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Kunstuni GrazWie der Körper ins Zentrum der Musik rückt

An der Kunstuni Graz gehen Forscher der Frage nach, was die Körperlichkeit und die Musik verbindet. Sie wollen zeigen, dass der Körper mehr ist als nur Instrument zur Musikerzeugung.

Ein Screenshot aus einer der Performances von Kunstuni-Studenten, die beim Konzert zum Thema Körperlichkeit und Musik gezeigt werden sollen © Andreas Lindenbaum
 

Was passiert, wenn die Stimme eines Sängers bewusst an ihre körperlichen Grenzen gerät? Oder wie wird der Körper in der Schlagermusik in einen politischen Kontext gestellt? Und was kommt eigentlich dabei heraus, wenn man Kompositionen in körperliche Bewegungen übersetzt? Diesen und vielen weiteren Fragen widmen sich rund 30 internationale Forscher demnächst an der Kunstuniversität Graz. Im Rahmen der Tagung "Körper(lichkeit) in der Musik des 20. und 21. Jahrhunderts" soll vorgetragen und diskutiert werden – und das coronabedingt online.

"Es ist paradox, eine Tagung zum Thema Körperlichkeit virtuell abzuhalten", erzählt Nadine Scharfetter vom Zentrum für Genderforschung der Kunstuni. Gemeinsam mit Thomas Wozonig organisiert sie die Tagung und knüpft damit direkt an ihre Dissertation an. Darin geht es um die Körperlichkeit in der Musik des deutschen Komponisten und Musikwissenschaftlers Dieter Schnebel.

Von idealisierter zu experimenteller Musik

Seit über fünf Jahren forscht Scharfetter zur Thematik. "Bis zum 20. Jahrhundert war der Körper in der Musik Mittel zum Zweck", erklärt sie. Im Mittelalter und im Barock sei es darum gegangen, Musik durch die Stimme, durch den Körper, zu idealisieren. Dann hätte es einen Wandel gegeben: "Um 1950 machten viele Komponisten den Körper zum Mittelpunkt ihrer Arbeit. Es kam zur experimentellen Musik. Die Komponisten erkundeten, was der Körper leisten kann, und überschritten dessen Möglichkeiten bewusst", so Scharfetter. "Eine Stimme ist nicht mehr nur da, um zu idealisieren. Sie kann schreien, sie kann Extremes ausdrücken", fügt Thomas Wozonig hinzu, der ebenfalls an der Kunstuni promoviert.

Als Beispiele für dieses neue Verständnis der Musik nennen die beiden Forscher etwa den ungarischen Komponisten Bela Bartók, der in seinen Streichquartetten nicht mehr nur nach "schönen" Tönen verlangt, sondern die Musiker auf ihre Instrumente schlagen und kratzen lässt. Oder auch Vinko Globokar, der slowenische Komponist, bei dessen Stücken der Körper lautstark atmen, schnaufen und kreischen darf, während er ein Instrument spielt. "John Cage hat gesagt: 'Alles kann Musik sein.' Und genau darum geht es. Es gibt kein Ausgrenzen mehr von etwas nicht Schönem. Die wichtige Frage ist, was ist möglich?", erklärt Scharfetter.

Tagung soll neue Impulse setzen

Da die Forschung zur Körperlichkeit in der Musik laut Scharfetter und Wozonig im deutschsprachigen Raum als "eher zurückhaltend" zu bezeichnen ist, soll die kommende Tagung dabei helfen, hierzulande neue Impulse zu setzen. Und das in möglichst viele verschiedene Richtungen, Klischees sollen beseitigt und hinterfragt werden: "Natürlich ist eine der ersten Assoziationen, wenn man an Körper und Musik denkt, der Tanz und das Theater. Das Spektrum ist aber sehr viel breiter", so Wozonig. Die Vorträge entspringen zum Beispiel den Bereichen der Musikwissenschaft, der Gender Studies oder der Theater- und Tanzwissenschaft. Die Vortragenden schalten sich live etwa aus Großbritannien, Italien, Deutschland und der Schweiz zur Tagung.

Gipfeln soll die zweitägige Veranstaltung in einem Konzert von Studierenden der Kunstuni unter der Leitung von Musiker Dimitrios Polisoidis. Es widmet sich Stücken, die zum Thema passen und geht auch auf Aktuelles ein. So soll beispielsweise eine Version eines Stücks gezeigt werden, die die Studenten musikalisch über Zoom aufgenommen haben – körperlich getrennt, aber doch im Einklang.

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