Sechs Millionen Kinder nehmen weltweit jedes Jahr am „Känguru der Mathematik“ teil, ein internationaler Wettbewerb, bei dem sich Kinder in unterschiedlichen mathematisch-logischen Aufgaben messen. Durchgeführt wird der Test analog am Papier, mitmachen können Schülerinnen und Schüler jeder Schulstufe – „ein Wettbewerb für alle“, wie es heißt.
Eine Behauptung, die Evita Lerchenberger vom Fachdidaktikzentrum für Mathematik an der Uni Graz und stellvertretende Obfrau in der Bundesorganisation des Känguru-Wettbewerbs bis vor Kurzem so nicht gänzlich unterschrieben hätte. Denn: „Kinder, die eine Sehbehinderung haben oder blind sind, können an dem Wettbewerb nicht teilnehmen – dafür besteht er aus zu vielen visuellen Komponenten.“ Ein Zustand, den Lerchenberger so nicht ruhen lassen wollte.
Wettbewerb mit taktilem Papier
2025 stellte die Universitätsprofessorin deshalb erstmals im deutschsprachigen Raum Wettbewerbsmaterialien für Kinder mit Sehbehinderung zusammen. „Der Wunsch nach Gerechtigkeit hat mich in dem Fall angetrieben“, erzählt sie – mitunter auch, weil ihr Partner eine schwere Sehschwäche hat. Auf speziellem, taktilem und erhabenem Papier, mit hohem Kontrast und Braille-Schrift wird der Wettbewerb nun auch für Kinder mit Sehbehinderung zugänglich gemacht.
Am 23. März 2026 findet die diesjährige Ausgabe des Mathematik-Bewerbes statt – mit inklusiver Beteiligung, wie sie weiß. „In Graz weiß ich von einigen Kindern, die den barrierefreien Test machen werden, unter anderem aus dem Odilieninstitut.“ Genaue Zahlen kann die Vizeobfrau allerdings nicht liefern, welche Kinder in Österreich welche Version verwenden, werde nicht erfasst, sagt sie. „Schließlich geht es um die Ergebnisse beim Wettbewerb und nicht darum, ob Kinder sehend sind oder nicht.“
Bundessieger mit Sehbehinderung
Lerchenberger stemmt die Erstellung der barrierefreien Unterlagen nicht alleine, sie bekommt Unterstützung von einem Experten. Der 23-jährige Jonas Lazarus ist nicht nur Mathematik-Student, sondern hat zudem nur acht Prozent Sehvermögen. Den Grazer verbindet eine besondere Geschichte mit dem „Känguru der Mathematik“. Vor 13 Jahren absolvierte Lazarus als erstes blindes Kind in der vierten Volksschule den Wettbewerb – und ging sogar als Bundessieger hervor.
Wie das ging? „Meine Blindenlehrerin hat damals mein Potenzial erkannt und den Wettbewerb extra für mich adaptiert. Damals war das eine große Diskussion, weil ich natürlich durch das Ertasten der Abbildungen Zusatzzeit brauchte und es zuerst hieß, dass mehr Zeit nicht fair gegenüber den sehenden Kindern sei.“ Lazarus ließ sich nicht unterkriegen, nahm in weiterer Folge auch an der Österreichischen Mathematik-Olympiade teil.
Inspiration für den deutschsprachigen Raum
Es sollte zwölf weitere Jahre dauern, bis das Konzept eines barrierefreien Wettbewerbs durch Lazarus und Lerchenberger nun auch in der obersten Ebene der Organisation ankommt. Der Einsatz zahlte sich aus, denn auch die deutschsprachigen Nachbarländer wie Deutschland lassen sich inzwischen von Lerchenberger und Lazarus inspirieren. Im Herbst 2025 nahm das Duo deswegen auch an einer Konferenz im slowenischen Marburg teil. „Da war auch ein blinder Professor aus Neuseeland anwesend, der ganz angetan war von der Art, wie wir den Test für Blinde zugänglich machen“, so Lerchenberger.
In der Entwicklungsphase sei die Frage aufgekommen, wie viele Kinder eine solche barrierefreie Version tatsächlich nutzen werden. „Wenn wir uns diese Frage bei jeder neuen Idee und Errungenschaft stellen würden, würde sich in der Wissenschaft wenig weiter bewegen“, so die Vize-Obfrau. „Natürlich ist eine gewisse Portion Idealismus dabei, aber wie man bei Jonas sieht, kann der Einsatz einer einzigen Person, die das Potenzial erkennt, einen Unterschied machen, der lebensverändernd ist.“