Pro & KontraIst die Vier-Tage-Woche ein Gewinn für Arbeitnehmer und Arbeitgeber?

In Island wurde die Vier-Tage-Woche über Jahre hinweg getestet. Der Forschungsbericht dazu fällt überaus positiv aus: Die Dienstzeitreduktion habe sich als effizient erwiesen. Ein Zukunftsmodell für unseren Arbeitsmarkt? Klaus Hochreiter und Josef Herk im Pro & Kontra.

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Calm businessman in contrast to businessmen in a hustle
© Getty Images/Westend61
 

Pro

Eine Vier-Tage-Woche oder eine generelle Arbeitszeitreduzierung sind für Arbeitnehmer und Arbeitgeber gleichermaßen ein großer Gewinn. Und von dieser Zufriedenheit profitieren letztendlich auch die Kunden.
Klaus Hochreiter, Unternehmer

Die Auftragsbücher waren voll, das Thema Online-Marketing boomte und weiteres Potenzial lag brach. Gleichzeitig mussten Mitarbeiter jedoch laufend Überstunden machen und unsere Kunden oft monatelang auf Umsetzungen warten. Mit diesem herausfordernden Szenario sahen wir uns bei eMagnetix vor fünf Jahren konfrontiert. Der Grund: Es flatterten kaum Bewerbungen herein. Für uns als Online-Marketing-Agentur im ländlichen Raum stand fest: Wir müssen etwas ändern. Radikal und nachhaltig. Ein Konzept musste her, mit dem wir uns zum einen als attraktiver Arbeitgeber positionieren können, zum anderen die Mitarbeiterzufriedenheit erhöhen. Die Frage war nur: Wie können wir das erreichen? Wo müssen wir ansetzen?

Bisherige Bewerbungsgespräche verliefen in puncto Vorstellungen und Anforderungen oft ähnlich. Vor allem die jüngere Generation hat, unseren Erfahrungen zufolge, eine neue Devise verinnerlicht: Wir leben nicht nur um zu arbeiten, wir arbeiten um zu leben. Danach richten heutzutage junge Menschen ihr gesamtes Leben aus. Und dazu gehört auch ein Arbeitgeber, der ihnen nicht nur flexible und attraktive Arbeitszeitmodelle ermöglicht, sondern auch eine echte Work-Life-Balance. Das Statussymbol unserer Zeit ist demnach nicht mehr nur Geld, sondern vor allem Zeit.

In unseren Köpfen reifte daher folgende Idee: eine Arbeitszeitreduzierung auf 30 Stunden pro Woche, allerdings bei gleichem Gehalt. Dieses Konzept setzten wir 2018 um. In der Zwischenzeit haben wir unser Arbeitszeitmodell nochmals verfeinert und weiterentwickelt: Jeder Mitarbeiter kann mittlerweile von Woche zu Woche selbst entscheiden, ob er die 30 Stunden auf 4 oder 5 Tage aufteilen möchte und ob er wahlweise den Montag oder Freitag frei haben will. Gleitzeit und Homeoffice sind weitere für uns selbstverständliche Bestandteile unserer flexiblen Arbeitsbedingungen.

Wie wirkt sich das nun bei uns in Zahlen aus? Bestehende Mitarbeiter bewerten ihre Zufriedenheit im Unternehmen mit 4 von 5 möglichen Punkten, 83 Prozent fühlen sich seither gesünder und für 63 Prozent ist auch das Arbeitspensum gesunken. Gleichzeitig konnten wir die Mitarbeiterzahl verdreifachen und die Bewerberquote verzehnfachen. Diese Zufriedenheit macht auch vor unseren Kunden nicht Halt: Sie bewerteten die Zusammenarbeit mit eMagnetix kürzlich mit 4,6 von 5 möglichen Punkten. Unser Fazit: Eine 4-Tage-Woche und generell eine Flexibilisierung der Arbeitszeiten ist ein Gewinn für alle Beteiligten.

Zur Person

Klaus Hochreiter ist Geschäftsführer der Online-Marketing-Agentur „eMagnetix“ in Bad Leonfelden. 2018 hat er dort ein neues Arbeitszeitmodell eingeführt: 30 Stunden pro Woche bei Vollzeitgehalt (#30sindgenug).

KK

 

Kontra

Die Vier-Tage-Woche als Allheilmittel ins Spiel zu bringen, geht an jeder Realität vorbei. Der Faktor Arbeit würde – zum Schaden des Standorts – noch teurer werden. Zudem kämpfen immer mehr Betriebe mit Personalmangel.
Josef Herk, Präsident der steirischen Wirtschaftskammer

eniger arbeiten und das für gleiche Geld – klingt doch super. Zumindest auf den ersten Blick, denn am Ende des Tages wird das jemand bezahlen müssen. Eine Vier-Tage-Woche würde den so und so (viel zu) teuren Faktor Arbeit in unserem Land preislich noch einmal ordentlich in die Höhe schnellen lassen. Außer man erhöht im selben Ausmaß die Produktivität. Das heißt, mehr Einsatz und in letzter Konsequenz auch mehr Druck für die einzelne Arbeitnehmerin und den einzelnen Arbeitnehmer, dass dieselbe Leistung in kürzerer Zeit erbracht wird. Ob das den Menschen dann wirklich eine bessere Work-Life-Balance bringt, sei dahingestellt . . .

Fakt ist: Überall dort, wo in den letzten Jahren Arbeitszeitverkürzungen eingeführt wurden – wie zum Beispiel in Frankreich – ist die Arbeitslosenquote gestiegen. Weil die Betriebe in diesen Ländern durch die Mehrkosten ein gutes Stück ihrer Wettbewerbsfähigkeit verloren haben. Für eine Region wie die Steiermark, wo jeder zweite Euro im Export, also im internationalen Geschäft verdient wird, wäre das ein Riesenproblem. Aber abgesehen davon haben unsere Unternehmen aktuell auch ganz andere Sorgen – und zwar Personalsorgen.

Das mag für manche angesichts der Coronakrise und der dadurch nach wie vor hohen Arbeitslosenzahl paradox klingen, ist aber wirtschaftliche Realität: Viele Betriebe, quer durch alle Branchen und Regionen, suchen händeringend nach Mitarbeitern – egal ob Fachkraft oder Hilfskraft. Dieser Mangel droht immer mehr zum Flaschenhals des Aufschwungs zu werden. Hier dann eine Vier-Tage-Woche als Allheilmittel ins Spiel zu bringen, geht an jeder Realität vorbei. Davon zeugt auch das aktuelle Wirtschaftsbarometer, die Konjunkturumfrage der WKO Steiermark. 82 Prozent der Unternehmerinnen und Unternehmer sehen in der Rekrutierung von qualifiziertem Personal die größte Herausforderung.

„Schuld“ daran ist die demografische Entwicklung. Durch sie gehen jetzt die geburtenstarken Jahrgänge in Pension, ihnen folgen nur mehr halb so viele Jugendliche. Überspitzt könnte man sagen, wir verlieren in der Steiermark nun Jahr für Jahr das Arbeitskräftepotenzial einer Stadt in der Größenordnung von Weiz. Darum muss unser Hauptaugenmerk nun auch auf den vorhandenen Potenzialen liegen. Wir müssen schauen, wie wir jenen helfen können fit für die Erfordernisse einer modernen Arbeitswelt zu werden, die heute noch keinen Job haben. Und natürlich können wir über eine noch bessere Work-Life-Balance diskutieren – aber nicht durch weniger, sondern durch flexibleres Arbeiten.

Zur Person

Josef Herk geboren am 7. 8. 1960, verheiratet mit Notarin Valentina Herk. Vater von Christina und Josef aus erster Ehe.
Seit 1980 ist er im Familienbetrieb tätig, seit 2011
Präsident der steirischen Wirtschaftskammer.

Jürgen Fuchs



Kommentare (23)
pwebhofer
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Wichtige Diskussion

Ich finde die Diskussion um eine Reduzierung der Arbeitszeit ist ein wichtiger und notwendigerAnstoß für die Weiterentwicklung unserer Gesellschaft. Man muss diese Diskussion allerdings ein wenig tiefer und systemischer führen. Der Kontra-Punkt hier kommt leider über eine sehr oberflächliche und tw. unzusammenhängende Argumentation nicht hinaus. Das wird sich in den nächsten Jahren noch ändern müssen, denn Wissensgesellschaft funktioniert ein wenig anders. Aber das ist momentan erst für hippe Keynotes tauglich.

ZENZ1950
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Geldumschichtung

Das Zauberwort heißt, Arbeitsaufteilung das würde bedeuten Gehalt der dummen arbeitenden mit den gescheiten Arbeitsverweigerer, sprich Arbeitslosengeld zusammenzählen und danach das Geld auf die Arbeitswilligen aufteilen, kommt unter dem Strich eine vernünftige Summe heraus und Arbeit für fast alle.

melahide
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Über eine

Verkürzung der Arbeitszeit muss man reden. Leider sind wir davon — ähnlich dem Klimaschutz — weit entfernt. Derzeit reicht es, wenn Politiker die Max Arbeitszeit pro Tag auf 12 Std auszuweiten. Und die /Menschen das feiern. Bei 30 Stunden auf 4 Tagen steigt in vielen Bereichen das an, was man „Produktivität“ nennt. Aber halt nicht überall.

Balrog206
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Mel

Wer sagt das die Produktivität steigt ? Vielleicht ja im kreativen Bereich, da könnte auch HO v Vorteil sein ! Oder werden einfach d Café Pausen dann kürzer bei der kürzereren Arbeitszeit ?
Meine Erfahrung zb b Lohnerhöhungen ist das am Anfang ein motivations Schub zu merken ist , der sich aber dann nach einer gewissen Zeit schnell wieder legt und alles beim alten bleibt !

melahide
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@balrog

Also ich hab ca 21 Jahre Vollzeit gearbeitet (nein, 20, 1 Jahr Karenz) und hab dann 2019 meine Atbeitszeit auf 24 Std, 3 Tage Woche, reduziert. Zumindest ich bin viel lieber zur Arbeit gegangen, war viel zu tun - in Spitzen - kam ich auch mal am vierten Tag rein. Wenn es sich halt mit der Weiterbildung vereinbaren ließ. Aber ich fühlte die 1 1/2 Jahre eine Motivation, die ich davor nicht mehr hatte. Natürlich hab ich nicht das gleiche Pensum gemacht, aber was ich hatte ging flüssig dahin. Jetzt bin ich seit ein paar Monaten wieder Vollzeit und merke wieder, wie schnell man bei 8 Stunden am Tag — mit Anfahrt/Abfahrt e länger — müde und weniger Produktiv wird. Hätt ich 8—14 Uhr Dienst würd ich da vermutlich schon mehr komprimieren können. Wie gesagt: Geht nicht in jedem Bereich.

Balrog206
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Ja

Aber nur bei dem ganzen Thema geht es ja auch um die gleiche Bezahlung trotz weniger Arbeitsstunden ! Wie du reduziert hast , wurde doch auch dein Gehalt angepasst nehme ich an !

melahide
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@balrog

Jo sia. Es ging mir nur darum zu sagen, dass mir die weniger Stunden „mental“ geholfen haben. Hätt ich da auch mehr verdient … :).

Wobei. Stellt man die gewonnene Zeit dem entgangenen Netto gegenüber, gewinnt man. Diese Steuerprogression reißt ein ziemliches Loch rein …

Swwi07
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@seinerwe...Chinesen freuen...

Ein Riesenanteil unserer Artikel aus der Modebranche, Elektronikbranche, Sportartikelbranche, aus dem Arzneimittelsektor, usw, usw, usw kommen aus China. Dies hat wenig bis gar nichts mit unserer Arbeitszeitregelung zu tun.
Leicht kann es geschehen, dass Chinesen in unzähligen Betrieben, in allen europäischen Ländern, Arbeitsbedingungen und Arbeitszeiten diktieren.
Wenn man sieht, wo China in Europa überall investiert, kann einem schon Angst und Bange werden. Wenn wir beim Konsum mehr mitdenken, können wir die Themen Arbeitsbedingungen und Arbeitszeit anders diskutieren!

seinerwe
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Kalkulation

Geringere Arbeitszeit bei gleichem Lohn erhöht die Stückkosten und führt zu einer Auslagerung der Produktion. Letztlich wird auch die Arbeitsentlohnung reduziert. Da viele mit dem Einkommen nicht auskommen, werden Zeitjobs Einzug kommen.

DergeerderteSteirer
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Das sind ja die Vorstellungen von vielen "Traumtänzern" .................. "Geringere Arbeitszeit bei gleichem Lohn"


Das wird und kann vorne und hinten niemals zusammengehen, leider denken da viele nicht realistisch und logisch, leider gibt's zu viele von diesen "Traumtänzern" !!

fon2024
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Andaman

Ge.Steirer nach jeder Arbeitszeitverkürzung sind die Betriebe haufenweise in Konkurs gegangen ,willst woll lieber eine 48 Stundenwoche.

Balrog206
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Fon

Wann war den die letzte Verkürzung bei uns und was sich in der Zwischenzeit verändert ( zb Globalisierung ) bist normal ja der /die gescheiteste deiner Kritik nach zu urteilen !

fon2024
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Andaman

BALI DAS NICHT DAFÜR BIST WAR KLAR ALS UNTERNEHMER.

peso
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fon2024

hört doch endlich mit der schei. Notlüge auf, dass die Unternehmer grundsätzlich dagegen sind. Merken Sie sich - für die Zeit nach der Schule - wenn für das gleiche Geld weniger gearbeitet werden soll, dann MUSS sich unweigerlich der Verkaufspreis erhöhen, sonst geht sich das alles nicht mehr aus. Verstehen Sie das? weniger Arbeitszeit = mehr Angestellte notwendig = höhere Preise = höherer Steueranteil = doppelte Mehrbelastung für Endverbraucher = häufigere Suche der Endverbraucher nach Billigprodukten = Steigerung des Onlinehandels (zB China) = weniger heimische Firmen = höhere Arbeitslosigkeit .......aber Sie verstehen das jetzt noch nicht, wird schon werden

Balrog206
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Fon

Könntest es ja auch mal fundiert beantworten mit guten Argumenten und wie und wo man es auch umsetzten könnte !! Nur weniger arbeiten bei gleichem Lohn ist halt etwas dürftig ! Was machst wegen dem jetzt schon gravierenden Fachkräfte - Handwerker Mangel wenn diese auch noch weniger std arbeiten ? Da müsst ihr doch Ideen haben !

SoundofThunder
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Quer durch alle Branchen geht das nicht.

Für Büroheinis eher interessant.

DergeerderteSteirer
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Leider wird von den Büroangestellten zu oft administrative Arbeit zu locker genommen, dies wirkt sich dann behindernd und durch Unvollständigkeit oft in Produktionsbereichen negativ aus, ich rede da von Tatsachen welche zu oft in meinem Arbeitsbereichen und Umfeldern so geschehen !!


Ich bin striktest dafür das sich jeder/jede, und in Teamworkmanier den Tätigkeiten welche gemacht werden müssen annimmt, auch wenn mal mehr zu bewältigen ist, dann auch wieder entspanntere Zeiträume vorhanden sind, wo ein Plus ist immer ein Minus !!

Leider ist "Pflichtbewusstsein" bei manchen Personen ein nicht vorhandenes Vokabular, in ihren Denk und Handlungsweisen ist dies der reale und kranke Fakt, leider !

75b4c938b8a63533cf6c6ffe692b67f5
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Mehr ist nicht gleich mehr🙆🏻‍♂️

Es gibt nichts besseres als den Freitag frei zu haben man kann da mehr zu Hause machen und hat übers Wochenende dann auch noch Freizeit.
Dann gibt es viele bei denen startet am Freitag erst so richtig die Arbeit und geben dann erst so richtig Gas man lebt für die Schwarzarbeit.
Also lässt man die Arbeit von Montag bis Donnerstag schleifen hilft auch der Freitag nichts mehr und vielleicht würde mehr Geld mehr Effizienz bringen und auch Eigenverantwortung.🙋🏻‍♂️

Toyota11000
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Natürlich

Der Stress von 5 Tagen wird auf 4 komprimiert.

seinerwe
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Die Vor- und Nachteile

gehören umfangreich aufgelistet, denn man muss sich auch für die Nachteile entscheiden. Es wird bei unterschiedlichen Branchen unterschiedliche Konzepte geben. Jedenfalls sollen sich nicht nur die Chinesen freuen....

petera
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Gegen die Chinesen kann man bzgl

Arbeitskosten und Arbeitsstunden nicht konkurrieren, ausser wir wollen Heere von Wanderarbeitern, die in Baracken wohnen.

Wir müssen mit mit Wissen, Qualität und Innovation Punkten. Anders wird es nicht gehen.

DergeerderteSteirer
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Dies beschreibst völlig richtig @seinerwe, .................."Dadurch brauchen unterschiedliche Branchen wie von dir gesagt unterschiedliche Konzepte"


meines Erachtens da alles über einen Kamm zu scheren zu wollen und zu verallgemeinern wie es in Denkweisen von so manchem der Fall ist, ist der komplett falsche Weg, die richtigen Handlungs und Denkweisen liegen wie sehr oft im wichtigem Detail !!

Wie von dir beschrieben muss man da und dort eben mit Vorteilen und auch mit Nachteilen leben müssen und können, sich nur die Rosinen herauspicken zu wollen wird nicht funktionieren !!

jaenner61
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es gibt natürlich für und wider

für beide arbeitszeit modelle, aber ich glaube nicht, dass der oberjammerer herk die richtige person für so eine befragung ist. das wäre in etwa so, als wenn man den öamtc fragen würde, ob die autos abgeschafft werden sollen 😏 und übrigens herr herk, setzen sie sich dafür ein, dass die wirtschaft ihre mitarbeiter respektvoll und wertschätzend behandelt, ordentliche löhne bezahlt, und es wird genügend bewerbungen geben!