Kürzlich wurde die Grobtrasse der 380-kV-Leitung präsentiert. Sie führt auf rund 190 Kilometern durch 36 Gemeinden zwischen Lienz und Obersielach bei Völkermarkt. Neben der Koralmbahn ist sie der nächste wichtige Schritt zu einer nachhaltigen Entwicklung des Wirtschaftsstandortes Kärnten. Welche Chancen und welche Herausforderungen bringt diese Weichenstellung für die Zukunft mit sich?

Darüber diskutierten Monika Köppl-Turyna, Direktorin des Forschungsinstituts EcoAustria, Eva Tatschl-Unterberger, Geschäftsführerin KNG-Kärnten Netz GmbH, René Haberl, Vorstand Treibacher Industrie AG, Christian Todem, Leiter der Systementwicklung bei der APG sowie Peter Storfer, Geschäftsführer Bäckerei Knusperstube.

Was kann man sich aus wirtschaftspolitischer Sicht von einem Großprojekt wie der 380-kV-Leitung erwarten?

Monika Köppl-Turyna: Man sollte dabei zwei Ebenen beleuchten. Die eine ist der kurzfristige Effekt während der Bauphase, mit dem man wirtschaftliche Impulse generiert und die zweite, wichtigere Ebene, ist die standortpolitische Wirkung, die solch ein Projekt mit sich bringt. Denn niedrige Energiepreise sind ein entscheidender Faktor für Investitionstätigkeiten und dafür braucht es ein effizientes Strom-Netzwerk.

Monika Köppl-Turyna, EcoAustria: „Ob man Windräder schön ­findet oder nicht, das ist Geschmackssache. Der viel wichtigere Punkt ist aber, dass wir sie brauchen, auch wenn viele sie als unschöne ­Konstruktionen empfinden.“
Monika Köppl-Turyna, EcoAustria: „Ob man Windräder schön ­findet oder nicht, das ist Geschmackssache. Der viel wichtigere Punkt ist aber, dass wir sie brauchen, auch wenn viele sie als unschöne ­Konstruktionen empfinden.“ © Dieter Kulmer

Gegen den Lückenschluss zeichnet sich heftiger Widerstand in den betroffenen Gemeinden ab. Wie wichtig ist dieses Projekt und wo stehen wir derzeit damit?

Christian Todem: Die Kärntenleitung ist für die Versorgungssicherheit eines der herausragendsten Infrastrukturprojekte. Was vielen nicht bewusst ist: Wir gehen über in ein Energiesystem, in dem Strom die Führungsrolle übernehmen wird. Da stehen wir vor einer Revolution und die erneuerbaren und nachhaltigen Technologien werden dafür sorgen, dass wir nicht jedes Jahr zehn Milliarden Euro für Öl, Kohle und Gas ins Ausland überweisen müssen.

Eva Tatschl-Unterberger: Natürlich verstehe ich den Widerstand, den es in manchen Gemeinden gibt. Aber bei 190 Kilometern gelingt es nicht überall, bewohnte Gebiete zu umgehen. Tatsache ist auch, dass wir mit unserem Netz in Kärnten mittlerweile an die Grenzen dessen kommen, was möglich ist. Wir müssen daher bemüht sein, dieses Netz so schnell wie möglich zukunftstauglich zu machen, um die Möglichkeiten zu schaffen, die unser Bundesland braucht, um sich zu entwickeln.

Christian Todem, APG: „Jeden Euro, den wir in Zukunft nicht für fossile Energien ins Ausland ­überweisen müssen, können wir lokal investieren und für nachhaltige ­Energie verwenden. Dafür müssen wir koordiniert vorgehen.“
Christian Todem, APG: „Jeden Euro, den wir in Zukunft nicht für fossile Energien ins Ausland ­überweisen müssen, können wir lokal investieren und für nachhaltige ­Energie verwenden. Dafür müssen wir koordiniert vorgehen.“ © Dieter Kulmer

Peter Storfer: Es ist wichtig, die Sorgen und die Ängste der Anrainer ernst zu nehmen. Andererseits glaube ich, es ist ein so wichtiges Projekt, dass wir einfach eine Lösung finden müssen. Der Lückenschluss ist sowohl für die Industrie als auch für das Gewerbe ein ganz entscheidender Punkt, denn wir müssen über kurz oder lang aus den fossilen Energieträgern raus. Deshalb kann ich nur an alle appellieren, jetzt zusammen zu halten, um dieses volkswirtschaftliche Projekt mit Zukunftswirkung umzusetzen.

Köppl-Turyna: Natürlich ist eine Trasse nicht schön, aber ein Industriebetrieb an sich ist auch nicht schön und eine Autobahn auch nicht. Es ist wichtig zu erklären, dass ein Netzausbau reale Auswirkungen auf die Wirtschaft und den Standort hat. Denn durch den Ausbau der Infrastruktur im Energiebereich können wir die Netzkosten senken.Wenn wir das nicht tun, werden die Betriebe nach und nach weniger investieren und in zehn Jahren stehen wir dann ohne Industriebasis da. Das ist enorm gefährlich.

Peter Storfer, Knusperstube: „Es wird gegen den Lückenschluss der 380-kV-Leitung natürlich Proteste und Beschwerden geben. Aber es ist ein volkswirtschaftliches Projekt mit Zukunftswirkung, das wir realisieren müssen.“
Peter Storfer, Knusperstube: „Es wird gegen den Lückenschluss der 380-kV-Leitung natürlich Proteste und Beschwerden geben. Aber es ist ein volkswirtschaftliches Projekt mit Zukunftswirkung, das wir realisieren müssen.“ © Dieter Kulmer

Wie wichtig ist es für einen weltweit operierenden Betrieb wie die Treibacher Industrie AG, dass dieser Lückenschluss endlich kommt?

René Haberl: Der Lückenschluss bildet das Rückgrat der zukünftigen Versorgungssicherheit. Die Industrie ist mit 59.000 Arbeitsplätzen für Kärnten enorm wichtig. Mit Zulieferern und Serviceleistungen, sind es an die 100.000 Beschäftigte, die im Industrieumfeld arbeiten. Daher sind Projekte, die zukünftige Investitionen ermöglichen, auch Projekte, die der Bevölkerung nützen. Von fossilen Energieträgern wegzukommen, reduziert nicht nur unsere Abhängigkeit, sondern steigert auch die Wertschöpfung im Land. Eine Studie, die wir mit allen maßgeblichen Unternehmen in Kärnten durchgeführt haben, zeigt, dass sich der Strombedarf bis 2040 verdoppeln wird. Deshalb ist es so wichtig, diese Transformation zu schaffen.

Todem: Es macht auf alle Fälle Sinn, in erneuerbare Energie und starke Stromnetze zu investieren. Damit können wir in Zukunft billige Strompreise gewährleisten. Teuer wird es immer dann, wenn wir Energie aus Gaskraftwerken im Ausland zukaufen müssen.

René Haberl, Vorstand Treibacher Industrie AG: „Wir müssen akzeptieren, dass sich die ­Rahmenbedingungen massiv verändert haben. Deshalb ist es für die Zukunft in Kärnten so wichtig, den Transport der ­erneuerbaren ­Energien zu ermöglichen.“
René Haberl, Vorstand Treibacher Industrie AG: „Wir müssen akzeptieren, dass sich die ­Rahmenbedingungen massiv verändert haben. Deshalb ist es für die Zukunft in Kärnten so wichtig, den Transport der ­erneuerbaren ­Energien zu ermöglichen.“ © Dieter Kulmer

Es gibt auch immer mehr private Stromproduzenten, die ihren Strom einspeisen können. Inwiefern kann das zur Versorgungssicherheit beitragen?

Tatschl-Unterberger: In den letzten drei Jahren haben wir rund 43.000 Photovoltaik-Anlagen in Kärnten ans Netz genommen, die in Spitzenzeiten mehr an Leistung liefern können wie die Draukette. Das heißt aber auch, dass wir in der Lage sein müssen, solche Leistungen zu transportieren. Derzeit haben wir das Problem, dass wir in manchen Gebieten keine großen PV-Anlagen mehr genehmigen können, weil wir an unsere Auslastungsgrenzen kommen.

Storfer: Billiger Strom wäre natürlich sehr wichtig. Derzeit kosten mich meine 30 Prozent Strom so viel wie die 70 Prozent Gasenergie. Wenn ich wüsste, wie die Strompreise in fünf oder zehn Jahren sein werden, würde ich mir bei Investitionsentscheidungen leichter tun. Denn meine Erdgasöfen auf Strom umzubauen, kostet natürlich Geld, trotzdem würde ich den Mix gerne auf 50:50 bringen, um so von keiner Seite hundertprozentig abhängig zu werden. Kurzfristig werden wir aus dem Erdgas nicht heraus kommen, aber wir müssen diesen Weg einschlagen und dafür brauchen wir die stabilen Netze.

René Haberl: Als Industrie stehen wir derzeit enorm unter Druck. Umso dringender ist es für den Standort, schnell am Ausbau der erneuerbaren Energien und des Netzes weiterzuarbeiten, sonst kostet uns das massiv Zukunft. Es ist in der breiten Bevölkerung bisher zu wenig angekommen, wie angespannt die Situation tatsächlich ist.

Eva Tatschl-Unterberger, KNG: „Wir haben im Vorjahr rund 140 ­Millionen Euro in den Netzausbau investiert. Das sind einfach Dinge, die notwendig sind und die uns helfen werden, Kärnten eine gute Zukunft zu garantieren.“
Eva Tatschl-Unterberger, KNG: „Wir haben im Vorjahr rund 140 ­Millionen Euro in den Netzausbau investiert. Das sind einfach Dinge, die notwendig sind und die uns helfen werden, Kärnten eine gute Zukunft zu garantieren.“ © Dieter Kulmer