20 Jahre ist es her, dass das Architektenpaar Philipp Tschofen und Carmen Wiederin diesen besonderen Ort im niederösterreichischen Weinviertel gefunden hat. Oder besser gesagt: dass er zu ihnen fand. Seit 15 Jahren steht ihr Ergänzungsbau zu einem alten Bauernhaus in Fahndorf. Obwohl der Neubau – wie auch das alte Wohnhaus – nur etwa 60 m2 umfasst, zählt das Ensemble zu den meistpublizierten Wohnhäusern in Österreich. Zeit für einen Wiederbesuch: Wie hat sich das Zusammenleben zwischen Haus und Bewohnern in diesen Jahren entwickelt?

Als vielreisendes kosmopolitisches Paar mit Wohnsitz in Wien waren Tschofen und Wiederin keineswegs auf der Suche nach einem Wochenendhaus, als sie vor 20 Jahren für einen Freund den Umbau des ehemaligen Wirtshauses in Fahndorf planten. Dann kam dieses Angebot: ein 250 Jahre altes Bauernhaus in der Kellergasse.

Der Zaubergarten mit Blick über Wiesen und Weingärten

Das Gelände macht hier, wie in Kellergassen üblich, einen Niveausprung. Unten das ebenerdige Haus, das zusammen mit Stadl und Stall U-förmig einen Hof einschließt. Oben, auf der Geländekante, ein Garten, nach Süden ausgerichtet, am höchsten Punkt der Landschaft gelegen, mit einem Weitblick über Wiesen, Wäldchen und Weingärten, von Osten bis Westen nur Natur. Und Ruhe.

Hier kann man den ganzen Tag sitzen und schauen. Und dabei den Lauf der Sonne vom Aufgang bis zum Untergang erleben. Sohn Emil war damals vier Jahre alt. Die Eltern wollten ihrem Kind Bewegungsfreiheit ermöglichen. Und wenn es nur diesen Zweck erfüllen sollte – sie kauften den Zaubergarten mit dem alten Hof.

Sanfte Renovierung: Das alte Bauernhaus bleibt fast unverändert

Das Bauernhaus ist ein Lehmbau mit 50 Zentimeter dicken Wänden und kleinen Fenstern. Im Grunde blieb hier – zum anfänglichen Entsetzen der Dorfnachbarn – alles wie es war. Reparaturen da und dort, neuer Verputz, innen ein neuer Holzbretterboden. Einzig ein komfortables Bad wurde eingebaut. Heute besticht das Haus – als eines der letzten im Dorf – mit dem Charme seiner alten Kastenfenster und Dachziegeln.

Die Idee für einen Zubau entwickelte sich organisch. Er dient den gegenüber dem Bauernleben gänzlich veränderten Wohnbedürfnissen. Der Neubau liegt auf dem erhöhten Gelände. Er ist nach Süden, zur Aussicht und zum Garten orientiert – einer ebenen Wiese, die in einen alten Obstgarten übergeht.

Der Zubau ist ein All-Raum für Wohnen und Kochen. Zur Landschaft öffnet er sich mit einer durchgehenden Glaswand. Bei diesem Projekt wollten die Architekten frei sein für Experimente. Das begann schon damit, dass Philipp Tschofen – ohne handwerkliche Ausbildung – dieses Haus im Wesentlichen mit eigenen Händen baute. Nur so war es für die Jungfamilie überhaupt leistbar.

Der experimentelle Neubau über dem Hof

Wie eine Raumkapsel liegt der Neubau oben auf der Gebäudekante und „balanciert“ zusätzlich auf einer schlanken Dreieck-Stahlstütze auf Hofebene. Die Konstruktion aus Holzplatten stand in zwei Tagen, die Aluminiumelemente für die Fassade schnitt Tschofen selber zu.

Innen fühlt man sich wie auf einer Segelyacht. Decke, Wand und umlaufende Sitzbank mit Stauraumfunktion sind aus rötlich-braunem Bootsbauholz. Die olivfarbene Küchenzeile kann man von drei Seiten bedienen. Ein hellbrauner Estrichboden, der durch Aufrauhen und Einölen warm wie ein Teppich wirkt. Alles ist einfach zu handhaben.

Der Clou ist der zweifache leichte Knick im Baukörper – horizontal und vertikal. Diese Unregelmäßigkeiten korrespondieren mit denen der alten Bausubstanz und sie erzeugen innen und außen die besonderen Raumqualitäten. Wenn es im Sommer im Sonnenhaus heiß wird, kommen der Altbau und der Hof zum Tragen. Die Schlafräume mit den dicken Lehmwänden bleiben angenehm kühl.

Alt und Neu im Dialog: Zwei Häuser, ein Wohnkonzept

Das Projekt vereint wie kaum ein anderes zwei unterschiedliche Wohn- und Architektur-Welten. Alt und Neu stehen selbstbewusst für sich, gleichzeitig ermöglicht das eine erst das andere. Symbolisch für diese Haltung ist die Gestaltung der Rückseite des Neubaus zum Dorf hin – als großer Holzstapel im Aluminiumrahmen.

Für Emil und seine Freunde, die zahlreich zu Besuch kamen (mit und ohne Eltern), wurde Fahndorf zum Bullerbü. Mittlerweile studiert der Sohn in den USA. Die Bedürfnisse wandeln sich – Haus und Garten geben auch darauf Antworten.

Alt- und Neubau lehren ein anderes Verhältnis zur Natur. Vom Schlaf- und Badbereich unten geht man unter freiem Himmel zum Frühstück nach oben. Die Jahreszeiten erlebt man intensiv mit. „Ich bin in Tirol, im Kaunertal aufgewachsen, wollte nur in die Stadt“, sagt Carmen Wiederin, „Hier habe ich gemerkt, wie sehr ich doch mit der Natur verbunden bin.“