Hermann KnoflacherVerkehrsexperte empfiehlt: Graz sollte auf allen Straßen Tempo 30 verordnen

Bei Debatte von Experten sanfter Mobilität im Kunsthaus bekam die Autostadt Graz ihr Fett ab. Die 100 Millionen Euro der Rad-Offensive sind für Städtebau-Expertin Degros "Peanuts".

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Hermann Knoflacher findet, man sollte Autofahrer weiter einbremsen.
Hermann Knoflacher findet, man sollte Autofahrer weiter einbremsen. © Juergen Fuchs
 

Amsterdam, aber auch andere Städte der Niederlande, sind europaweit bekannt als die Pioniere in Sachen Radverkehr. Eine Vorreiterrolle, die vor allem Bürger erkämpft haben, die sich gegen das Diktat von Wirtschaft und Stadtplanern gewehrt haben, die Städte in den 1960er und 1970ern ganz dem Autoverkehr unterordnen wollten. Das war die Grunderzählung des Doku-Films "Together We Cycle" im Herbstkino des Grazer Kunsthauses, der die Basis für eine Podiumsdiskussion* von Experten sanfter Mobilität war, in der die "Autostadt Graz" jüngst ordentlich ihr Fett abbekommen hat (Die ganze Diskussion können Sie im Player unter diesem Absatz nachhören). Kleiner Schönheitsfehler: Am Podium fanden sich keine Diskutanten der Gegenseite - etwa Auto-Lobbyisten, Wirtschafts- oder Handelsvertreter.

100 Millionen Euro: Großer Wurf oder doch nur Peanuts?

Auf eine der Kernfragen des Abends - "wie soll man den öffentlichen Raum in Graz umverteilen? - gab es durchwegs pragmatische Ansätze. Die Leiterin des Städtebau-Instituts Aglaée Degros sagte etwa sinngemäß: "Man muss einfach damit beginnen." Sie zeigte sich ungeduldig, dass immer nur geredet und geplant werde. Man müsse bei der Einrichtung von Radwegen oder Begegnungszonen viel mehr ausprobieren. Auch in Provisorien denken.

Aufhorchen ließ sie auch in Zusammenhang mit der Rad-Offensive von Stadt und Land, die Graz ja mit 100 Millionen Euro in zehn Jahren in die europäische Oberliga der "Radstädte" bringen soll. Auf eine Publikumsfrage gestand sie ein: "100 Millionen Euro für die Radinfrastruktur - ja das sind Peanuts." Gleichzeitig betonte sie aber, dass man auch ohne große finanzielle Mittel die Raum-Umverteilung beginnen und damit das Bewusstsein für sanfte Mobilität schärfen könne. Nach der Pandemie stellte Degros fest, "dass unglaublich viele Räder und Radfahrer in der Stadt sind." Jetzt wäre es Zeit, dass die Stadt dem auch Rechnung trage.

Rad-Offensive: Achten wofür das Geld eingesetzt wird

Sorge, dass die Rad-Offensive nur auf dem Papier Fahrt aufnehmen könnte, hatte auch Simone Feigl von der Radler-Lobby Argus: "Man muss da genau achten, welches Geld da reingerechnet wird. Sind bei den 100 Millionen auch Grundablösen dabei, dann ist das Budget bald ausgegeben. Auch kann es nicht sein, dass da Straßen mitfinanziert werden, nur weil Radweglösungen umgesetzt werden."

Tempo 30 in der ganzen Stadt

Der legendäre Verkehrsexperte Hermann Knoflacher ging durchaus hart ins Gericht mit der "Autostadt Graz": "Ich habe damals die erste Fußgängerzone in der Herrengasse konzipiert - und ich hätte sie über die Annenstraße bis zum Hauptbahnhof gezogen." Dazu sei es dann aber nicht mehr gekommen. Bis heute ist er der Meinung, dass das Stadtzentrum deutlich weiter vom Autoverkehr befreit werden müsste und dass nicht nah am Zentrum so viele Tiefgaragen errichtet werden hätten sollen: "Aber Graz hat sich eben über Jahrzehnte am Auto orientiert."

Knoflacher denkt aber auch in Verordnungen nicht nur in Infrastruktur. Er schlug vor, doch im gesamten Stadtgebiet Tempo 30 zu verfügen: "Dann könnten Radfahrer auf der Straße mit den Autos mithalten." Das Motto: Mischverkehr auf Augenhöhe überall dort, wo die Radinfrastruktur fehlt.

Mini-Metro ist ein Projekt für Tunnelbauer

Und Knoflacher wiederholte an diesem Abend, was er schon einmal in der Kleinen zeitung zu Protokoll gegeben hatte: "Ich sage ihnen für wen die Mini-Metro ist. Für die Tunnelbauer, die da jahrelange Aufträge bekommen können." Für die Stadt wäre es das falsche Konzept, da sind sich alle am Podium inklusive dem Verkehrsexperten und -pädagogen Karl Reiter einig. Und Knoflachers Motto ließe sich auch auf dieses Projekt anwenden: "Nicht nur kopieren, sondern kapieren."

In einem Fall ist aber Reiter etwa sehr wohl fürs Kopieren. Er kann einem Projekt zur Verkehrsberuhigung in der niederländischen Stadt Groningen auch umgelegt auf Graz viel abgewinnen. Dort hat man das Zentrum in vier Sektoren aufgeteilt: Autos können in jeden Sektor von außen zufahren, aber nicht in einen der anderen drei weiterfahren. Die Durchfahrt durchs Zentrum ist also gesperrt, die Zufahrt für Kunden oder Anrainer ist aber jederzeit möglich. Der Hauptverkehr muss aber jedenfalls dem Zentrum ausweichen.

Graz soll sich nicht wieder abhängen lassen

Ja, es war ein spannender Abend, auch wenn das Auto und seine Lobby an diesem Abend keine Mitsprache hatten. Und die Runde war sich einig: Alles, was in Richtung Umverteilung gehe - vom Rad-Highway bis zur Begegnungs- oder Fußgängerzone müsse man nun endlich beginnen. Vom Reden ins Tun kommen, denn in Europa seien schon wieder Städte dabei Graz in Sachen "Sanfter Mobilität" abzuhängen.

*Die Podiumsdiskussion fand am Freitag, den 8. Oktober im Grazer Kunsthaus statt.

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Danke für Ihr Verständnis.

HannesK
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Einfach lächerlich....

Dieser abstrakte Knoflacher ist in den vergangenen Jahrzehnten (!) schon mehrmals seltsam aufgefallen. Auch in Salzburg. Doch diesmal überholt er sich selber und macht sich lächerlich!

Pratter67
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30er

Die Radl-Lobby ist schon ein Wahnsinn, aber was solls1 Das Fahrrad muss gleichgestellt mit dem Auto, LKW usw werden. Dann fahre ich durch die Wickenburgasse, wo früher 2 Fahrstreifen in beide Richtungen waren.
Dort sind jetzt nur mehr je ein Fahrstreifen für Autos da und ein Radfahrstreifen gleich breit wie die Fahrbahn. Dass sich auf der Fahrbahn die Auto stauen, weil nur 1 Fahrstreifen frei ist und auf der gesamten Wickenburggasse 3 - 4 Radler dahinrollen. Das soll sinnvoll sein? Und klar so den Verkehr anlegen, habe ich immer eine Möglichkeit übers Auto zu schimpfen.
Also sollten die ganzen Waren, die die Grazer brauchen, auch per Fahrrad transportiert werden!!
Und Knofflacher konnte schon damals keine richtig guten Verkehrskonzepte, die funktionieren, erstellen. Und das soll jetzt besser sein!!!

checker43
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Den

Streifen teilen sich Fußgänger und Radfahrer in zwei Richtungen. Also nicht "ein Radfahrstreifen gleich breit wie die Fahrbahn".

SagServus
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Das soll sinnvoll sein?

Es steht dir frei auch aufs Rad umzusteigen und am Stau vorbeizufahren. 😁

"Also sollten die ganzen Waren, die die Grazer brauchen, auch per Fahrrad transportiert werden!!" - Wie kommst du drauf?

Würden wohl alleine 25% der Grazer, die täglich mit dem Auto zur Arbeit fahren, aufs Rad umsteigen, wäre der Stau wohl schon um einiges geringer.

uomo23
7
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Besser

Wäre es den P&R in Webling auszubauen bzw. Kostenpflichtig zu machen. Ist jeden Tag überfüllt.
Dann müsste man nicht mit dem Auto in die Stadt fahren.

altbayer
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Parken mit Öffi-Ticket

Gratis Parken nur mit Öffi Ticket - es kann ja kein Problem sein, das mit einem Schranken zu regeln.

SagServus
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Wäre es den P&R in Webling auszubauen bzw. Kostenpflichtig zu machen.

Wennst den kostenpflichtig machst kommt als erste ausrede: "Dann kann ich auch in die Stadt fahren und in der grünen Zone parken."

SagServus
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Er schlug vor, doch im gesamten Stadtgebiet Tempo 30 zu verfügen

Auch wenn das eventuell sinnvoll erscheinen mag, aber wie soll das umgesetzt werden?

Gabs nicht vor ein paar Jahren ein paar findige Juristen die einige 30er zu Fall gebracht haben weil man, um einen 30er verordnen zu können, trifftige Gründe braucht?

Und man nicht einfach pauschal in einer Verordnung gewisse Straßenstücke als 30er deklarieren kann?

duesenwerni
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Auf vielen Hauptverkehrsstraßen in Graz wären die Autofahrer froh,

wenn sie mit 30 km/h fahren könnten. Stattdessen quälen sie sich im Stau dahin. So betrachtet würde Tempo 30 keine große Veränderung bedeuten.
Einfach mal befristet ausprobieren und sehen, was sich dadurch verändert, meinetwegen erst einmal auf die inneren sechs Bezirke beschränkt.

fwf
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Tempo 30?

Unfug ! Tempo 25 wäre richtig, denn so schnell sind auch die Scooter-und e-Bikefahrer, das würde den Verkehr harmonisieren.....

melahide
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Wäre super

wenn Tempo 30 in ganz Graz gelte. Andere Städte machen das vor. Durchgehende Radwege wären halt auch einmal notwendig. Gibt es ja nicht, dass überall in der ganzen Stadt Autospuren und Parkplätze sind, und Radwege hören irgendwo auf ...

Stratusin
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Dieser Experte,

sollte sich auf Briefmarken spezialisieren.