Ein enormer Ansturm, der das Personal an die Belastungsgrenze treibt. „So massiv wie heuer war es noch nie“, beschreibt eine Kinderkrankenschwester, die lieber anonym bleiben möchte, die Lage an der Klinik. Wegen zahlreicher Infektionen mit Influenza und dem RS-Virus erreichte die Grazer Kinderklinik am Dienstag die Grenze ihrer Kapazität. 16 Kinder und Jugendliche mussten wegen Überbelag auf Gangbetten schlafen, 29 sauerstoffpflichtige Kinder auf die Normalstation verlegt werden. Täglich werden rund doppelt so viele Patientinnen und Patienten ambulant versorgt. Normal seien laut LKH-Uniklinikum 110 Kinder pro Tag, aktuell sind es bis zu 200. Der Großteil sei unter sechs Jahren.

„Wir warten seit elf Uhr, am Vormittag war noch mehr los“, schilderte die Mutter eines dreijährigen Buben bei einem Lokalaugenschein der Kleinen Zeitung am frühen Dienstagnachmittag auf der Notfallambulanz. „Es ist voll und ziemlich anstrengend. Seit zwei Wochen rennen wir mit unserer Tochter von einem Kinderarzt zum nächsten. Alle sind total ausgelastet“, beschreibt eine zweifache Mutter die Situation. Sie war seit Mittag wegen eines Hautausschlags ihrer neunjährigen Tochter auf der Ambulanz.

Notfallambulanz
Der überfüllte Wartebereich der Notfallambulanz
© privat

Dort mussten Eltern mit ihren Kindern teilweise am Boden sitzen, weil die Wartebereiche hoffnungslos überfüllt waren. Zwischen ihnen befanden sich auch Covid-Infizierte, schildert die Krankenschwester: "Coronakranke Kinder saßen in der Ambulanz neben anderen Kindern. Letztens hatte ich bis 21 Uhr Dienst, ich hätte aber bis 1 Uhr durcharbeiten können", sagt sie gegenüber der Kleinen Zeitung.

Die gefühlte Platzmangel liegt aber auch daran, dass eben auf der Ambulanz ein eigener, wegen Corona vergrößerter Isolationsraum eingerichtet worden ist. Sobald Verdacht auf eine Infektion besteht, werden diese Kinder dort untergebracht.   

Mehr Ärzte

Die Klinik reagierte mit Personalaufstockung auf die Ausnahmesituation. Die Zahl der diensthabenden Ärzte wurde von vier auf sieben erhöht, in der Administration arbeiten die Mitarbeiter rund um die Uhr, sodass die Ambulanzschalter nun 24 Stunden besetzt sind. Das Pflegeteam verstärken weitere 15 Personen, zum Teil mit Personal aus dem LKH Graz II.

Beim Pflegepersonal wurde hausintern umgeschichtet, Verstärkung soll auch aus dem Bereich der Biomedizinischen Analytik kommen. „Durch diese Maßnahme konnten mit 5. Dezember zusätzlich sieben stationäre Betten zur Verfügung gestellt werden und ab 9. Dezember werden weitere acht Betten betrieben“, kündigte das Krankenhaus an.

Update: Dass eine „biomedizinische Analytikerin zuerst abgezogen worden wäre", wie berichtet, wird seitens der Klinikleitung als Irrtum betont. "Wie soll man ein Blutbild ohne Analytikerin machen?"

Der wichtigste Appell der Kinderklinik-Belegschaft an die Eltern lautet: „Bitte lassen Sie Ihre Kinder gegen Influenza impfen!“ So könnte die Zahl der Patienten um 20 Prozent geringer sein. Eltern sollen die pädiatrische Ambulanz zudem nur im Notfall aufsuchen, hieß es in der Mitteilung.

Deutlich mehr Krankenstände

Aber nicht nur Kinder treffen die aktuellen Infektionswellen. Zum Monatswechsel schnellte die Zahl der krankheitsbedingten Ausfälle in der Steiermark in die Höhe. Laut Österreichischer Gesundheitskasse waren 12.745 Steirer vergangene Woche (28. November bis 4. Dezember 2022) wegen eines grippalen Infekts gezwungen, das Bett zu hüten. In 122 weiteren Fällen haben Ärzte die echte Grippe diagnostiziert – eine Woche zuvor waren es "nur" 49. Hintergrund: "Die Grippewelle ist heuer früher da und fällt stärker aus", bestätigt der Infektiologe Robert Krause (LKH-Uniklink Graz).

Schützen könne man sich nicht gegen alle Erreger, weiß Michael Adomeit (Wissenschaftliche Akademie für Vorsorgemedizin). "Gegen die echte Grippe haben wir aber eine wirkungsvolle Impfung – für Kinder und Erwachsene", rät der Mediziner zur Impfung. Risikopatienten bzw. Personen über 60 Jahren legt er auch die Pneumokokken-Impfung nahe.