Die Frage, die Gesundheitsjournalistin Sonja Krause ihren Gästen stellte, lautet: „Wie gut ist der Zugang von Patientinnen und Patienten zu hoch
innovativen Therapien in Österreich?“ Kommt das, was höchster medizinischer Standard ist, auch wirklich bei jedem an? Welche Rolle spielen dabei die Kosten?

„In Österreich hat jeder Patient, der in einer Krankenanstalt, also im sogenannten intramuralen Bereich, behandelt wird, ein Recht auf die beste Behandlung“, weiß Matthias Lukan. Dozent für Öffentliches Recht und Europarecht. Das gilt auch in Fällen, in denen diese beste Therapie teuer ist. Der Patient hat Anspruch auf jene Therapie, die dem internationalen Stand der medizinischen Wissenschaft und pharmazeutischen Forschung entspricht. Gesetzlich festgelegt ist auch, wer entscheidet, welche Therapie für einen bestimmten Patienten die beste ist: der behandelnde Arzt. Ökonomie darf hier keine Rolle spielen. Anders ist es, wenn es aus Sicht des Arztes gleichwertige Therapien gibt. Dann sind ökonomische Erwägungen zulässig, ja sogar angebracht.

Hochkarätig besetzte Diskussion in Graz auf Einladung der Pharmig
Hochkarätig besetzte Diskussion in Graz auf Einladung der Pharmig © KLZ/Gasser

So weit, so klar, in der Realität ist es jedoch komplizierter. Zuletzt für die Öffentlichkeit sichtbar wurde das im Fall des 16-jährigen Georg Polic, der an spinaler Muskelatrophie leidet. Ihm wurde von der KAGes eine teure Behandlung zunächst verweigert. Der Grund: In der Steiermark wurde das Medikament Spinraza – anders als in anderen Bundesländern – bisher nur Säuglingen verabreicht. In einem langen Rechtsstreit setzte seine Anwältin die Behandlung durch.

Ein Einzelfall?

„Ich habe keine Zahlen zu Behandlungsverweigerung, aber es kommt zu Diskussionen und Begehrlichkeiten. Wobei es in jedem Fall tragisch ist, wenn Patienten das Gefühl haben, dass sie nicht das Medikament bekommen, das State of the Art ist. Um ein Medikament zu kämpfen, ist keinem Patienten zumutbar“, erklärt Michaela Wlattnig. „Hoch innovative Medikamente sind natürlich kostenintensiv“, sagt Philipp Jost, Professor für Onkologie und Experte für molekulare Tumortherapie. „In unserem Bereich haben wir viele innovative, hochpreisige Medikamente, und die Mehrzahl der Patienten braucht und bekommt diese auch.“

Zu viel Bürokratie

Der Zugang zu innovativen Therapien sei in Österreich grundsätzlich gut, sagt Jost. Die Grundverfügbarkeit ist exzellent, auch der Wissensstand der Ärzte. Aber: Ein Problem ist der sehr bürokratische Prozess, den
Ärzte durchlaufen müssen, wenn sie eine hochpreisige Therapie für
ihre Patienten beantragen. Über die Klinikleitung muss der Arzt bei
der Krankenkassenanstaltengesellschaft einen Antrag stellen. Dass die Antragstellung oft einem Durchsetzungsprozess gleicht, kritisieren alle Anwesenden. Denn: „Unser System ist ganz klar so angelegt, dass der Arzt entscheidet. Wenn der Krankenkassenträger zu einer Therapie ja oder nein sagt, ist das rechtlich nicht zulässig“, stellt Matthias Lukan klar.

Trotz dieser klaren Gesetzeslage ist es faktisch so, dass der Patient
davon abhängt, dass sein Arzt die Therapie durchsetzt. Onkologe Jost weiß, was für einen Aufwand das für die ohnehin schon extrem belasteten Ärzte bedeutet. Kurz skizziert er, was die Lage für Ärzte aktuell so schwierig macht: „Durch den Ressourcenmangel auf allen Ebenen fällt viel unterstützende Leistung für Ärzte weg. Der Arzt ist dann der, der alles kompensieren muss.“ Sein Fazit: „Es kann nicht die Aufgabe des Arztes sein, Therapien aufwendig durchsetzen zu müssen.“ Auch in Hinblick auf die nächste Generation an Ärzten sagt er: „Wenig Ressourcen, zunehmende Komplexität und Heterogenität machen den
Beruf des Arztes immer schwieriger. Da muss das höchste Behandlungsniveau ein Paradigma sein, das steht!“

Theorie vs. Praxis

Dass ein Arzt Therapien „durchsetzen“ muss, findet auch Michaela Wlattnig unbefriedigend. „Der Träger sollte dem Arzt vertrauen. Entbürokratisierung muss vorangetrieben werden.“ Aus rechtlicher Sicht unterstreicht Matthias Lukan einmal mehr: „Rein rechtlich müssen Träger das Medikament zur Verfügung stellen, de facto muss der Arzt es durchsetzen.“ Er weist aber auch auf einen wichtigen Punkt hin: „Der Patient hat Rechtsanspruch auf ein Behandlungsniveau auf dem Stand der Wissenschaft. Es ist aber kein Wunschkonzert, was ein bestimmtes Medikament betrifft.“ Der Fall Georg Polic lag so, dass es kaum Erfahrungswerte für Spinraza bei älteren Kindern gab.

Alexander Herzog von der Pharmig weiß, dass hoch innovative Therapeutika kostenintensiv sind. Das hat unter anderem mit der jahrelangen Forschung zu tun, die in ihnen steckt. In den letzten 20 Jahren wurde etwa Krebs intensiv erforscht. „Das meiste Geld fließt in
die Onkologie“, so Herzog. Jost bestätigt: „Durch besseres Verständnis
der Tumorzellen können wir besser therapieren. Die neuen immunologischen Medikamente haben für den Patienten viele Vorteile: besseres Ansprechen, längere Überlebensdauer, ein Nebenwirkungsprofil, das akzeptabel ist. Ein Drittel aller Menschen in Europa wird von Krebs betroffen sein.“

Zugang sichern!

Die Wünsche an den Gesundheitsminister? Ein gemeinsamer Finanzierungstopf, Sicherstellung, dass Therapieentscheidungen
rein nach dem Stand der Wissenschaft erfolgen, Entbürokratisierung,
einheitliche Standards, Transparenz! Kurzum: Dass hochinnovative Medizin in Zukunft in jedem Fall verlässlich ankommt.