20 Jahre brauchte China für ein 45.000 Kilometer fassendes Hochgeschwindigkeitsnetz auf der Schiene. Zweieinhalb Jahre brauchte die LongXin Construction Group für das Realisieren eines Wohnviertels mit 35 Hochhäusern. Dass „China Speed“ heute als Synonym für eine extrem schnelle Umsetzung gilt, hat längst auch mit Entwicklungen in einer deutlich filigraneren Technologie, der Mikroelektronik, zu tun.

Besonders genau wird Chinas Aufstieg und Wettbewerbsfähigkeit auch im Süden Österreichs beobachtet. Gelten die Steiermark und Kärnten doch als Halbleiter-Zentren.

Leitmesse in der Steiermark

„80 Prozent der heimischen Wertschöpfung in der Halbleiter- und Mikroelektronik entstehen hier“, heißt es etwa vom steirischen Wirtschaftslandesrat Willibald Ehrenhöfer mit Blick auf die Region. „Innovation und Kooperation müssen Hand in Hand gehen“, ergänzt Gaby Schaunig, Kärntens Landeshauptmann-Stellvertreterin, im Rahmen der EBSCON, einer Leitmesse der europäischen Halbleiter- und Elektronikindustrie. Diese lockt zurzeit mehr als 340 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus 23 Ländern nach Graz.

Dort wurde dieses Vorhaben einer intensivierten Zusammenarbeit, weit über die Grenzen der Bundesländer Kärnten und Steiermark hinaus, am Mittwoch auch formal bekundet.

Unabhängig und technologieführend

Auf Initiative des Silicon Alps Clusters signierten Vertreterinnen und Vertreter aus Frankreich, Tschechien, Schweden, den Niederlanden und Österreich eine Absichtserklärung. In der „Declaration of Graz“ wird die Zusammenarbeit von 27 neuen Chips-Kompetenzzentren mit konkreten Zielen versehen. So, dass Europa in Sachen Mikroelektronik bald wieder möglichst unabhängig und technologieführend agieren kann.

Unterzeichnung der Declaration of Graz durch Vertreterinnen und Vertreter der Chips Competence Center
Unterzeichnung der Declaration of Graz durch Vertreterinnen und Vertreter der Chips Competence Center © Ebscon

Das heimische Kompetenzzentrum nennt sich AT-C3, ist in Graz angesiedelt, und nimmt dieser Tage so richtig an Fahrt auf. Zusammenbringen soll das Zentrum kleine und mittlere Unternehmen sowie Start-ups mit etablierten Leitbetrieben. Für erstere ist auch ein Großteil der Fördermittel reserviert.

Die Suche nach einem neuen NFC

„Bei NXP glauben wir fest daran, dass starke Zusammenarbeit über Organisations- und Ländergrenzen hinweg der Schlüssel zum Erfolg ist“, kommt auf der EBSCON auch NXP-Manager Michael Jerne auf die notwendige Zusammenarbeit in der Branche zu sprechen.

Robert Gfrerer (Silicon Alps Cluster), Gaby Schaunig, Willibald Ehrenhöfer und Michael Jerne (NXP)
Robert Gfrerer (Silicon Alps Cluster), Gaby Schaunig, Willibald Ehrenhöfer und Michael Jerne (NXP) © Ebscon

Ziel müsse es sein, global führende Innovationen, federführend in Österreich zu entwickeln. Die Vergangenheit zeige, dass der Ansatz nicht utopisch ist: NFC, eine Technologie, die heute etwa beim Zahlen per Smartphone weltweit verwendet wird, wurde ursprünglich bei NXP in Gratkorn entwickelt.

Welche anderen Technologien folgen könnten? Großes Potenzial sieht Jerne in der Ultra-Breitband-Technologie (UWB), die genutzt wird, um Standorte präzise zu bestimmen. Auch „Edge AI“, also eine energieschonendere und außergewöhnlich sichere KI, die nicht in der Cloud, sondern direkt auf Geräten – egal ob Auto oder Roboter – arbeitet, würde in Österreich zurzeit stark vorangetrieben. Nicht zuletzt nennt der NXP-Manager auch RISC-V, eine offene Prozessorarchitektur, also eine Art „Bauplan“ für Computerchips.

Chips Act unter Beschuss

Auf europäischer Ebene präsentierte die EU-Kommission den sogenannten „Chips Act“ als Leuchtturmprojekt, Ende September 2023 trat die zugehörige Verordnung in Kraft. Zentrales Ziel: Bis 2030 sollen 20 Prozent aller weltweit hergestellten Mikrochips in Europa gefertigt werden. 2020 waren es noch zehn Prozent. Abermilliarden an öffentlichen und privaten Geldern sollten aktiviert werden.

Mittlerweile mehrt sich Kritik am vorgegebenen Rahmen. Immer mehr Staaten sprechen sich für eine Überarbeitung des Chips Act aus. Die Europäische Kommission, so der Tenor, müsse realistischere Ziele formulieren.