst als Vorfreude wach: „Ich kann es kaum erwarten zu sehen, was morgen in diesem Experiment passiert.“