Ein letztes Mal leuchten die Displays der Smartphones auf, bevor sie für die nächsten drei Wochen schlummern – so zumindest der Plan. Denn 35 Schülerinnen und Schüler der MedienHAK in Graz leben die nächsten 21 Tage ein Leben wie vor 20 Jahren – ganz ohne Smartphone, Social Media und schnelle Ablenkungen. Denn sie sind Teil des Experiments „3 Wochen ohne Smartphone“, das vom ORF gemeinsam mit dem Bildungsministerium, dem Anton Proksch Institut, der Sigmund Freud Universität und IR&C umgesetzt wird.
Die meisten Schülerinnen und Schüler der MedienHAK lassen ihre Smartphones in der Obsorge ihrer Lehrerinnen Anna Wilms und Daniela Fusek in der Schule. Der Grund: Die Versuchung, doch zum Handy zu greifen, ist geringer.
Handyexperiment: Deutlich stilleres und langsameres Leben
Was die Jugendlichen besonders vermissen werden: Social Media, aber auch schnell zugängliches Wissen oder Musik. „Ich verwende Apps, um Sprachen zu lernen, die werde ich auf jeden Fall vermissen“, sagt Najda Jaskic, die aktuell Niederländisch lernt.
Auch der Weg zur Schule wird sich für viele verändern. „Ich werde auf jeden Fall Apple Music vermissen, weil ich so oft am Tag Musik höre, im Auto oder im Zug, wenn ich in die Schule fahre, wenn ich da keine Musik habe, ist es einfach langweilig“, sagt Kevin Schauer, der eine Stunde von Graz entfernt wohnt. Radio hört der Großteil der Schülerinnen und Schüler nicht.
Sorge vor Langeweile besonders groß
Langeweile ist ein besonders wichtiges Stichwort. Denn eigentlich kennen die Jugendlichen dieses Gefühl nicht. Umso größer ist die Nervosität vor den nächsten Wochen. „Ich habe extrem Angst vor der Langeweile, weil man sie mit dem Handy so extrem schnell füllen kann, aber ich habe mir einfach überlegt, dass ich ganz viel Schlaf nachholen werde“, erzählt Stella-Marie Harry.
Dem stimmt auch Dijana Zejnullahu zu: „Ich habe vor allem Angst vor der Zeit, in der wir zu Hause sind und vor dem Wochenende. Ich glaube das wird ein bisschen schwer.“
Bücher, Sport und Zeitung statt scrollen auf dem Smartphone
Die Jugendlichen verbringen eigenen Angaben zufolge bis zu zwölf Stunden am Tag vor ihren Smartphones. Viel Zeit, die es nun anderweitig zu füllen gilt. Das wissen auch die Verantwortlichen an der MedienHAK, die deshalb in der Schule bereits Bücher und Spiele bereitgestellt und zahlreiche sportliche Freizeitaktivitäten bereits organisiert haben. Damit die Schülerinnen und Schüler auf dem neuesten Stand bleiben, was das Weltgeschehen betrifft, bekommen sie für die Zeit des Experiments zudem die Kleine Zeitung kostenlos direkt in die Schule geliefert.
Dadurch, dass das Handy so stark in all unsere Leben eingebunden ist, bringt das Experiment aber auch organisatorisch einige Hürden mit sich. Von Banking-Apps über Apps, die für den Nebenjob eigentlich unausweichlich sind. „Ganz wichtig ist für mich meine Arbeits-App, in der ich meinen Dienstplan nachschauen kann und auch meinen Urlaub beantragen kann“, sagt Dijana Zejnullahu.
Tastenhandys als Neuland für die Jugendlichen
Für die nächsten 21 Tage muss sie hier kreativ werden. Denn auf den Tastenhandys, mit denen die Jugendlichen unterwegs sein werden, um erreichbar zu sein, können moderne Apps nicht abgerufen werden.
Die Jugendlichen wissen allerdings bereits genau, wofür sie durchhalten möchten. Gesundheitliche Aspekte, Disziplin und eine bessere Schlafqualität sind dabei nur einige der Gründe, die genannt werden. „Ich glaube, dass mein Handy meinen Schlaf und meine Konzentration beeinträchtigt, und ich möchte das einfach verbessern“, sagt Najda Jaskic.
Handyexperiment: Gruppenzwang und Gemeinschaftsgefühl
Bei einigen brauchte es zur Teilnahme am Handyexperiment etwas Überzeugungskraft der Mitschülerinnen und Mitschüler. So auch bei Stella-Marie Harry: „Zuerst wollte ich eigentlich gar nicht mitmachen, dann ist das aber immer mehr zu einem Gruppenzwang geworden und irgendwann wurde das einfach zu einem Ego-Problem, weil ich mir nicht eingestehen wollte, dass ich nicht ohne Handy kann.“
Wie es den Jugendlichen in den nächsten Wochen ohne Smartphone wirklich geht, und ob es alle schaffen, wird sich zeigen. Die Kleine Zeitung wird die Jugendlichen in dieser Zeit mehrmals begleiten.