Es war der Spanier Sergi Roberto, der für das größte Comeback der jüngeren Fußballgeschichte sorgte. Sein Tor zum 6:1 in der 95. Spielminute besiegelte 2017 das Aus von Paris Saint-Germain in der Champions League. Das Hinspiel hatten die Franzosen 4:0 gewonnen, der Aufstieg gegen den FC Barcelona schien nur mehr Formsache.
Bei Ursula von der Leyen ist keine ausgeprägte Fußball-Leidenschaft bekannt. Eine Aufholjagd à la Barcelona will die Präsidentin der EU-Kommission trotzdem starten. Europa, so von der Leyen, müsse auf dem Gebiet der Künstlichen Intelligenz „weltweit führend“ werden. Eine Ansage, die überrascht, spielten bis dato doch KI-Musik und -Milliardeninvestments primär in den USA und mit Abstrichen in China. Europas Rückstand scheint mehr als vier Tore hoch.
100.000 Chips in einer Fabrik
Dennoch gibt sich die Kommission offensiv. Um den Lückenschluss zu bewerkstelligen, sollen im Rahmen des „Aktionsplans für den KI-Kontinent“ neben einigen kleineren auch bis zu fünf sogenannte KI-Gigafabriken (AI gigafactories) realisiert werden. 20 Milliarden Euro hat sich die EU-Kommission als finanzielle Unterstützung dafür bereitgelegt, bis zu 35 Prozent der Investitionen in eine Fabrik könnten so getragen werden. Geld, das benötigt wird. Teils sollen in den riesigen Rechenzentren bis zu 100.000 GPUs, also Grafikchips, der modernsten Generation verbaut sein.
76 Interessensbekundungen aus 16 Mitgliedsstaaten trudelten bis dato in Brüssel ein. Eine Zahl, die die Erwartungen der Kommission „weit übertroffen“ hätte, wie man stolz wissen lässt. Jetzt will eine „unverbindliche Liste potenzieller Kandidaten erstellen“, bevor Ende 2025 die offizielle Aufforderung zur Projekteinreichung startet. Gewisse Komplexität im Prozess orten Sie an dieser Stelle zurecht, aber immerhin geht es auch um viel Kapital und Hoffnung.
Wo beginnt digitale Souveränität?
Tatsächlich zeigen zahlreiche große europäische Telekom-Unternehmen, Rechenzentrenbetreiber oder Energiefirmen ebenso Interesse wie Finanzinvestoren und die öffentliche Hand. So wurde dieser Tage bekannt, dass sich auch Wien als Standort für eine der Fabriken in Stellung bringt. 2028 etwa könnte diese bereits ihre Tätigkeit aufnehmen. Große und komplexe, europäische KI-Modelle sollen dort trainiert oder betrieben werden. „Digitale Souveränität“ ist eines der zurzeit besonders häufig gehörten Begriffspaare.
Zeit- und Ortswechsel. Es ist eine Runde europäischer Medien, darunter die Kleine Zeitung, die Christian Klein am Donnerstag zum Austausch geladen hat. Der Chef des deutschen Softwareriesen SAP, Europas zurzeit wertvollster Börsenkonzern, hat Redebedarf. Frisch zurückgekehrt von einem Treffen mit der EU-Kommission, fragt Klein die Runde, ob es denn wirklich sinnvoll sei, diese Menge an Geld in neue Rechenzentren, in Infrastruktur zu stecken. Die dann erst wieder von US-Herstellern wie dem Chipgiganten Nvidia bestückt wird. „Wo beginnt Souveränität und wo endet sie?“, fragt Klein und plädiert für eine „realistische Definition“.
Er, daraus macht der 45-Jährige keinen Hehl, wünscht sich andere Schwerpunkte der Kommission. Zumindest aber eine Anpassung der Mittelverteilung. „Fünf neue Rechenzentren sind nicht das, was wir brauchen“, sagt der Mann an der Spitze von Europas größtem IT-Konzern. Europa solle einen Fokus auf KI-Ausbildung legen, sich auf eigene Stärken besinnen und KI-Anwendungen für Branchen entwickeln, in denen man führend sei: Automobilindustrie, Gesundheitswesen, Chemieindustrie.
Noch vor ein paar Wochen war die öffentliche Wahrnehmung Kleins und SAP eine andere. Mit der Deutschen Telekom, Siemens, Ionos und der Schwarz-Gruppe arbeitete SAP an einer gemeinsamen Bewerbung, um eine der KI-Gigafabriken nach Deutschland zu holen. Bald nach der Ankündigung aber zerbröselte das Konsortium. Christian Klein sieht sich missverstanden. Schon in diesem Konsortium hätte SAP die Software-Kompetenz eingebracht und nicht für infrastrukturelles Aufrüsten plädiert.