Rund um den Leobener Hauptplatz hat sich die Lokalszene extrem ausgedünnt. Selbst an schönen Sommertagen tummeln sich nicht mehr annähernd so viele Gäste im „Wohnzimmer der Stadt Leoben“ wie früher. Während viele Lokale und Beisl dicht gemacht haben, kämpfen die verbleibenden Gastronomen wacker um ihr wirtschaftliches Überleben.
Ein hartes Brot, wie Andy Bäuchl und Rico Temmel wissen: Seit 27 Jahren betreiben sie das Segafredo am Hauptplatz, vor acht Jahren kam nur ein paar Häuschen weiter das „Zwanzger“ dazu. „1999 haben wir uns den Traum vom eigenen Lokal mitten am Hauptplatz erfüllt. Schon damals war uns klar, dass ein reines Nachtlokal keine langfristige Perspektive bieten würde“, erzählen sie.
Sie setzen auf das Konzept eines Betriebs mit einem starken Partner und – ganztägiger Öffnung. Tagsüber Café mit fließendem Übergang zum Nachtlokal mit gedimmtem Licht und lauterer Partymusik. „Den Partner haben wir mit Segafredo Austria gefunden. Das ist die Zusammenarbeit, die bis heute besteht und zu einem wichtigen Fundament des Erfolgs geworden ist.“
2007 eröffneten Bäuchl und Temmel im LCS eine zweite Segafredo-Filiale mit mehr als 200 Sitzplätzen. „Das Lokal ist damals echt gut gelaufen und war bis 2020 in Betrieb“, so Bäuchl und Temmel. 2018 wurde im Zuge des Umbaus des Gebäudes Hauptplatz 20 ein Geschäftslokal frei: „Wir haben zugegriffen und führen dort seither das ‚Zwanzger‘ erfolgreich.“
Zeiten wurden herausfordernder
Mehr als 40 Lehrlinge hat das Gastro-Duo ausgebildet: „Nachwuchsförderung und Verantwortung für Mitarbeiter waren und sind uns ein zentrales Anliegen.“ Seit den Schwierigkeiten mit der Umsetzung des Rauchverbots und den Folgen der Pandemie sei es immer herausfordernder geworden.
„Vor allem das Abendgeschäft ist massiv zurückgegangen. In den besten Zeiten haben wir fast 30 Angestellte gehabt. Mittlerweile sind es nur noch sieben. Aber in schlechten Zeiten muss man den Gürtel eben enger schnallen“, wissen Bäuchl und Temmel. Für sie selbst sei in der Gastronomie eine Sechs-Tage-Woche immer gelebte Realität gewesen.
Sieben Tage die Woche
„Das reicht aber heutzutage nicht mehr aus“, sagen sie. Also haben sie die „heilige Kuh“ des arbeitsfreien Sonntags längst geschlachtet. Trotz des enormen persönlichen Einsatzes sei es momentan schwer, finanziell über die Runden zu kommen. Auch wenn nicht mehr viel übrigbleibe, wollen sie auf keinen Fall jammern oder die Flinte ins Korn werfen: „Wir kämpfen weiter.“ Das habe angesichts ihres Alters von 58 und 55 Jahren auch etwas mit dem Mangel an echten Alternativen zu tun, geben sie zu.
Das völlig andere Ausgehverhalten der Jugend sei letztlich auf die Erwachsenen „übergeschwappt“: Das habe viele Faktoren, auf alle Fälle habe es aber damit zu tun, dass die Leute eher sparen würden und insgesamt weniger Geld zur Verfügung hätten: „Wenn man früher am Donnerstag eine Liveband geholt hat, sind die Gäste zusätzlich zu den fixen Fortgehtagen Freitag und Samstag gekommen. Heute kommen sie stattdessen – wenn man Glück hat“, so Bäuchl und Temmel.
Appell an die Bevölkerung
Sie appellieren an die Bevölkerung, die Lokale wieder etwas mehr zu frequentieren: „Oft wird beklagt, dass es in den Dörfern keine Gasthäuser und Restaurants mehr gibt. Doch dieses Phänomen ist längst nicht mehr nur auf ländliche Regionen beschränkt.“ Es greife zunehmend auch auf Städte wie Leoben über.
„Wenn sich das Konsumverhalten weiter so entwickelt, darf sich niemand wundern, wenn es in einigen Jahren nur noch sehr wenig oder vielleicht gar keine traditionelle Gastronomie mehr gibt“, so Bäuchl und Temmel. Gastronomie lebe von Begegnung, von Stammgästen, von Menschen, die bewusst ausgehen, sich treffen und regionale Betriebe unterstützen.