Hoch über Leibnitz thront es, Schloss Seggau, einst Bischofsresidenz, ab 4. Juni Dialogbühne. Die barocke Anlage mit Blick über das südsteirische Hügelland – malerische Kulisse mit viel Symbolik: Rückzug und Weitblick, Nachdenken und Debatte. Seit 20 Jahren findet hier der Pfingstdialog Steiermark „Geist & Gegenwart“ statt. Politik, Wissenschaft, Medien und Kultur treffen sich zum Austausch, ein intellektuelles Forum für europäische Standortbestimmung.
„Unser Ziel war von Anfang an, Europas Rolle in einer sich wandelnden Welt zu reflektieren – offen, interdisziplinär und kontrovers“, sagt Herwig Hösele, Vorsitzender des Club Alpbach Steiermark und Koordinator von „Geist & Gegenwart“.
Im heurigen Jubiläumsjahr steht das Forum unter dem Motto ‚Challenge.Europe‘. „Ein demokratisches Europa braucht eine funktionierende Öffentlichkeit. Ohne kritische Medien gibt es keine aufgeklärte Gesellschaft“, betont Hösele. Dass Aufklärung niemals abgeschlossen ist, sondern immer wieder neu erkämpft werden muss, steht für ihn außer Zweifel.
Zwischen TikTokisierung und Meinungsdruck
Bereits zum zweiten Mal beim Pfingstdialog mit dabei ist Medienwissenschafter Bernhard Pörksen. Er wird mit einem Impulsreferat zum Thema „Wer gestaltet den öffentlichen Diskurs?“ den inhaltlichen Auftakt geben.
Gemeinsam mit ihm diskutieren Freiheitsforscherin Ulrike Ackermann, ORF-Chefredakteur Johannes Bruckenberger und Informatikerin Johanna Pirker über die Verantwortung der Medien in einer fragmentierten Gesellschaft. Politikwissenschaftlerin und Soziologin Ulrike Ackermann warnt: „Wir leben zunehmend in einer Schweigespirale. 41 Prozent der Deutschen glauben, man müsse vorsichtig sein, die politische Meinung in der Öffentlichkeit zu äußern. Das ist alarmierend.“
Ein zentrales Problem sieht Ackermann in der Rolle sozialer Medien: „Was als Demokratisierung der Öffentlichkeit begonnen hat, ist in vielen Fällen zur Lagerbildung verkommen. Plattformen wie TikTok und X fördern Schwarmverhalten – wer am lautesten schreit, bestimmt die Richtung. Das führt zu einem Konformitätsdruck, der offene Debatten zunehmend verdrängt.“
Die digitale Öffentlichkeit bringe Chancen, aber auch eine gefährliche Dynamik mit sich. „Wir erleben eine Verrohung der Kommunikation, Polarisierung und eine zunehmende Selbstzensur – gerade unter jungen Menschen“, so Ackermann.
„Europa braucht mediale Selbstreflexion“
Für Pfingstdialog-Koordinator Herwig Hösele steht fest: „Wir können die europäische Idee nur bewahren, wenn wir selbstkritisch bleiben. Aufklärung ist keine historische Episode, sondern eine dauerhafte Aufgabe.“ Ganz besonders unterstreicht er die Rolle der öffentlich-rechtlichen und der Qualitätsmedien: „Starke, unabhängige Medien sind systemrelevant für Demokratie und Zusammenhalt. Aufklärung braucht eine Arena, in der Argumente statt Affekte zählen.“
Europapolitisches Forum mit Tiefgang
Der erste Dialogtag steht auch im Zeichen des Gedenkjahres 2025. Mit 80 Jahren Zweite Republik, 70 Jahren Staatsvertrag und 30 Jahren EU-Beitritt Österreichs markiert das heurige Jahr einen historischen Reflexionsrahmen .„Diese Jubiläen fordern uns auf, Demokratie nicht als selbstverständlich zu begreifen“, sagt Hösele. „Gerade heute, wo das Projekt Aufklärung von innen wie außen bedroht ist.“
Zum Auftakt des Pfingstdialogs am 4. Juni sprechen unter anderem Landeshauptmann-Stellvertreterin Manuela Khom, Bischof Wilhelm Krautwaschl und Historikerin Barbara Stelzl-Marx. Die Grundsatzrede hält Historiker Christopher Clark.