„Was Gent kann, sollte Graz schon lange können“, sind Tristan Schachner, Elisabeth Mitterfellner und Karl Reiter überzeugt. Sie stellten am Donnerstag die Vision der neu gegründeten Initiative „Grazer Mitte“ vor, die sich die zweitgrößte Stadt Belgiens als Vorbild nimmt. Ihr „Gesamtkonzept für eine lebendige Stadt“, das sie im Grazer Wahlkampf zur Diskussion stellen wollen, sieht Folgendes vor: Der Durchzugsverkehr wird großräumig um das Grazer Zentrum herumgeführt. Das wird in vier Sektoren – Graben, Lend, Gries und Schönau – eingeteilt, die zwar per Pkw erreichbar bleiben, durchqueren kann man sie aber nur mehr mit den Öffis, zu Fuß oder per Fahrrad.
Die Stadt Gent, die mit 270.000 Einwohnern nur etwas kleiner als Graz ist, hat ihren „Circulatieplan“ (flämisch für „Umfahrungsplan“) schon 2017 umgesetzt. Mit einem vergleichsweise günstigen Kostenrahmen von 10 Millionen Euro habe man es geschafft, den Autoverkehr um fast die Hälfte zu reduzieren (das allerdings im Vergleich zu 2011, wo man einen ersten Mobilitätsplan erstellte) und so mehr Raum für andere Bewegungsarten frei zu machen, heißt es von den Menschen hinter „Grazer Mitte“, die teilweise schon im Verein „MoVe iT Graz“ Denkanstöße für den Verkehr in Graz geliefert haben.
Den Durchzugsverkehr will man auf den bestehenden Gürtel (Kalvarien-, Bahnhof-, Eggenberger, Lazarett-, Karlauer und Schönaugürtel) bzw. auf die Conrad-von-Hötzendorf-Straße, Grazbachgasse, Glacis und Bergmanngasse und Grabenstraße verlegen. „Diese Straßen sind dafür ausgelegt“, sagt Schachner. Dass sich der Verkehr von stark befahrenen Straßen wie an den Kais oder in der Keplerstraße 1:1 dorthin verlegt, sei nicht zu befürchten: „Die Erfahrungen aus Belgien haben gezeigt, dass der Verkehr dort gerade einmal um fünf Prozent zugelegt hat, weil so viele Menschen umsteigen“, sagt Reiter.
Mehr Platz an den Murkais
Quer-Achsen wie über die Josef-Huber-Gasse und Griesplatz und Radetzkystraße zum Jakominiplatz oder vom Bahnhof über die Keplerstraße und Wickenburggasse zur Uni würden ganz besonders attraktiv für Öffis und Fahrradrouten, an den Murkais würde viel Platz zum Flanieren und für Gastgärten frei – hier hat man sich auch Paris und Ljubljana als Vorbild genommen, für die Einteilung in Zonen schielte man dazu zu den „Superblocks“ aus Barcelona. Auch den Kunsthaus-Vorplatz und große Teile der Annenstraße würde man zur Fußgängerzone machen.
Projekt soll auch kostengünstiger sein
Was man sich für Graz erhofft? Unter den Vorteilen listet „Grazer Mitte“ auf, dass es mehr Platz für alle gebe, die zu Fuß oder per Fahrrad unterwegs sind, Busse und Straßenbahnen würden schneller und attraktiver, weil sie nicht mehr im Stau stehen. Einsatzkräfte kamen ebenfalls schneller durch. Nicht zuletzt sei so ein groß angedachtes Modell wesentlich kostengünstiger als viele kleinräumige Projekte zur Verkehrsberuhigung.
„Graz hat eine mutige Tradition“
„In Graz läuft schon jetzt vieles in die richtige Richtung“, sagt Schachner. Verkehrsexperte Reiter ergänzt: „Die Stadt hat auch eine mutige Tradition mit Fußgängerzonen und Tempo 30, an die man anknüpfen könnte.“ Hier sei man kein Pionier, sondern könne dafür von den Erfahrungen aus anderen Städten profitieren.
„Grazer Mitte“ versteht sich zunächst als Denkanstoß und überparteiliche Kampagne. Die nächsten Schritte sind das Sammeln von Unterschriften und Veranstaltungen für Diskussion und Austausch – etwa am Freitag, 27. März, um 18.30 Uhr im „Contra Punto“ in der Kosakengasse. Einige Unterstützende hat man bereits gefunden – wie „Tribeka“-Geschäftsführer Harald Fischer, der mit seinem Café am Grieskai sehr profitieren würde oder Ulrike Korp-Dienstbier, Direktorin im BRG Kepler, das in der Keplerstraße schon lange für eine Verkehrsberuhigung kämpft.
Reaktionen
Auf die Stadtpolitik will man nach der Wahl zugehen. Mit der jetzigen Verkehrsstadträtin Judith Schwentner (Grüne) ist man aber bereits im Austausch: „Wir teilen die Vision einer spürbar lebendigeren Stadt, in der sich die Grazerinnen und Grazer gerne in begrünten Gassen und an schattigen Plätzen mit sauberer Luft aufhalten und ihre Wege schnell und sicher auch zu Fuß, mit dem Rad und den Öffis zurücklegen können“, sagt sie auf Kleine-Zeitung-Anfrage. Die Mehrheit der Menschen in der Stadt würde sich auch eine Verkehrsberuhigung wünschen. Für mögliche nächste Schritte brauche es aber jedenfalls eine breite Bürgerbeteiligung und die Einbeziehung der umliegenden Bezirke, so Schwentner.
Auch die Mobilitätsorganisation VCÖ würde den Plan der Initiative Grazer Mitte begrüßen, hieß es in einer Aussendung. Zirkulationskonzepte wie in Groningen und Gent hätten sich bewährt. „Dieses Konzept ist auch für Graz geeignet und sollte in der kommenden Legislaturperiode umgesetzt werden“, spricht VCÖ-Expertin Klara Maria Schenk von einem wichtigen Anstoß.