Wer viel erlebt hat, hat auch viele Geschichten zu erzählen. Das gilt auch für den Grazer Altbau, der frisch revitalisiert im Herzen der Stadt entdeckt werden will. Seit ungefähr 1600 ist das Gebäude Teil des Stadtbilds – und das in den unterschiedlichsten Funktionen.
Wer hier die Eindrücke auf sich wirken lässt, kann beinahe Düfte und Klänge aus der Vergangenheit wahrnehmen: Bis in die 1850er-Jahre war das Haus Teil eines Klosters. Dann bekam es eine neue Funktion und beherbergte bis 1960 eine Zwiebackbäckerei. Und in der Nachkriegszeit war teilweise auch eine Milchstube im Gebäude untergebracht.

2018 sollte die Geschichte des Gemäuers eine neue Wendung nehmen: Die Architektin Daniela Reisinger und der Interior-Designer Michael Ernest Schranzer beschlossen, dem Haus eine neue Aufgabe zu geben: Mit Ferienwohnungen ist es nun erneut ein Ort, der viele Geschichten schreiben wird.

Ob Blau oder Altrosa: Jede Wohnung hat ihr eigenes Farbkonzept.
Ob Blau oder Altrosa: Jede Wohnung hat ihr eigenes Farbkonzept.
© (c) © oliver wolf

Die alten Erinnerungen sollten zugunsten der neuen aber keinesfalls ausgelöscht werden: „Das Spannende an der Arbeit an einem Altbau ist, dass immer wieder Dinge zum Vorschein kommen, mit denen man nicht gerechnet hat, aber mit denen man unbedingt arbeiten möchte“, sagt die Architektin. Deshalb gelte es flexibel zu bleiben und den Plan immer wieder von Neuem an die Gegebenheiten anzupassen.

Denn das Ziel der beiden kreativen Köpfe war klar: Neues Design mit alten Geschichten verknüpfen. So ist der Tafelparkettboden, der im Rahmen der Arbeiten zum Vorschein kam, in die Raumkonzepte integriert. An verschiedenen Stellen wurden Mauerelemente freigelegt, die das Damals ins Jetzt holen.


Und was ist nun ganz neu? „Vor allem die boutiqueartige Innenausstattung“, sagt Schranzer. Er setzte dabei auf Designstücke aus ganz Europa. Diese dürfen auch ruhig ein wenig verspielt sein: So warten Lampen in Form von Gänsen und Tapeten mit auffälligem Muster in den Zimmern. Alles ist so ausgewählt, dass es das Tageslicht im Zimmer verstärkt und trägt.

Zentral war für den Interior-Designer vor allem, dass jeder Raum eine andere Welt verkörpert. Daher hat jede Wohnung ein völlig eigenes Konzept: Während man in der einen in die wohlig wärmenden Altrosatöne der Tapete eintaucht, präsentiert sich die nächste Einheit in erfrischendem Blau – jedes kleine Detail ist dabei auf das Farbkonzept abgestimmt. So auch in den Badezimmern – jedes davon ist mit anderen Fließen ausgekleidet.

Gans im Glück: Die Einrichtung setzt sich aus Designobjekten aus ganz Europa zusammen.
Gans im Glück: Die Einrichtung setzt sich aus Designobjekten aus ganz Europa zusammen.
© (c) © oliver wolf

Ganz wichtig bei der Auswahl der Einrichtungsgegenstände: Alles ist besonders und nichts entspricht dem herkömmlichen Standard. Und: Die Räume sind für zukünftige Gäste möglichst praktisch gestaltet: „Wer kommt, braucht nur seinen Koffer mitzubringen.“

Eine Herausforderung für alle Beteiligten war die barrierefreie Gestaltung des Hauses. Damit jeder hier Gast sein kann, gibt es jetzt einen Lift. Ins Auge sticht aber auch die Stiege, die ins Dachgeschoß führt: Das Hellblau, das sich über die Stufen nach oben schlängelt, zieht sich auch ein Stück weit über den Fußboden weiter – so, als wäre ein Eimer Farbe umgekippt. „Dadurch entsteht der Eindruck, dass das Stiegenhaus direkt hinauf in das Himmelreich führt“, sagt der Interior-Designer.

Neue Ideen: Die blaue Treppe soll den Aufstieg ins Himmelreich simulieren.
Neue Ideen: Die blaue Treppe soll den Aufstieg ins Himmelreich simulieren.
© (c) © oliver wolf


Andere Dinge wiederum wurden ganz entfernt. So etwa Einbauten aus dem letzten Jahrhundert. Und auch die Fenster zeigen sich nun vergrößert, um lichtdurchflutete Räume zu schaffen. Ersetzt wurden die alten durch Bogenfenster, die bis zum Boden reichen: „Dabei haben wir erkannt, dass Fenster dieser Art schon früher Teil des Gebäudes waren. Sie scheinen nur später durch kleinere Fenster ersetzt worden zu sein.“ Also war auch diese Erneuerung quasi eine Rückkehr zu alten Glanzzeiten.

Mehr zum Thema