EU-Most-WantedBluttat in Stiwoll: Neues Rätsel um Felzmann

Der mutmaßlicher Doppelmörder von Stiwoll wurde kurz vor Tat in einem fremden Auto gesehen. Er steht auf der EU-Verbrecherliste.

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Felzmann auf der EU-Most-Wanted-Liste von Flüchtigen © KK
 

Nachdem die Sicherheitsbehörden seit Wochen weltweit nach dem mutmaßlichen Doppelmörder von Stiwoll fahnden, wurde Friedrich Felzmann (66) jetzt auch in die EU-Liste der meistgesuchten Verbrecher aufgenommen. Damit ist die Fahndung in allen EU-Ländern der Öffentlichkeit zugängig. Man hoffe auf Hinweise, die zum Aufenthaltsort des Steirers führen, heißt es seitens der „Sonderkommission Friedrich“.

Auf der „Most Wanted“-Liste des österreichischen Bundeskriminalamtes scheint der Gesuchte schon seit Wochen auf. Nun können die Lichtbilder und Fahndungsdaten auch auf der Homepage der europäischen Zielfahnder abgerufen werden (www.eumostwanted.eu). Friedrich Felzmann befindet sich dort in der Gesellschaft weltweit gesuchter Schwerverbrecher.

Die Zielfahnder des Bundeskriminalamtes, die über ein dichtes internationales Netzwerk verfügen, konzentrieren sich weiter auf Nachbarstaaten Österreichs. Auch zu Ländern, in denen sich Friedrich Felzmann zu früheren Zeitpunkten aufgehalten hatte, wird die Zusammenarbeit verstärkt.

Rätsel um weiteres Fahrzeug

Vor allem nach Ungarn und Polen soll der Gesuchte engere Beziehungen gepflogen haben. Aus Ungarn hatte er Honig bezogen, den er auf seinem Anwesen abfüllte und als steirischen Bienenhonig verkaufte. In Polen lebt jener Mann, den Felzmann in seiner ehemaligen Gartenschnitt-Firma jahrelang beschäftigt hatte. Zu ihm baute er eine Freundschaft auf, bei ihm in Polen verbrachte Felzmann sogar seinen Urlaub. Man habe in diesen Ländern bereits Überprüfungen durchgeführt, aber keine Spur des Todesschützen gefunden, verlautet aus der Soko.

Rätsel bereitet der Polizei indes die Aussage eines Unternehmers aus einem Nachbarort von Stiwoll. Dabei geht es um ein Auto, mit dem Felzmann am Samstag, den 21. Oktober, also neun Tage vor der Tat, unterwegs gewesen sein soll.

„Ich bin am frühen Nachmittag in einem Werkzeuggeschäft in Seiersberg am Serviceschalter gestanden“, erzählt der Zeuge gegenüber der Kleinen Zeitung. „Felzmann ist hereingekommen und hat mehrere Schlagbohrer und Akkus vom Regal genommen.“ Etwa 20 Minuten später habe er Felzmann auf dem Parkplatz wieder getroffen.

„Wir haben uns mit Zunicken gegrüßt, dann hat er die Heckklappe geschlossen und ist weggefahren. Der Mann versichert: „Es war hundertprozentig Felzmann, ich kenne ihn persönlich. Aber es war nicht sein Auto“. Der Kombi (möglicherweise ein älterer Opel) konnte bisher nicht zugeordnet werden. Spielte dieser Wagen bei Friedrich Felzmanns Flucht, neun Tage später, eine Rolle?


Großaufgebot der Polizei im Sucheinsatz
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Die Polizei, die erst mit einem Großaufgebot von mehreren hundert Beamten und Beamtinnen, Hubschraubern, Suchhunden sowie mit Unterstützung des EKO Cobra und drei gepanzerten Fahrzeugen nach dem Mann gefahndet hatte, ist mittlerweile aus dem Ortsbild verschwunden. Eine Woche nach der Tat wurde die "Soko Friedrich" eingerichtet und über 200 Hinweise abgearbeitet.

>>>Eine Chronologie der Ereignisse:

29. Oktober 2017 - Der 66-Jährige feuert auf seine Nachbarn. Eine 55-jährige Frau und ein 64-jähriger Mann werden in Stiwoll im Bezirk Graz-Umgebung von mehreren Projektilen tödlich getroffen. Eine 68-jährige Frau wird bei der Flucht vor den Schüssen am Oberarm getroffen und überlebt schwer verletzt. Beim Eintreffen der Polizei fehlt vom Verdächtigen jede Spur. Er ist in seinem Auto geflüchtet, vermutlich mit seiner Waffe. Eine Großfahndung wird eingeleitet.

30. Oktober 2017 - Das Fluchtfahrzeug des 66-Jährigen, ein weißer Kleinbus, wird in einem Wald in Södingberg wenige Kilometer vom Tatort entfernt vom Polizeihubschrauber entdeckt. Der Bus ist versperrt und leer. Vom Täter fehlt weiterhin jede Spur. Schulen und Kindergärten der Umgebung bleiben auch nach dem Wochenende geschlossen. Der Bevölkerung wird geraten, zu Hause zu bleiben und wachsam zu sein. Indessen geben die Staatsanwaltschaften in Graz und Leoben bekannt, dass gegen den Verdächtigen schon seit Jahren Anzeigen unter anderem wegen gefährlicher Drohung und nationalsozialistischer Wiederbetätigung vorlagen. Einem Gutachten zufolge sei der Mann jedoch nicht zurechnungsfähig. Da er aber auch als nicht gefährlich eingestuft wurde, konnte er bisher nicht in eine Anstalt eingewiesen werden.

31. Oktober 2017 - Der Verdächtige bleibt weiterhin verschollen. Die Polizei verstärkt ihre Kräfte ein weiteres Mal, eine Hundertschaft ist auf der Suche nach dem 66-Jährigen, durchkämmt Wälder in der Umgebung und durchsucht leer stehende Häuser. Sowohl in Oberösterreich als auch in Niederösterreich gibt es Zeugenaussagen, dass der Flüchtige gesehen wurde. Sie stellen sich aber als Fehlalarme heraus bzw. die Beamten können den Mann in diesen Gegenden nicht fassen.

1. November 2017 - Die Suche nach Friedrich Felzmann wird fortgesetzt, die Allerheiligen-Prozession in Stiwoll wird aus Sicherheitsgründen abgesagt. Der Gottesdienst findet unter starkem Polizei-Aufgebot statt. Indessen durchsuchen Cobra-Einheiten ein Stollensystem eines alten Silberbergwerks, werden jedoch abermals nicht fündig. In Niederösterreich finden verstärkte Streifenfahrten statt.

2. November 2017 - Generalmajor Bernhard Treibenreif, Chef des Einsatzkommandos Cobra, vermutet, dass die Tat "nicht von langer Hand vorbereitet worden ist". Man gehe von einer sogenannten eruptiven Tat aus. Ein Polizist verletzt sich bei der Durchsuchung des Tatortes schwer, als er durch eine mit Heu bedeckte Luke stürzt. In einer Informationsveranstaltung in Stiwoll erhält die Bevölkerung Auskünfte aus erster Hand von Polizei und Behörden, was teils zur Entspannung der angespannten Situation im Ort beträgt.

3. November 2017 - Nach einem Hinweis aus der Bevölkerung verlagert sich die Suche an den westlichen Stadtrand von Graz: Zeugen wollen einen verdächtigen Mann vor der Volksschule von Thal bei Graz gesehen haben. Daraufhin wird der bewaldete Plabutsch zwischen Thalerseestraße und dem Fürstenstand von einer Suchkette der Polizei mit Hubschrauberunterstützung durchkämmt, aber ohne Ergebnis.

4. November 2017 - Die Polizei hat sechs Tage nach den tödlichen Schüssen auf Nachbarn in Stiwoll die Sonderkommission "Friedrich" zusammengestellt. Die Strategie bei der Suche nach dem 66-jährigen Verdächtigen wird abgeändert und verschiebt sich von großflächigen Screenings in Richtung Analyse und gezielten Überprüfungen. Indessen wurde das erste der beiden Todesopfer am Samstag verabschiedet.

5. November 2017 - Felzmann hat bereits im Jahr 2011 mit Waffengewalt gedroht. Wie das Landesgericht für Strafsachen Graz mitteilte, war er wegen versuchten Widerstandes gegen die Staatsgewalt vor Gericht gestanden. Unterdessen findet sich Felzmann auch auf der Liste von Österreichs meistgesuchten Personen.

6. November 2017 - Acht Tage nach den tödlichen Schüssen gingen die Ermittler einer heißen Spur nach. Am Wochenende wurde in den Keller eines landwirtschaftlichen Wohnhauses unweit des Tatorts eingebrochen. Aus einer darin abgestellten Kühltruhe könnten möglicherweise Lebensmittel gestohlen worden sein, bestätigte Polizei-Sprecher Jürgen Haas. Im Umkreis wird nun verstärkt gesucht.

7. November 2017 - Das Heer stellt auf Basis einer Assistenzanforderung zwei gepanzerte Fahrzeuge vom Typ "Husar" für die Polizei zur Fahndung nach dem Todesschützen von Stiwoll. Es handelt sich um geschützte Mehrzweckfahrzeuge des Herstellers Iveco, die vor rund sieben Jahren in Dienst gestellt wurden. Eine Suche im Freilichtmuseum Stübing nördlich von Graz brachte keine neuen Spuren.

Video vom Polizei-Einsatz in Stübing

8. November 2017 - Die Polizei wird in der Suche nach dem auf der Flucht befindlichen mutmaßlichen Todesschützen von Stiwoll "mit heutigem Tag" ab sofort die massive Präsenz bewaffneter Kräfte in dem kleinen weststeirischen Ort und Umgebung reduzieren. Man gehe wie angekündigt zu einem kriminaltaktischem Verfahren über.

10. November 2017 - Der Fallanalytiker ("Profiler") des Bundeskriminalamtes, Werner Schlojer, geht von einer "tiefen Kränkung" als Auslöser der Bluttat von Stiwoll Ende Oktober aus: "Der mutmaßliche Täter fühlt sich als Opfer." Den tödlichen Schüssen auf zwei Nachbarn war ein jahrelanger Streit um einen Weg über sein Grundstück vorausgegangen. Schlojer und sein Team gehen nicht von einer "tiefer Tatplanung aus".

14. November 2017 - Es wird publik, dass Friedrich Felzmann auch seinen Bruder August und dessen Frau immer wieder in Angst und Schrecken versetzte. Einmal soll er sogar versucht haben, den Bruder mit einer Schaufel zu erschlagen. Der Pfarrer von Stiwoll, Pater Stephan Varga, wollte vermitteln. Als er scheiterte, kam auch er auf die Feindesliste von Friedrich Felzmann.

15. November 2017 - Die Angst geht auch unter den Jägern um: Vor drei Jahren habe die Gattin des Gesuchten die Jagdprüfung abgelegt. Danach wollte sie in die Stiwoller Jagdgesellschaft aufgenommen werden. Doch aus mehreren Gründen lehnten die Jäger ab. In einer geheimen Abstimmung entschieden sie sich gegen die Frau. Das wiederum soll auch ihren Mann wütend gemacht haben, erzählt man in Stiwoll. Und deshalb seien einige Jäger auf der Gefährdungsliste zu finden.

17. November 2017 - Die Soko "Friedrich" tappt weiter im Dunkeln: Jene DNA-Mischspur, die die Spurensicherer des Landeskriminalamtes nach einem Einbruch am 4. November auf einem Bauernhof in Stiwoll sichergestellt hatte, brachte die Ermittler keinen Schritt weiter. Die DNA ist mit der DNA des mutmaßlichen Doppelmörders nicht identisch. Es sei trotzdem nicht auszuschließen, dass Felzmann den Einbruch begangen und sich aus der Tiefkühltruhe Lebensmittel besorgt hat, heißt es seitens der Soko.

19. November 2017 - Drei Wochen nach den Todesschüssen ist Stiwoll wieder auf dem Weg zur Normalität. Doch Unsicherheit und Angst sind immer noch präsent. "Der Kindergarten und die Volksschule sind seit zwei Wochen wieder geöffnet“, erzählt Bürgermeister Alfred Brettenthaler. "Die Kinder wurden psychologisch betreut." Und die Polizei habe für die 30 Schüler einen Kinderpolizeitag abgehalten. "Der Fritz lebt noch, der gibt nicht auf. Und in den Häf’n geht der erst recht nicht. Der lässt sich vorher von der Polizei erschießen", ist man am Stammtisch in Stiwoll überzeugt. Und die Wirtin: "Aber am Abend sind die Straßen nach wie vor menschenleer."