Konzentriert sitzt Michael vor seiner persönlichen Schaltzentrale. Von hier aus hat der 14-Jährige alle Tools, die er für den Schulunterricht in der privaten Mittelschule Odilien braucht, voll im Griff. Die Schaltzentrale, das ist das Tafellesegerät, das auf seinem Tisch thront, ausgestattet mit Nah- und Fernkamera, Computer, Monitor und Kreuztisch. Souverän und beeindruckend flink bedient er sein Steuerpult, öffnet Ordner, Apps, tippt behände auf der Tastatur. Da sitzt jeder Handgriff. Auch wenn Michael in seiner Sehkraft und im Hörvermögen stark eingeschränkt ist – hier ist er der Profi.
Das Tafellesegerät, das ihm den Schulbesuch ermöglicht, nutzt er bereits seit seinem Schuleintritt. Das sei auch ein absolutes Muss, erklärt Linda Kanzler, Lehrerin für Orientierung und Mobilität und blindenspezifische Übungen (an sechs Schulen in der Steiermark) sowie Referentin für Barrierefreiheit des Odilien-Instituts: „Man muss sofort ab der ersten Klasse damit starten. Das ist das Um und Auf. Wie soll man denn im Unterricht mitkommen, wenn man nicht sieht, was die Lehrer an die Tafel schreiben?“ Eva Hödl, Prokuristin am Institut, stößt ins selbe Horn: „Wenn man erst in der Fachschule mit Braillezeile oder Lesegerät anfangen würde, wäre das viel zu spät. Unsere Schüler lernen das von der Pike auf.“
Für Thomas (12), einer der ca. 160 in der Steiermark gemeldeten Schülerinnen und Schüler mit Blindheit oder Sehbehinderung, waren die ersten Schuljahre um einiges holpriger. Weder konnte er ein Tafellesegerät nutzen, noch eine Unterstützung durch eine Blinden- oder Sehbehindertenpädagogin in Anspruch nehmen. Erst seit seinem Übertritt in die Mittelschule des Odilien-Instituts vor eineinhalb Jahren kann er durch die vorhandenen Hilfsmittel und das entsprechende Lehrpersonal sein Potenzial voll ausschöpfen. Schwer sei es davor für ihn gewesen, erzählt Thomas, während er einige seiner Präsentationen auf seinem Computer herzeigt und eine mustergültige Ordnerstruktur präsentiert: „Mit dem Tafellesegerät ist halt alles anders. Ich muss nicht in der ersten Reihe sitzen. Ich kann überall sitzen.“
Plötzlich „Mattscheibe“
Bei Michael ist der Bildschirm plötzlich schwarz. Auf dem Gesicht des Schülers zeigt sich allerdings keine Überraschung – „Mattscheibe“ sind die Kinder wie auch die Lehrenden gewöhnt. Linda Kanzler erklärt mit einem Seufzen: „In diesem Fall ist das nicht das ,böse Schwarz‘, das sieht anders aus. Aber unsere Geräte sind alles schon ältere Semester, und die haben noch eine Splitbox. Dieser „schwarze Teufel“ verbindet alle Gerätschaften miteinander: Monitor, Steuergerät, Nahkamera mit Kreuztisch, Fernkamera und Computer. Und diese Splitbox ist eigentlich eine Fehlkonstruktion, das Metallgehäuse ist zu klein für die Elektronik drinnen. Eine Stromspitze kann reichen, und schon wieder ist ein Schaltkreis kaputt.“ Als Übergangslösung behilft man sich mit einem Gerät für unterbrechungsfreie Stromversorgung, das Schwankungen ausgleicht und eine konstante Stromversorgung gewährleistet. Eine notwendige Brücke, so Kanzler, die schmunzelnd anmerkt, dass auch immer wieder technisches Geschick gefragt sei: „Manchmal verbringe ich fast mehr Zeit unter den Tischen als neben den Schülern!“ Bei neueren Geräten ersetzt ein Programm die fehleranfällige Splitbox – Reparaturen, die für lange Ausfälle sorgen, würden mit ihnen der Vergangenheit angehören. Aber wie finanzieren?
Hürdenlauf Finanzierung
Neun Geräte sind in den Schulen des Odilien-Instituts im Einsatz: fünf in der Volksschule, vier in der Mittelschule, beide sind Privatschulen mit Öffentlichkeitsrecht, deren Schulerhalter der Odilien-Schulverein ist. Ein Gerät für alle Schülerinnen und Schüler, von diesem Traum ist man weit entfernt und froh, wenn die in die Jahre gekommenen Geräte ohne zu viele Ausfälle und Reparaturen ihren Dienst tun. „Man muss dankbar sein für das, was man hat, andere Schulen kämpfen hart darum. Aber man weiß halt auch, wie viel leichter es für die Kinder wäre mit einer besseren Ausstattung“, so Kanzler, die zudem auch eine steiermarkweite, massive Unterversorgung bei der Unterstützung der Kinder durch Blinden- und Sehbehindertenpädagogen ortet.
20.111 Euro kostet ein Gerät mit allem Drum und Dran, rechnet Linda Kanzler vor. Kosten, die übernommen werden – allerdings nur bei Bundesschulen, weiß Eva Hödl: „Bei einer Bundesschule – auch in unserer Fachschule – werden die Geräte für die Kinder gestellt. Da kriegt das Kind das Lernmaterial und das Lesegerät gratis zur Verfügung gestellt. Bei einer Landesschule oder Privatschule aber nicht, da ist es Aufgabe des jeweiligen Schulerhalters, die nötigen Hilfsmittel zu finanzieren. Da dies teils verweigert wird, fällt es quasi in die Verantwortung des Kindes, der Lehrer, der Klasse, der Gemeinschaft, das Gerät zu finanzieren.“ Linda Kanzler ortet ein steirisches Problem: „In anderen Bundesländern ist das so geregelt, dass die Bildungsdirektion, so wie bei den Bundesschulen, einen Hilfsmittelpool hat, und die Schule, die es braucht, kriegt das Gerät. Bei uns in der Steiermark ist der Schulerhalter zuständig. Die Stadt Graz sagt, das Land muss zahlen, das Land sagt, die Stadt Graz ist Schulerhalter, die Stadt Graz muss zahlen. Und anstatt, dass es jetzt einer vorstreckt und sie es sich dann ausstreiten, haben die Kinder an steirischen Schulen oftmals keine Geräte und können nicht lesen, was auf der Tafel steht. Wir haben ein paar alte Geräte verliehen, die eigentlich schon längst schrottreif wären, aber zumindest so aus Restteilen zusammengesetzt sind, dass die Kinder halt irgendwie arbeiten können.“
„Schüler müssen immer betteln“
Katharina Fieder, Arbeitsassistentin am Institut, bringt es in aller Deutlichkeit auf den Punkt: „Die Schülerinnen und Schüler müssen immer betteln, dass sie irgendwas kriegen. Ich bekomme als arbeitende Sehbehinderte alles. Eine jede Braillezeile, einen jeden Monitor, einen jeden Schwenkarm, eine jede Tastatur. Alles, was ich brauche, um arbeiten zu können, wird mir finanziert. Bei den Kindern ist es aber immer ein Konstrukt aus Spendenaufruf und Bitten. Was ein kompletter Wahnsinn ist. Der Return of Investment wird von den Verantwortlichen einfach nicht gesehen!“. Dabei ist dieser „ROI“ deutlich sichtbar, und das ganz ohne Hilfsmittel. Während Linda Kanzler einige Erfolgsstorys erzählt, werkt Nico Horn von der Hilfsmittelfirma Videbis an einem Tactonom Reader, der spielerisch grafische Informationen für Menschen mit Blindheit oder Sehbehinderung zugänglich macht. Er ist selbst sehbehindert, wie auch 30 Prozent seiner Arbeitskolleginnen und -kollegen. Seine Arbeit sei auch ein Stück weit Mission, meint er: „Es ist so wichtig, dass die Kinder gut ausgebildet werden, für ein späteres Studium, für einen Arbeitsplatz, für das ganze Leben. Und auch, um Menschen mit Einschränkungen zu zeigen, dass da viel, wirklich viel geht!“.