Frau Schimmler, Sie sind als erste Frau Teil der Geschäftsführung von Jugend am Werk Steiermark – in über 75 Jahren Unternehmensgeschichte. Warum das so lang gedauert?

Es könnte daran liegen, dass der Frauenanteil bei Jugend am Werk Steiermark schon immer hoch war und auch in der zweiten Führungsebene viele Frauen tätig sind. Deshalb war das Thema möglicherweise nicht so präsent. Ganz allgemein ist aber auffällig, dass weibliche Geschäftsführungen erst in den letzten Jahren selbstverständlicher geworden sind – das zieht sich durch fast alle Branchen und Bereiche. Eine Ausnahme ist der öffentliche Dienst, wo ich sehr lange gearbeitet habe. Hier ist das Geschlechterverhältnis in Führungspositionen relativ ausgewogen. 

Jugend am Werk arbeitet innovativ und professionell – und immer an den Bedürfnissen seiner Kund*innen orientiert.
Jugend am Werk arbeitet innovativ und professionell – und immer an den Bedürfnissen seiner Kund*innen orientiert. © Jugend am Werk Steiermark / Miriam Raneburger

Was hat Sie dazu bewegt, zu Jugend am Werk zu wechseln?

Ich habe Jugend am Werk schon immer als sehr innovativen und fachlichen Sozialträger erlebt. Die Haltung, die im Unternehmen gelebt wird, hat mich sehr beeindruckt. Ich bin seit 25 Jahren im Sozialbereich tätig und konnte diesen aus unterschiedlichen Perspektiven und Rollen, auch als Führungskraft, mitgestalten. Als die Stelle bei Jugend am Werk ausgeschrieben wurde, war das die Fortführung eines roten Fadens in meinem Leben. Und ich habe es noch an keinem einzigen Tag bereut: Mir geht noch immer das Herz auf, wenn ich sehe, wie viel wir als Unternehmen für die Gesamtgesellschaft beitragen können.

Seit mittlerweile zweieinhalb Jahren sind Sie Geschäftsführerin. Was hat sich in der Zwischenzeit getan?

Wir haben viele unterschiedliche Projekte, die wir vorantreiben. Aktuell reagieren wir etwa auf die Zunahme an psychiatrischen Erkrankungen und Belastungen und bieten deshalb inzwischen in fast allen steirischen Regionen Mobile sozialpsychiatrische Betreuung an. Auch Beratungsstellen haben wir eröffnet. Zusätzlich sind wir in der Kinder- und Jugendhilfe immer zur Stelle, wenn es innovative Lösungen braucht. Im Bereich der Behindertenhilfe arbeiten wir an neuen Wohnformen, tun uns aber auch mit Projekten für echte Inklusion auf dem Arbeitsmarkt hervor.

Sandra Schimmler ist seit 2023 Geschäftsführerin von Jugend am Werk Steiermark.
Sandra Schimmler ist seit 2023 Geschäftsführerin von Jugend am Werk Steiermark. © Jugend am Werk Steiermark / Koco

Was bedeutet echte Inklusion auf dem Arbeitsmarkt aus Ihrer Sicht?

Langfristig funktioniert das nur über Dienstverhältnisse und da liegt noch ein langer Weg vor uns. Im Moment steht Menschen mit Behinderung fast ausschließlich das Modell „Teilhabe an Beschäftigung“ zur Verfügung. Sie erhalten ein Taschengeld und können bis zur Geringfügigkeitsgrenze dazu verdienen, sind aber nicht angestellt. Mit inArbeit – einem Pilotprojekt von Jugend am Werk im Auftrag des Landes Steiermark – hat sich hier der Wind vor einigen Jahren zu drehen begonnen. Jetzt begleiten wir immer wieder Menschen mit Behinderung auf ihrem Weg zu einem echten Dienstverhältnis: mit kollektivvertraglicher Entlohnung, Urlaubsanspruch und Vollversicherung. Das ist ein wichtiger Schritt in Richtung echte Teilhabe.

Der Weg hin zu echter Inklusion auf dem Arbeitsmarkt ist noch weit. Mit Projekten wie inArbeit wurden aber wichtige Schritte gesetzt.
Der Weg hin zu echter Inklusion auf dem Arbeitsmarkt ist noch weit. Mit Projekten wie inArbeit wurden aber wichtige Schritte gesetzt. © Jugend am Werk Steiermark / Miriam Raneburger

Was bedeutet echte Inklusion auf dem Arbeitsmarkt aus Ihrer Sicht?

Langfristig funktioniert das nur über Dienstverhältnisse und da liegt noch ein langer Weg vor uns. Im Moment steht Menschen mit Behinderung fast ausschließlich das Modell „Teilhabe an Beschäftigung“ zur Verfügung. Sie erhalten ein Taschengeld und können bis zur Geringfügigkeitsgrenze dazu verdienen, sind aber nicht angestellt. Mit inArbeit – einem Pilotprojekt von Jugend am Werk im Auftrag des Landes Steiermark – hat sich hier der Wind vor einigen Jahren zu drehen begonnen. Jetzt begleiten wir immer wieder Menschen mit Behinderung auf ihrem Weg zu einem echten Dienstverhältnis: mit kollektivvertraglicher Entlohnung, Urlaubsanspruch und Vollversicherung. Das ist ein wichtiger Schritt in Richtung echte Teilhabe.

Im Herbst eröffnet Jugend am Werk Steiermark zwei neue Wohngemeinschaften für Kinder und Jugendliche in der Steiermark.
Im Herbst eröffnet Jugend am Werk Steiermark zwei neue Wohngemeinschaften für Kinder und Jugendliche in der Steiermark. © Jugend am Werk Steiermark / Miriam Raneburger

Gerade über die Kinder- und Jugendhilfe wird medial immer wieder berichtet. Oft heißt es, dass vor allem Plätze fehlen. Wie steht es da in der Steiermark?

Auch da arbeiten wir eng mit dem Land, der Bezirksverwaltungsbehörde und anderen Kooperationspartnern zusammen. Zum Platzmangel: Hier sind wir zur Stelle und eröffnen im nächsten halben Jahr zwei neue sozialpädagogische Wohngemeinschaften für Kinder und Jugendliche in Deutschlandsberg und Kobenz. Langfristig wollen wir ambulante und stationäre Angebote enger miteinander verzahnen und so eine integrierte Kinder- und Jugendhilfe schaffen. In dieser Sache ziehen in der Steiermark alle – vom Dachverband über das Land bis hin zu Stadt und Gemeindebund – an einem Strang.

Sie haben darüber gesprochen, wie wichtig qualifiziertes Personal ist –wie schwierig ist es, Fachkräfte zu finden?

Dass auch im Sozialbereich Fachkräftemangel vorherrscht, ist kein neues Thema. Als Jugend am Werk haben wir uns deshalb zum Beispiel an einer großangelegten Ausbildungsoffensive für Fachkräfte in der Behindertenhilfe beteiligt. Die ersten Absolvent*innen dieser Ausbildung zum/zur „Fachsozialbetreuer*in“ haben heuer ihren Abschluss gemacht. Gleichzeitig legen wir großen Wert darauf, unsere Mitarbeitenden zu unterstützen. Flexible Arbeitszeitmodelle, betriebliche Gesundheitsförderung, gezielte Weiterbildungs- und Entwicklungsmöglichkeiten sind für uns selbstverständlich. Ganz neu arbeiten wir auch mit Künstlicher Intelligenz, um administrative Tätigkeiten zu erleichtern.

Flexibilität muss sein: Bei Jugend am Werk werden unterschiedliche Lebensrealitäten der Mitarbeitenden berücksichtigt.
Flexibilität muss sein: Bei Jugend am Werk werden unterschiedliche Lebensrealitäten der Mitarbeitenden berücksichtigt. © Jugend am Werk Steiermark / Miriam Raneburger

Geht es in der Sozialwirtschaft nicht um die Arbeit mit Menschen? Wie passt eine KI in dieses Bild?

Der Mensch steht weiterhin im Mittelpunkt unseres Handelns. Unser neues KI-System „myJAW“ soll es den Mitarbeitenden lediglich erleichtern, sich möglichst auf ihre Rolle als Fachkraft zu konzentrieren. Der Chatbot ermöglicht zum Beispiel den Zugriff auf unser Qualitätsmanagement-System: Unternehmensrelevante Informationen lassen sich damit schnell und gezielt finden. Auch Textübersetzungen oder -anpassungen sind möglich. Das spart Zeit und entlastet die Teams.

Zum Abschluss: Ihre Tätigkeiten als Geschäftsführerin eines sozialen Unternehmens sind vielseitig, was gefällt Ihnen an Ihrem Job am besten?

Am meisten gefallen mir die vielfältigen Gespräche mit unterschiedlichen Personen. Sei es aus der Politik, der Verwaltung, Kooperationspartnern, der Sozialwirtschaft, aber auch zum Beispiel Bauträger, mit denen wir zusammenarbeiten. Und das Wissen, verändern zu können. Genauso wichtig sind für mich die Standortbesuche: Dort spürt man, wie viel Know-how, Engagement und Herzblut unsere Mitarbeitenden einbringen – und wie viel Wertschätzung von unseren Kund*innen zurückkommt. www.jaw.or.at