„Ich hab mit mir selbst geredet und gesagt, dass es mir so leid tut, was diesem Dominik passiert ist, was der jetzt alles durchmachen muss. Und mitten im Selbstgespräch komm ich darauf: MIR ist das passiert, ICH liege da auf der Intensivstation.“ Als Dominik Riedl am 26. Juli seine Wohnung im dritten Stock eines Miethauses verlässt, ahnt er nicht, dass er sie nie wieder betreten wird. In bester Laune macht sich der 26-jährige Südoststeirer an diesem Nachmittag auf den Weg zum Haus, das er gemeinsam mit seiner Verlobten Tanja eine Woche zuvor gekauft hat. Rasenmähen, Rosenschneiden – alles plötzlich ein Vergnügen.

Es ist schon 19 Uhr, als er noch schnell den Efeu vom Glashäuschen im Garten entfernen will, und auch sein bester Freund Guthi werkt noch. Die nächsten Sekunden ändern Dominik Riedls Leben für immer: „Ich bin raufgekraxelt auf die Stehleiter und hab den Efeu geschnitten. Wahrscheinlich hätte ich die Leiter einen Zentimeter weiter rüberstellen müssen, aber ich hab mir gedacht, ich leg einfach meinen rechten Fuß für die Stabilität aufs Glas rauf, ich bin nicht draufgestiegen, ich bin ja nicht wahnsinnig.“ Doch die Belastung ist für das Glas dennoch zu stark, Dominik bricht mit seinem Fuß ein.

„Das ganze Häuschen war sofort voller Blut, ich hab mein Bein herausgezogen. Seh, dass mir der Oberschenkel weghängt und bin noch die Leiter hinuntergeklettert“, erzählt er. Guthi hört das Splittern des Glases, die Schreie seines Freundes, sieht entsetzt den stark blutenden Freund und alarmiert die Rettung. Zitternd bindet er mit seinem Leiberl das Bein des Schwerverletzten ab, währenddessen dieser die Arterie schnappt und festhält. Sogar in dieser Extremsituation reagiert Dominik geistesgegenwärtig: „Ich hab gewusst, ich darf nicht nervös werden, sonst fall ich in Ohnmacht. Und ja nicht zu viel Adrenalin, weil sonst pumpt das Herz schneller und es spritzt noch mehr Blut raus.“

„Ich darf nicht sterben“

Guthi schüttet Dominik mit Wasser an, redet mit ihm, damit er wach bleibt. Auch der rasch eingetroffene Notarzt versucht das Bein abzubinden, aber das Tuch reißt. Drei Mal. Anspannung und Angst sind allen ins Gesicht geschrieben. Endlich gelingt es mit einem Dreieckstuch der eingetroffenen Feuerwehr das Bein abzubinden. Eine Leitung für das Schmerzmittel zu legen ist unmöglich, die Venen – alles leer. Als Dominik endlich abtransportiert wird, entdeckt er eine Polizistin und ruft ihr noch zu, er sei kein Einbrecher – da das Paar noch nicht im Grundbuch eingetragen ist. „Aber sie ist nur wie versteinert dagestanden und ihr Blick hat gesagt: Es tut mir leid, aber du stirbst jetzt.“ Doch Dominik hält durch: „Ich hab gewusst, da muss ich durch, ich darf nicht sterben, das darf ich der Tanja nicht antun. Ich glaube, dieser Gedanke hat mir das Leben gerettet.“

Als Tanja, Dominik Riedls Verlobte, im Krankenhaus eintrifft, befindet er sich bereits im Schockraum, der Hubschraubertransport ins LKH Graz ist vorbereitet. Mit fünf Prozent Blutvolumen trifft er dort ein, zehn Stunden dauert die herausfordernde Operation, bei der geflickt wird, was möglich ist, entschieden wird, welche Muskeln unverzichtbar sind und welche nicht. Bis auf den Gesäßmuskel sind alle Gefäße, alle Muskeln, alle Nerven, alle Sehnen durchtrennt. 

„Wer plant schon mit 26 einen Treppenlift?“

Die ganze Nacht verbringen Tanja und Guthi auf einer Bank vor dem Gebäude, bis es um 5.20 Uhr Entwarnung gibt. „Erst jetzt hab ich gewusst, dass er noch lebt“, erinnert sich die 28-Jährige mit Tränen in den Augen an diese bangen Stunden. Auf die junge Frau, die wie ihr Verlobter in der Behindertenbetreuung arbeitet, warten nun viele Belastungen. Eine barrierefreie Wohnung muss auf die Schnelle gefunden werden, bevor Dominik Riedl, der sein Bein nach wie vor nicht bewegen kann, nach Hause darf. In ein neues Zuhause, ein nicht geplantes Zwischenziel.

Finanziell ist der Wohnungswechsel ein Desaster: Aus dem Mietvertrag der vorherigen Wohnung kann das Paar erst im Dezember aussteigen, also muss doppelt Miete gezahlt werden, und auch eine Küche muss her für die neue Wohnung, ein Pflegebett und Pflegebehelfe. Dazu kommen die laufenden Kosten für das gerade erst gekaufte Haus, in das das Paar noch viel an Renovierungsarbeiten hineinstecken muss. Schließlich fällt auch noch das Fahrzeug durch einen Wildunfall aus. Auch das Einkommen verringert sich durch die Pflegekarenz von Tanja und die fehlenden Nachtdienste. „Wir verdienen ja beide und haben alles gut durchgerechnet“, erklärt Tanja. „Wir sind aber nie das Szenario durchgegangen, wenn einer einen Unfall in der Sanierungsphase hat und der andere ihn pflegen muss. Wir sind dankbar für die Pflegekarenz, aber es ist eng. Wir leben jetzt von dem Geld, das wir uns für den Umbau gespart hatten. Und wer plant mit 26 Jahren schon ein, dass er einen Treppenlift braucht, um ins Schlafzimmer zu kommen?“ Nun braucht das Haus der beiden ein barrierefreies Bad und einen Treppenlift. Zusätzliche Kosten, die das junge Paar nicht in seine Planung eingepreist hat.

Dankbar für Kleinigkeiten

Die Stunden nach dem Unfall haben gezeigt, wie viel innere Stärke in dem jungen Südoststeirer steckt. Sein neues Leben zu akzeptieren ist für ihn dennoch nicht einfach, erzählt er: „Als ich noch der gesunde Dominik war, war mein größter Wunsch, einen Lottosechser zu haben. Und jetzt denke ich mir: Wie naiv warst du?! Ich wünsche mir nichts mehr, als drei Schritte gehen zu können. Was ich im Sommer noch konnte. Am 9. Dezember 1997 ist mein Geburtstag, und am 9. Dezember 2024 ist das Gutachten geschrieben worden, dass ich zum Kreis der begünstigt Behinderten gehöre – genau 27 Jahre später. Du hast 2021 ein Diplom in Behindertenarbeit gemacht, und 2024 bist du selbst beeinträchtigt und weißt nicht, ob du jemals wieder gehen kannst, ob du jemals wieder dem Job nachgehen kannst, den du am 26. Juli am Vormittag noch ausgeübt hast. Das tut schon wild weh.“

Aber das Ehepaar – die geplante große Hochzeit, für die längst alles organisiert war, musste zu einer Feier in kleinem Rahmen schrumpfen – will sich seinen positiven Blick in ihre Zukunft nicht nehmen lassen. Tanja Riedl sagt mit fester Stimme: „Wir überstehen alles, das wissen wir. Man wird dankbar für Kleinigkeiten. Dafür, dass wir zusammen sein können.“ Und Dominik Riedl lächelt: „Wer heiratet schon einen jungen Menschen, der Pflegestufe 5 hat? Und schiebt einen Leibstuhl durch die Gegend? Sie tut das für mich. Wir können uns immer aufeinander verlassen und geben unser Bestes.“

Bei den Kosten für einen Treppenlift möchten wir das junge Paar unterstützen. Helfen Sie uns dabei!

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