Das Leben dieser Familien hat sich am 10. Juni 2025 für immer verändert, als der 21-jährige Täter am Borg Dreierschützengasse neun Schülerinnen und Schüler sowie eine Lehrerin und schlussendlich sich selbst getötet hat. Die Trauerarbeit läuft, auch die Bewältigung dieser Katastrophe auch mit psychologischer Unterstützung. Und dann landet bei ihnen ein - gefälschter - Brief der MedUni Graz in ihrem Postkasten, in dem unter Berufung auf die „moralische Pflicht“ von Fehlern bei der Obduktion und Erstellung der gerichtsmedizinischen Gutachten berichtet wird. Insbesondere bei der Analyse der Schussverletzungen sollen Fehler passiert sein.
„Es ist unfassbar, was hier ein noch unbekannter Täter diesen Eltern antut“, ist auch die Grazer Anwältin Karin Prutsch-Lang geschockt, die sieben Opferfamilien vertritt und dieses Schreiben daher auch erhalten haben dürfte. Und es ist nicht der erste Brief dieser Art: „Schon einmal ist mir so ein Schreiben zugesandt worden, das auf angebliche Fehler an der Gerichtsmedizin hingewiesen hat.“ Die Juristin mutmaßt, es könnte derselbe Verfasser gewesen sein, offenbar ein MedUni-Insider, der wohl eine Intrige spinne. Was besonders erschreckend ist: Dass der unbekannte Täter offensichtlich auch über Daten und Adressen der Opferfamilien verfügen konnte.
Die MedUni Graz reagiert bestürzt und findet es „äußerst verwerflich, dass eine oder mehrere unbekannte Personen versuchen, mit einem offensichtlich gefälschten Schreiben den Eindruck zu erwecken, dass die Medizinische Universität Graz die Eltern der Todesopfer über angebliche schwere Fehler bei der Erstellung von Gutachten zur Todesursache ihrer Kinder informiert.“
Staatsanwalt: „Schussgutachten liegen noch nicht vor“
Die Institutsleiterin der MedUni Graz hat den Brief und damit auch die Vorwürfe fehlerhafter Gutachten und Vertuschungsversuche gegen das Institut der Staatsanwaltschaft übermittelt. Der Sprecher der Anklagebehörde Christian Kroschl sagt zur Causa: „Das Schreiben ist uns bekannt.“ Und: „Uns liegen derzeit gerichtsmedizinische, aber noch kein Schussgutachten vor.“ Ob Ermittlungen eingeleitet werden, dazu könne er aktuell noch nichts sagen. Jedenfalls wird man sich aber auch die Gutachten nun genau anschauen, wenn sie vorliegen.
Die MedUni bietet den Eltern aufklärende Gespräche zu dem Brief und auch psychologische Unterstützung an. Anwältin Prutsch-Lang arbeitet indes ja auch daran, für die Opferfamilien eine Schadenersatzleistung der Republik im Zusammenhang mit dem Waffenbesitz des Täters durchzusetzen.