Aber keine WelleNach extrem wenigen Pleiten kommt jetzt Nachholeffekt

So wenige Pleiten wie heuer gab es zuletzt vor 40 Jahren. "Die Wirtschaft ist in der Pole Position", sagt Ricardo Jese Vybiral vom KSV 1870. Die Zahlungsmoral ist aktuell sehr gut. Inzwischen zeigt sich bei den Insolvenzen aber schon die Rückkehr zum Vorkrisenniveau.

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Die Anzahl der Pleiten könnte wieder zulegen
Die Anzahl der Pleiten könnte wieder zulegen © Vitalii Vodolazskyi - stock.adob
 

Dass jüngst der bekannte Mozartkugelhersteller Mirabell finanziell in die Krise geschlittert ist, passt ziemlich gut ins Bild der aktuellen Insolvenzentwicklung. Nach extrem wenigen Pleiten im Gesamtjahr erfolgt gerade langsam die Rückkehr auf das Pleitenniveau vor der Krise.

40 Prozent der heuer rund 3000 Insolvenzen wurden seit Oktober angemeldet. Nach der historisch niedrigen Zahl ist das eine klare Trendumkehr. "Einen Schock wird es aber nicht geben", versichert Karl-Heinz Götze, beim Kreditschutzverband von 1870 Leiter der Insolvenzabteilung. Bei den Unternehmensinsolvenzen werde sich die Zahl 2022 wohl zwischen 5000 bis 6000 Fällen einpendeln. Das entspreche dem Vorkrisenniveau. 2020 und 2021 gab es so wenig Pleiten wie zuletzt vor 40 Jahren.  

"Rückenwind für 2022"

KSV-Chef Ricardo Vybrial attestiert den meisten Unternehmen sogar ausgesprochen hohe wirtschaftliche Stärke. Bei vielen drückt sich das in deutlich gestiegenen Kapitalpolstern aus. "Es gab keinen harten Aufprall," betont Vybiral. "Die Wirtschaft ist in der Pole Position." Etwa ein Drittel der Unternehmen, die erst Corona-Hilfen in Anspruch genommen haben, brauchten diese dann tatsächlich nicht. Laut KSV-Umfragen ist die Stimmung bei den Unternehmen "ungetrübt", was Rückenwind für 2022 bedeute.

Bei den Privatkonkursen sieht es ähnlich gut aus: "Die Pandemie hat viele vorsichtiger gemacht", so Götze. Trotz massiver Vereinfachungen bei der privaten Schuldenregulierung gab es keinen Ansturm. Wenn heuer voraussichtlich 7.330 Privatinsolvenzen gezählt werden, dann sind das fast 2200 weniger als etwa 2012. Forderungen von 1,5 Milliarden Euro waren bisher von privaten Schuldenregulierungen betroffen, vor der Krise waren es etwa drei Milliarden. Die Zahl der Kreditanfragen ist trotzdem keineswegs eingeknickt, sie sank nur auf 4,2 Millionen, das sind etwa 200.000 weniger als vor der Krise.

Die Pandemie verbesserte die Zahlungmoral deutlich. Die sogenannten "Zahlungsstörungen" nahmen 2021 gegenüber 2020 um fast 39 Prozent ab. Das gilt auch für die privaten Schuldner. Vybiral hob hervor, dass man derzeit sehr fair miteinander umgehe, vor allem mit Stundungen für jene, bei denen die Finanzlage angespannt sei.

Wer in Schieflage gerate, privat oder als Unternehmer, fahre viel besser, je schneller er die Situation über eine Insolvenz reguliere, appelliert Vybiral. Dass der Insolvenzentgeltfonds für betroffene Mitarbeiter künftig mit weniger Geld aus den Sozialversicherungsbeiträgen gespeist wird - der Satz wird von 0,2 auf 0,1 Prozent gesenkt - hält der KSV-Chef für absolut vertretbar. Vybiral: "Die vorhandenen Rücklagen werden ausreichen."

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