Der irische Billigflieger Ryanair will sich als klimafreundlichste Fluglinie Europas positionieren. Die Fluggesellschaft verspricht Reisenden, dass sie ihren CO₂-Ausstoß um bis zu 50 Prozent pro Flug reduzieren können, wenn sie zu Ryanair wechseln. Versprechen wie diese sehen viele Experten aber kritisch.

Vor dem coronabedingten Einbruch in der Luftfahrtindustrie war Ryanair 2019 der zehntgrößte CO₂-Emittent in der Europäischen Union, einen höheren CO₂-Ausstoß hatten nur Kohlekraftwerke und die Containerreederei MSC, wie Daten der EU-Kommission zum Emissionshandelssystem zeigen. Ryanair hat eine andere Sicht auf die Daten und verweist auf seinen niedrigen CO₂-Ausstoß pro Passagierkilometer im Vergleich zu seinen Mitbewerbern. Daher sei man auch die "grünste und sauberste Fluggesellschaft Europas", wie der Billigflieger häufig plakatiert.

Berechnung von Passagierkilometer

Ryanair zieht nicht seine Gesamtemissionen, sondern den CO₂-Ausstoß pro Passagierkilometer als wichtigste Kennzahl heran, wie in der Branche üblich. Wenn also 200 Passagiere in einem Flugzeug sitzen, das 1000 Kilometer weit fliegt, sind das 200.000 Passagierkilometer. Teilt man die Gesamtemissionen für diese Reise durch die Anzahl der Passagierkilometer, erhält man den CO₂-Ausstoß pro Passagierkilometer. Umweltorganisationen kritisieren diese Kennzahl regelmäßig, weil je mehr Passagiere und Flugzeuge fliegen, desto höher ist der CO₂-Ausstoß insgesamt, auch wenn pro Person weniger CO₂ anfällt.

Der Billigflieger kommt eigenen Angaben zufolge auf 66 Gramm CO₂ pro Passagierkilometer. Dieser Wert lässt sich laut Unternehmensangaben auf drei Faktoren zurückführen: das Alter der Flugzeuge, die Auslastung der Maschinen und die Flugstrecken. Die Fluggesellschaft hat eine der jüngsten Flotten Europas mit einem Durchschnittsalter von acht Jahren, die spritsparender sind als ältere Modelle. Mit einer durchschnittlichen Auslastung von 96 Prozent füllt Ryanair mehr Sitze als viele andere Fluggesellschaften. Außerdem fliegt die Airline vermehrt Mittelstrecken ohne Zwischenstopps. Diese gelten als effizienter, weil die Flugzeuge wenig überschüssigen Treibstoff mitführen müssen und der Start der treibstoffintensivste Teil des Flugs ist.

Emissionen steigen

Gemessen an dem CO₂-Ausstoß pro Passagierkilometer ist es somit nicht falsch, dass Ryanair für eine Fluggesellschaft niedrige Emissionen verursacht. Dennoch stößt sie bereits an die Grenzen dessen, wie weit sie diese Zahl noch reduzieren kann. Bis 2030 will der Billigflieger seinen CO₂-Ausstoß pro Passagierkilometer auf 60 Gramm senken. Vergleicht man dies jedoch mit Zügen, die rund acht Gramm CO₂ pro Personenkilometer ausstoßen, kommen selbst optimistische Effizienzsteigerungen nicht an diesen Wert heran. Bis 2026 will Ryanair, zu der auch Lauda Europe gehört, 225 Millionen Passagiere befördern, also rund 60 Millionen Menschen mehr als im laufenden Geschäftsjahr. Das bedeutet, dass die Emissionen steigen werden, auch wenn die Emissionen pro Fluggast sinken.

Bis 2050 plant Ryanair, CO₂-neutral unterwegs zu sein. "Wir sehen technologische Verbesserungen und den Einsatz von nachhaltigem Flugzeugtreibstoff als Schlüssel für die Dekarbonisierung der Airline", sagt Ryanair-Nachhaltigkeitschef Thomas Fowler. 12,5 Prozent des Spritverbrauchs will man 2030 mit Sustainable Aviation Fuel (SAF) decken, 2050 rund 25 Prozent. "Damit übertreffen wir die Vorgabe der EU deutlich, die ab 2030 einen SAF-Anteil von fünf Prozent vorsieht", so Fowler. Ryanair schloss dafür auch eine Vereinbarung mit der heimischen OMV, wonach der Ölkonzern bis 2030 insgesamt 160.000 Tonnen SAF für Ryanair in Wien liefern soll. Laut Ryanair steht diese Menge für eine Einsparung von 400.000 Tonnen CO₂, was rund 25.000 Flügen von Dublin nach Wien entspricht.

Die Internationale Energieagentur (IEA) warnt davor, die Rolle von technologischen Verbesserungen bei der Dekarbonisierung von Fluglinien zu überschätzen. Neue Flugzeuge seien zwar bis zu 20 Prozent effizienter als die Modelle, die sie ersetzen, aber das reiche nicht, um mit der wachsenden Passagieranzahl mitzuhalten. Zwischen 2000 und 2010 habe sich die Treibstoffeffizienz um 2,4 Prozent pro Jahr verbessert und von 2010 bis 2019 um 1,9 Prozent. Das zeige, dass zusätzliche Verbesserungen immer schwieriger werden. Gleichzeitig sei die Passagiernachfrage von 2000 bis 2019 um über 5 Prozent pro Jahr gewachsen. Demnach liegen die jährlichen Verbesserungen weit unter dem, was erforderlich ist, um Klimaneutralität zu erreichen.

Das Fliegen ist ein kontroverses Thema in der Klimadebatte. Dennoch macht der Luftverkehr laut der IEA nur rund zwei Prozent der weltweiten CO₂-Emissionen aus. Grund dafür ist auch, dass es große Ungleichheiten bei Flugreisen gibt. Schätzungen zufolge fliegen 80 Prozent der Weltbevölkerung überhaupt nicht oder können es sich nicht leisten. Selbst in reichen Ländern wie Österreich ist die Gruppe an Menschen, die nie fliegen, doppelt so groß wie die Gruppe jener, die häufig fliegen, wie eine aktuelle Erhebung des VCÖ ergab.

Die Flugbranche ist in den vergangenen Jahrzehnten deutlich schneller gewachsen als der Straßen-, Schienen- oder Schiffsverkehr. Bis 2050 könnten sich die CO₂-Emissionen des Flugverkehrs verdreifachen, weil die Nachfrage nach Reisen und Fracht stark ansteigt, so die NGO International Council on Clean Transportation (ICCT). Um die Emissionen deutlich zu reduzieren, braucht es laut ICCT neben technologischen Verbesserungen und dem verstärkten Einsatz von nachhaltigem Flugzeugtreibstoff auch die Reduktion der Nachfrage.

Eine häufige Kritik an Billigfliegern wie Ryanair ist, dass sie durch die günstigen Flugtickets noch mehr Nachfrage erzeugen und damit die Klimakrise weiter befeuern. Ryanair-DAC-Chef Eddie Wilson entgegnet diesem Argument: "Es geht nicht nur um Leute, die günstig in den Urlaub fliegen wollen. Fliegen verbindet Menschen miteinander, ermöglicht im Ausland zu arbeiten und mit erschwinglichen Preisen wieder heimzukehren. Fliegen soll für alle möglich bleiben." Im selben Tenor, aber etwas drastischer, formulierte es vor einigen Jahren Konzernchef O'Leary laut "Guardian": "Das Beste, was man mit Umweltschützern machen kann, ist, sie zu erschießen. Wenn Umweltschutz bedeutet, dass arme Leute nicht mehr fliegen dürfen, damit die Reichen fliegen können, dann scheiß drauf."