Fährt man durch St. Martin im Sulmtal, so fällt einem unweigerlich am Ortsrand ein großes schwarz-goldenes Gebäude auf. Das Tor davor ist geöffnet. Darauf steht in weißen, geschwungenen Buchstaben "Distillery Krauss". Seit 2018 werden hier auf 1400 Quadratmetern Whiskey, Rum, Gin, Edelbrände sowie Wermut verkauft und produziert. Gegründet wurde das Unternehmen 2006 vom Chemiker-Ehepaar Carmen und Werner Krauss - damals jedoch in einer Garage.

"Unsere Eltern hielten uns zuerst für verrückt"

Carmen Krauss hat am Kopfende eines großen Tisches im Verkostungsraum der Brennerei Platz genommen und erinnert sich an die Anfänge zurück. "Unsere Eltern hielten uns zuerst für verrückt, aber mein Mann und ich probieren eben gerne etwas Neues", sagt sie schmunzelnd. 

Alles begann im Jahr 2006. Werner und Carmen Krauss hatten 300 Kirschbäume gepflanzt. Die erste Ernte platzte auf. Das Obst musste schnell verarbeitet werden. Werner Krauss brachte die Kirschen zu einem Brenner und ließ Edelbrand daraus herstellen. Vom Handwerk fasziniert, beschloss er kurzerhand selbst einen zweitägigen Brennkurs zu belegen. Und dann führte eines zum anderen. In Bad Schwanberg hatte Krauss' Großtante eine kleine leerstehende Garage. Das Ehepaar flieste diese aus und stellte einen Brennkessel hinein. 2007 erwarben sie das Gewerberecht, kauften ein paar Hundert Kilo Weichsel, Äpfel und Zwetschken und stellten ihren ersten eigenen Edelbrand her.

Qualität vor Quantität

"Da wir von Null auf gestartet haben, stand bei uns Qualität immer vor Quantität", sagt Carmen Krauss. Diese galt es zu testen. Ihre ersten fünf Edelbrandsorten reichte das Ehepaar 2007  bei der steirischen Landesverkostung ein und erzielte sogleich drei Gold- und zwei Silbermedaillen. Von da an ging es steil bergauf. Das Paar experimentierte weiter. Neben Edelbränden begannen sie in ihrer 15 Quadratmeter großen Garage auch mit der Herstellung von Rum, Whiskey und Gin.

2015 kam dann der Wendepunkt. Der Grund: ihre Verkaufsstrategie. "Wir machen wenig Werbung. Für uns sind Blindverkostungen und internationale Verkostungen wichtig. Unsere Produkte sollen für uns sprechen und die sind gut", sagt Krauss. So gut, dass ihre Spirituosen bereits über 80 Mal bei internationalen Verkostungen prämiert wurden. Ihre kleine Garagendestillerie wurde dadurch weltweit bekannt. Sie kündigten ihre Jobs und eröffneten 2018 ihren heutigen Betrieb in St. Martin im Sulmtal. Platz gibt es hier - im Gegensatz zur Garage - genug.

Bester Whiskey der Welt

Werner Kraus kommt in den Verkostungsraum. Gemeinsam mit seiner Frau geht er in den Keller des Betriebs. Ein intensiver Wacholdergeruch macht sich breit. Kein Wunder. Im Keller befinden sich Dutzende Edelstahlfässer mit Gin. Mit dem Inhalt lassen sich 50.000 Flaschen füllen. Im Nebenraum liegen zu je drei Reihen gestapelt 290 Holzfässer mit Rum und Whiskey. Darunter auch zahlreiche Fässer des Sulm Valley Whiskeys. Drei Jahre braucht er, um zu reifen. Heute möchte ihn Krauss verkosten.

Er zieht am Stopfen des liegenden Holzfasses, holt mit einer großen weißen Pipette etwas Whiskey heraus und lässt die bernsteinfarbene Flüssigkeit in ein kleines tulpenförmiges Glas fließen. Langsam riecht er daran und schwenkt es. Dann schließt er die Augen, führt das Glas langsam zum Mund und nimmt einen kleinen Schluck: "Der braucht noch etwas", sagt er selbstkritisch. Er muss es wissen. Dieses Jahr wurde eben dieser Whiskey bei der "World Spiritis Competition" in San Francisco zum besten der Welt ernannt.