Viele Jahre lang haben sie unseren Weg in den Urlaub am Meer begleitet. Wann die nach dem großen Erdbeben vom 6. Mai 1976 errichteten Notunterkünfte und Barackensiedlungen in Venzone, Osoppo, Gemona, Tarcento und den vielen anderen zerstörten Orten des voralpinen furlanischen Hügellandes verschwunden sind, kann ich nicht sagen. Mit der Eröffnung des Autobahnabschnitts von Tarvis nach Udine verschwanden sie aus dem Blickfeld der nach Süden Reisenden.

Das Erdbeben in Friaul ist das erste Elementarereignis, an das ich mich erinnere. Ich war damals sechs Jahre alt. Noch Jahre später sprachen wir in der Schule über die Ausläufer seiner Schockwellen, die noch in der heimatlichen Weststeiermark zu spüren gewesen waren.

„Orcolat“, so nennen die Friulaner in ihrem schönen alten romanischen Idiom das Ungeheuer, das der Sage nach in einer Höhle tief im Berg haust und jedes Mal, wenn es aus dem Schlaf hochfährt, die Erde zum Beben bringt. Diesmal kannte sein Furor keine Schranken. Innerhalb von nur 59 Sekunden riss das Beben 1000 Menschen in den Tod, zerstörte zahlreiche Ortschaften des voralpinen Hügellandes, vernichtete Kunstwerke von unschätzbarem Wert und machte Zehntausende obdachlos. Erdstöße in der Stärke von 6,5 auf der Richter-Skala maßen die Seismologen. Ein zweites verheerendes Beben am 15. September brachte schließlich zum Einsturz, was zu diesem Zeitpunkt noch aufrechtstand, und machte die Hoffnung auf einen raschen Wiederaufbau zunichte.

Und trotzdem ist Friaul unter großen Entbehrungen aus den Trümmern wiedererstanden.

50 Jahre danach, kurz vor dem Jahrestag der Katastrophe, habe ich mich dorthin auf Spurensuche begeben. In Venzone, dem von mittelalterlichen Mauern umgürteten Städtchen am Fluss Isonzo, das von den Erdstößen am 6. Mai und dem am 15. September folgenden zweiten Beben bis auf die Grundmauern eingeebnet und originalgetreu wiederaufgebaut worden war, traf ich Zeitzeugen und sprach mit ihnen darüber, wie die Ereignisse von damals bis heute ihr Leben bestimmen. Vanda Fadi, die ehemalige Volksschullehrerin des Ortes, erzählte mir, wie sie noch Jahre später, wenn in dem seismisch hochaktiven Landstrich die Erde leise bebte, im Klassenzimmer ihre Panik unterdrückte, um die ihr anvertrauten Kinder nicht zu verängstigen. Der pensionierte Bankangestellte Pietro Bellina erinnerte sich, wie er am 6. Mai gleich zweimal nur knapp dem Tod entronnen war. Don Roberto Bertossi, der Pfarrer, sprach über den symbolisch hochaufgeladenen Wiederaufbau des gotischen Doms. Und Franco d’Angelo, Gemeinderat in Venzone, berichtete von den Schwierigkeiten, in dem unter strengem Denkmalschutz stehenden Ort die der Kommune gehörenden Wohneinheiten an die Bedürfnisse des 21. Jahrhunderts anzupassen.

„Wir sind alle Kinder des Erdbebens“, sagte mir im Gespräch die Journalistin Giacomina Pellizzari, die über das Beben ein Buch geschrieben hat (Il terremoto in Friuli. Il risveglio dell’Orcolat, Gaspari, 2021). Gilt das nicht ein wenig für uns alle, die wir uns an den 6. Mai 1976 erinnern, insbesondere die vielen Freiwilligen aus Kärnten, der Steiermark und anderen Teilen Österreichs, die nach der Katastrophe und in den Jahren danach tatkräftige Hilfe und Beistand leisteten?

Von ihrer Solidarität und von der Wiedergeburt Venzones aus den Trümmern können Sie am Sonntag in der Kleinen Zeitung lesen. Es grüßt Sie herzlich

Stefan Winkler