1 zu 500, das ist der Schlüssel in der steirischen Schulsozialarbeit, weiß Friedrich Mayer. Heißt umgelegt: Einer oder eine Schulsozialarbeiterin für 500 Schüler. Ein Verhältnis, wo Kinder und ihre Familien aufgrund von Ressourcenknappheit zwangsläufig durch den Raster fallen. Doch das Problem beginnt bereits früher. Mayer leitet bei der Caritas Steiermark die Schulsozialarbeit – und verantwortet dort seit kurzem ein neues Projekt: Sozialarbeit im Kindergarten.

Projekt in drei Städten

Das Pilotprojekt läuft bis Juli 2026 in Graz sowie Linz und Salzburg. Die Caritas ist überall an der Umsetzung beteiligt, finanziert wird es vom Sozialministerium, der Mega Bildungsstiftung und der Diözese. In der Steiermark sind seit November drei Sozialarbeiterinnen in 19 Grazer Kindergärten tätig, vier davon städtische und 15 Pfarrkindergärten. Ca. 1000 Kinder bzw. vor allem deren Eltern werden so derzeit kostenlos betreut. Ziel ist es, eine große Lücke zu schließen.

„Man muss möglichst früh, vor der Schule schon, die Probleme abfangen und auf die Eltern zugehen. Auch, um die Kindergärten zu entlasten“, sagt Mayer. „Wir merken eine zunehmende Belastung beim Kindergartenpersonal und dass die Ressourcen fehlen“, fügt Alexandra Strohmeier-Wieser, pädagogische Leiterin der KIB3-Pfarrkindergärten-Stiftung, an.

Starke Nachfrage

Die Elementarpädagogin, die den beiden gegenübersitzt, nickt. Sie leitet einen jener Pfarrkindergärten, der seit Herbst von einer Sozialarbeiterin unterstützt wird: „Es werden so viele Themen von Eltern an uns herangetragen, für die wir die Zeit oft gar nicht haben.“ Geschweige denn die Zuständigkeit oder Ausbildung. Sie sei dankbar für die externe Hilfe.

Kindergarten, Sozialarbeit, Graz am 04.01.2025
Friedrich Mayer leitet das Projekt © Klz/Stefan Pajman

Und nicht nur sie. Das Angebot wird stark angenommen. Die erste Zwischenbilanz zeigt rund 300 Beratungen seit November. „Man merkt, dass sich langsam das Vertrauen aufbauen muss, dann packen die Eltern ihre wirklichen Sorgen aus“, sagt Sozialarbeiterin Magdalena Burkart. Bei Keksen und Kaffee versucht sie regelmäßig, ganz niederschwellig mit den Eltern ins Gespräch zu kommen. Der Plan geht auf. Doch was sind die Themen, welche die Eltern beschäftigen?

Förderbedarf, Bürokratie, Armut

Zusammengefasst: Förderbedarf, bürokratische Hürden und Armut. „Viele Eltern haben keine Bildungsbiografie in Österreich und können die deutsche Sprache nicht“, sagt Burkart. Das Angebot bei der Schuleinschreibung überfordere sie oder auch, dass ihr Kind vielleicht einen Förderbedarf hat. „Das kennen sie aus ihren Heimatländern nicht. Da muss man ihnen die Angst nehmen, dass ihr Kind keinen Stempel aufgedrückt bekommt“, sagt Burkart.

Die Sozialarbeiterin begleitete auch schon bei Arztbesuchen oder auf dem Weg zum Behindertenreferat für einen Bescheid. „Als ich in der Wohnung gesessen bin und gewartet habe, merkte ich, dass die Wohnung kaum beheizt ist, wenig Möbel da sind.“ Sie fragt die Familie, ob überhaupt alle Ansprüche geltend gemacht wurden. „Bei so sensiblen Themen, wenn man Armut vermutet oder einer Gefährdung des Kindeswohls, dann hilft dem Kindergartenpersonal ein zusätzlicher, professioneller Blick“, erklärt Mayer.

alexandra strohmeier-wieser
Alexandra Strohmeier-Wieser wünscht sich, dass das Projekt auf alle Kindergärten in der ganzen Steiermark ausgerollt wird © Diözese Graz-Seckau

Zweites Kindergartenjahr und Projektausbau

Um Probleme frühzeitig zu erkennen oder Förderbedarf rechtzeitig zu beantragen, bräuchte es „einen flächendeckenden Ausbau dieses Pilotprojekts und zwei statt ein verpflichtendes Kindergartenjahr“, appelliert Strohmeier-Wieser. Nur so könne man Bildungschancen für alle Kinder realisieren.

„Wenn ein Kind kein Jugendhilfefall wird, kein Fall fürs Gesundheitssystem und schon gar kein Fall für die Justiz, dann ist das eine enorme Kostenersparnis – menschlich und für die Gesellschaft“, sagt Mayer zustimmend. Und neben Familien mit Auslandshintergrund, meinen die Gesprächspartner unisono, gibt es auch Alleinerzieherinnen, Eltern in Scheidung, Familien mit psychischen Belastungen: „Alle Familien brauchen Unterstützung in irgendeiner Form.“