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AnalyseWarum ein Koffer in Graz einen Einsatz der Polizei auslöst

Was der Vorfall vom Mittwoch über unsere Gesellschaft aussagt sowie über die Zeiten, in denen wir leben. Eine Analyse.

Am Mittwoch hat die Polizei den Südtirolerplatz abgeriegelt - wegen eines Koffers © Rieger
 

Man kann nicht vorsichtig genug sein, sagt der Volksmund – und meint einen dreifachen Spiegel-Spiegel-Schulter-Blick beim Überholen, das Angreifen der Bratpfanne mit dem Ofenhandschuh oder das Einpacken des Regenschirms beim Anblick von drei Wolken am Horizont. Was Harmloses halt.

Wenn hingegen die Polizei Vorsicht walten lässt, kann das so aussehen wie an diesem Mittwoch mitten in Graz: Da werden plötzlich Absperrbänder über den gesamten Südtiroler Platz gespannt, Polizeiautos auf Straßenbahnschienen geparkt und Spezialisten des Entschärfungsdienstes angefordert. Um am Ende dieser gespenstischen Stimmung, die Passanten im Freien, Fahrgäste in gestoppten Bims oder Café-Gäste durchs Fenster beobachten, Entwarnung zu geben: Der „herrenlose Koffer“, den ein Passant gemeldet und der zu diesem Einsatz geführt hatte, sollte sich als leer entpuppen.

Hat sich unser Leben so verändert?

Was bleibt, ist jedenfalls ein schaler Beigeschmack, der sich um die Frage dreht: Ist ein derartiger Einsatz wirklich angemessen? Und beweist dies nicht, dass sich unser Leben, das Leben in Graz, dramatisch verändert hat? Die Antworten mögen je nach Alter, Erfahrung und Lebenseinstellung unterschiedlich ausfallen – mit Sicherheit befinden sich darunter folgende: Ja, der Einsatz war gerechtfertigt. Oder stellt sich jemand hin und sagt: Gehen wir halt das Risiko ein? Was, wenn der Koffer nicht leer gewesen wäre? Ganz abgesehen vom Umstand, „dass wir laut Paragraf 16 im Sicherheitspolizeigesetz angehalten sind, in so einem Fall ,Gefahrenforschung‘ zu betreiben“, wie Markus Lamb, Sprecher der Landespolizeidirektion, auf Anfrage betont.

 

Foto © Winter-Pölsler

Antwort zwei: Jein. Zum einen war ein solcher Einsatz keineswegs eine Premiere. Im Jahr 2008 etwa reichten zwei in der Grazer Innenstadt abgestellte Aktentaschen für eine ähnliche Dramatik aus – sie waren übrigens ebenfalls leer. Und dennoch: Mag auch die lokale Kriminalitätsstatistik von rückläufigen Zahlen sprechen – im globalen Kontext, im Zusammenhang mit dieser „allgemeinen Gefahrenlage“, ist auch die Stadt Graz eine andere geworden. Dazu gehören neuerdings Polizisten, die mit Gewehr und Schussweste Aufstellung nehmen – neben der Stadthalle etwa, während dort der Bauernbundball über die Bühne geht, oder zuletzt auch in der Schmiedgasse im Laufe des Silvesterabends. Und dazu gehören mittlerweile auch Anti-Terror-Bauten in Form von Pollern am Rande der Adventmärkte oder als Sitzbänke getarnt am Lendplatz. Daran werden wir uns gewöhnen müssen.

Aber was macht das mit uns, wenn wir künftig beim Stadtbummel auf Polizisten treffen? Oder in ein paar Jahren – so wie in anderen europäischen Städten – gar auf Soldaten und Panzer? Fühlen wir uns dadurch sicherer? Oder löst so ein Anblick – unbewusst – permanent ein Gefühl der Bedrohung aus?

Unser Miteinander beeinflussen

Polizei-Sprecher Lamb nimmt den Ball auf – und spielt ihn weiter. „Dass manche Medien solche Einsätze wie jenen am Südtiroler Platz oft extrem aufbauschen, spielt sicher auch eine große Rolle.“ Autsch, getroffen! Selbst wenn nichts aufgebauscht wird – „Schauereien“ werden in allen Redaktionen gern genommen, weil sie gerade im Internet der Renner sind. Gefolgt von unzähligen – teils schauerlichen – Kommentaren, auch in den sozialen Medien.

Also liegt es schon auch an jedem Einzelnen von uns, wie unser Leben in zehn Jahren aussehen, wie es sich anfühlen wird – zumindest rund um die Blaulichter und Schutzwesten, die wohl unvermeidlich sind. Aber wir können unser Miteinander ein Stück weit beeinflussen. Ob etwa zur Zivilcourage mehr gehört als „nur“ das Melden eines verdächtigen Gegenstandes. Ob wir bei Internet-Postings wie im persönlichen Gespräch „abrüsten“. Und ob wir auch die Helden des Alltags hochleben lassen, die positiven Nachrichten – in den Medien und überhaupt.

„Bedenken Sie beim Zeitungmachen, dass die Sonne in der Früh tendenziell eher aufgeht als untergeht“: Dieser Satz aus der Zuschrift eines Lesers, vergrößert auf Plakatformat, hing in den früheren Redaktionsräumen der Kleinen Zeitung in der Schönaugasse. Er gilt mehr denn je.

Auch wenn man nicht vorsichtig genug sein kann.

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