Es ist fast genau auf den Tag ein Jahr her, als im Westen Schladmings ein folgenschwerer Unfall geschah: In der Nacht vom 21. März 2025 stürzte ein VW-Bus mit neun Insassen auf einer schmalen Schotterstraße über eine Böschung 40 Meter hinab (wir berichteten). Ein 31-jähriger Mann aus dem Bezirk Steyr-Land verstarb an der Unfallstelle, alle anderen wurden unterschiedlich schwer verletzt.
Gefahren ist eine 18-jährige Einheimische, die Tochter des Wirtes, in dessen Hütte im Ortsteil Mandling die Insassen einen feucht-fröhlichen Abend verbracht hatten. Die heute 19-Jährige saß am Donnerstagvormittag auf der Anklagebank im Bezirksgericht Schladming, wegen fahrlässiger Tötung und schwerer Körperverletzung. Der durchgeführte Alkotest war negativ, ihr wird aber vorgeworfen, sie habe sich in der Situation nicht richtig verhalten.
In drei Sekunden war es passiert
Was ist passiert? Die Angeklagte – sie bekannte sich nicht schuldig – fuhr die Gäste als Teil des hauseigenen Shuttle-Dienstes in ihre Unterkunft: „Ich kenne die Straße von Kind auf“, sagte sie sichtlich mitgenommen aus. Immer wieder tupfte sich die 19-Jährige mit einem Taschentuch die Tränen aus dem Gesicht, Familienmitglieder waren zur Unterstützung in den Gerichtssaal gekommen. Den Führerschein hatte die Einheimische durch L-17 bereits ein Jahr lang, viele Male habe sie seit dieser Zeit die einspurige Schotterstraße bereits befahren, gab sie zu Protokoll.
„Heiter laut“ und „gut angetrunken“ seien ihre Gäste an diesem Abend gewesen, eine für sie bekannte Situation. Zu dem folgenschweren Zwischenfall kam es nur zirka eine Minute nach dem Losfahren. Ihr Beifahrer, ein 32-Jähriger Bayer, sei auf der Sitzbank des Busses plötzlich auf ihre Seite gekippt: „Ich habe probiert, ihn wegzudrücken, dabei dürfte ich das Lenkrad verrissen haben und bin auf das weiche Bankett gekommen. Ich hab‘ noch versucht, ruckartig zu lenken, damit ich wieder auf die Straße komme. Aber dann sind wir schon weggerutscht.“ Das sei ganz schnell gegangen, drei Sekunden habe es gedauert, wenn überhaupt.
Angetrunkene Poltergruppe erinnert sich an nichts
Ob der Unfall wirklich so abgelaufen ist, war für Richter Lukas Bacher nicht herauszufinden. Denn fünf von sechs Zeugen konnten sich aufgrund ihres ausschweifenden Alkoholkonsums an diesem Abend an absolut gar nichts mehr erinnern. Es waren Männer in ihren Dreißigern, aus Niederbayern, die zum Poltern nach Schladming gekommen waren.
„Ich weiß nur noch, dass wir in der Unterkunft das Gepäck abgegeben haben. Dann bin ich erst im Krankenhaus aufgewacht“, sagte einer. Seine Kumpels erinnerten sich zwar noch an das Essen in der Alm, „dann wird‘s schön langsam dunkel“. Besser waren da die Erinnerungen eines 32-jährigen Oberösterreichers mit Trachtenjanker und gezwirbeltem Oberlippenbart. Ein Betriebsausflug hatte ihn auf die Alm geführt. Er saß – rein zufällig – neben dem mutmaßlichen Störenfried und der Angeklagten ganz vorne im Bus.
Lebensgefährtin soll Licht ins Dunkel bringen
Ob sein Sitznachbar letztendlich auf die Fahrerin gefallen ist, das wisse er aber nicht. Nach einem „Rucker“ sei der Bus relativ schnell den Hang hinuntergestürzt und habe sich mehrmals überschlagen: „Ich hab nur mehr die Hände über den Kopf gelegt.“ Definitiv sei sein Sitznachbar – trotz des Hinweises der Angeklagten vor Fahrtbeginn – nicht angeschnallt gewesen.
Mehr Licht ins Dunkel könnte die Lebensgefährtin des verstorbenen 31-Jährigen aus Großraming bringen. Das Paar war von der bayrischen Polterrunde als Unterhalter engagiert worden. Sie kam zur Verhandlung am Donnerstag aber nicht: „Sie ist psychisch nicht in der Lage, gerade jetzt, so nahe am Jahrestag“, sagte Anwalt Hannes Pichler. Der Richter vertagte daher die Verhandlung. Das Gutachten eines Sachverständigen soll nun klären, ob die Angeklagte „stehenbleiben, langsamer fahren oder weiter rechts fahren hätte müssen“.