Sehenswürdigkeiten, die in einem Fremdenführer stehen, haben Marion und Michael Osmann noch nie besonders interessiert. Sie haben für ihre Entdeckungsreisen immer ihre ganz persönliche Bucket List von kunsthistorisch und architektonisch interessanten Häusern, zu denen Fremde nur auf Anfrage und auch dann nur sehr beschränkt Zutritt haben.

Die Leidenschaft kommt nicht von ungefähr: Revitalisierungen geschichtsträchtiger Bausubstanz sind seit rund 20 Jahren das Geschäft der Osmanns, hinzukommt, dass Marion Osmann als Fotografin ständig auf der Suche nach außergewöhnlichen Orten für ihre Ausstellungen ist.

 

Im Sommer 2019 fiel die Wahl für einen Wochenendausflug des Paares („einmal ohne Kinder,“ wie Michael Osmann sagt) auf das nördliche Weinviertel. Diesmal auf der „Bucket List“: Schloss Haggenberg, vor 800 Jahren als Burg errichtet, dann zum Renaissance-, und später zum Barockschloss umgebaut. Das Besondere daran: Der Vierkanter liegt von einem Wassergraben umgeben mitten in unverbauter Natur und ist bis heute frei von Bausünden. „Wir haben uns gedacht: So etwas kann es gar nicht geben, das ist wie aus einem Märchen herausgerissen. Das gibts normal nur im Film“, schwärmt Marion Osmann von der ersten Begegnung mit Schloss Haggenberg.

Das Paar kam eine Stunde zu früh zum vereinbarten Besuchstermin in Haggenberg, hatte extra Kuchen im Gepäck und wusste schlagartig: „Das ist es, wonach wir suchen.“ So eine Art von Gebäude wollten die Osmanns schon immer, um nach Jahren eher unsteten Aufenthalts endgültig sesshaft zu werden: ein schönes, großes, altes Haus, egal ob Mühle oder Schloss - und keineswegs als fertiges Nest, sondern gewissermaßen als Lebensaufgabe. Wer einfach nur modernen Wohnkomfort sucht, mag dazu „ewige Baustelle“ sagen. Aber so ticken die Osmanns eben nicht. „Dieses Haus hat relativ authentisch überlebt, sonst hat sich an solchen Gebäuden immer irgendjemand selbst verwirklicht“, erklärt Michael Osmann. Teilweise sind hier noch die alten Barockfenster erhalten, fast vollständige barocke Böden und Stuckdecken, auch ein Teil der alten Türen ist noch da. Schäden wurden restauratorisch korrekt ausgebessert. „Haggenberg verkörpert für uns das japanische Ästhetik-Konzept Wabi-Sabi, das auf der Wahrnehmung von Schönheit durch Akzeptanz des Vergänglichen und Unvollkommenen beruht“, sagt Marion Osmann. Dieses Schloss hat eine lange Geschichte, und die darf man ihm ruhig ansehen.

In den 1960ern beherbergte Haggenberg eine Künstlerkolonie, schillernde Persönlichkeiten wie Friedensreich Hundertwasser gingen hier ein und aus. Mit ihm kam auch dessen damaliger Privatsekretär Horst Wächter nach Haggenberg. 1986 erwarb Wächter das desolate Schloss samt Wassergraben, bewohnt und erhält es seither mit kleinem Budget aber größter Hingabe, und arbeitet seine Geschichte auf. Und daran wollte er eigentlich auch nie etwas ändern.

Dann kamen allerdings die Osmanns auf Besuch, und es trafen sich Seelenverwandte. Kurz gesagt: Das war der Beginn einer wunderbaren Freundschaft und Symbiose, die letztlich darin mündete, dass die Osmanns im Februar 2020 den Kaufvertrag für das Schloss unterschrieben und seither wie eine große Familie mit Horst Wächter auf Haggenberg zusammenleben. Was einfach klingt, bedurfte freilich einiger anwaltlicher Beratung und eines komplexen Vertragswerkes mit einem Wohnrecht für Horst Wächter, um für etwaige spätere Streitfälle die Rechte beider Parteien abzusichern.

Auf drei Stockwerke aufgeteilt

„Bisher gab es zwischen uns allerdings nicht eine einzige Unstimmigkeit“, sagt Marion Osmann. Der Plan für die Zukunft ist klar: „Wir sind nicht reich, aber wir beschäftigen uns seit mehr als 20 Jahren mit der Restaurierung solcher Gebäude, wir haben das nötige Know-how, und wir wollen das gemeinsam mit Horst Wächter machen“, sagt Michael Osmann. Für den nötigen Abstand ist bei 2000 Quadratmeter Wohnfläche jedenfalls gesorgt: Die Osmanns bewohnen einen Teil des zweiten Stocks, Horst Wächter den ersten, und im Parterre gibt es noch eine separate Wohneinheit für Wächters Neffen Dario als „guten Geist“ des Hauses.

Luxus ist relativ

Ein Luxusleben? Kommt wohl immer darauf an, wie man es sehen will. „Die Mauern sind stabil, das Dach ist soweit dicht, die Fenster auch. Im Schloss gibt es drei Bäder und drei WCs, wir haben eine moderne Küche und wir müssen nicht frieren“, erzählen die Osmanns. Geheizt wird mit Holz-Einzelöfen. Im Winter rückt die Familie einfach enger zusammen: „Wir reduzieren uns auf zwei Räumen, kürzen unser Wohn-L also einfach um den letzten Raum ab“, erklären die Bewohner. „Und wer auch immer hinausgeht, kommt mit einem Sack voller Holz wieder zurück.

„Unser größter Komfort ist der Platz“, sagt Marion Osmann. Alles andere wird sich mit der Zeit ergeben. „Wir wissen aus Erfahrung, dass man in so einem Haus nichts überhasten darf“, ist sie sich mit ihrem Mann einig. „Unser Ziel ist, uns im Winter eine Strategie auszudenken, wie hier was am besten in welcher Reihenfolge gemacht werden sollte.“ Eine Dachrinne wurde schon erneuert, eine Seite, an der es statische Risse gab, saniert. „Ein Teil des Hauses sollte einfacher beheizbar werden, ein paar zusätzliche Toiletten wären nicht schlecht und freilich auch ein paar Gästezimmer. Einstweilen kann man hier sehr gut wohnen, „wenn man keine vorgefertigte Meinung hat, wie Wohnen sein muss“, geben die Osmanns zu Protokoll.

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