Einmal am Gartentor und einmal an der verglasten Türe zum Gebäude: Um ins Haus FranzisCa zu gelangen, muss man zweimal klingeln. Das hat einen guten Grund. Zwar steht der Ort an jedem Tag der Woche rund um die Uhr allen Frauen offen. Doch sie sollen hier auch geschützt sein.
Einer von denen, die die Türen in der Grazer Frauennotschlafstelle öffnen, ist Georg Ganser. Er war der erste fest angestellte männliche Mitarbeiter hier. „Jede Frau, die zu uns kommt, kommt mit einer anderen Geschichte.“ Manche wurden in ihrer Familie missbraucht, manche haben Gewalt von Männern erlebt, fast alle sind in finanzieller Not und sind psychisch krank. Die einzige Voraussetzung, um im Haus FranzisCa aufgenommen zu werden, ist Volljährigkeit. Auch Frauen mit Kindern können kommen. Zehn Zimmer mit je zwei Betten gibt es, bis zu drei Wochen können die Frauen bleiben, fallweise auch länger. Dann gibt es noch zehn Plätze in der längerfristigen WG im selben Haus und 49 Plätze für geflüchtete Frauen. Die Ressourcen sind wie in jeder Hilfseinrichtung knapp, man ist stark auf Spenden angewiesen.
„Wo soll ich hin?“
Die Frauen kommen und gehen, Ganser weiß trotzdem ganz genau, wer gerade einen Platz in welchem Zimmer für sich hat. Eine Gemeinschaftsküche, eigene Räume zum Zurückziehen und einen großen Garten gibt es. Das Team im Haus FranzisCa bekommt die ganze Palette an Emotionen mit. Leiterin Petra Petschner erzählt: „Die Frauen kommen oft aus akuten Situationen völlig aufgelöst, aufgeregt und verzweifelt.“ Wenn sie dann ins Haus kommen, „haben sie das Gefühl, da kann ich jetzt sein, hier bin ich in Sicherheit, da kann ich durchatmen.“ Im Haus FranzisCa will man niederschwellig helfen, jede Frau wird aufgenommen, egal, welche Sprache sie spricht oder wie ihr Gesundheitszustand ist – anders als in anderen betreuten Wohneinrichtungen.
Viel Unsicherheit begleitet die Frauen. Vor allem, wenn sie ein Kind haben. „Ganz oft kommen Frauen zu uns, die vorher gar keine eigene Wohnung gehabt haben, die mit dem Partner zusammengewohnt haben, nicht im Mietvertrag gestanden sind und nicht gearbeitet haben.“ Der Leidensdruck ist meist schon sehr groß gewesen, bevor die Betroffenen im Haus FranzisCa aufschlagen.
Denn aus der Abhängigkeit heraus denken sich viele: „Ich weiß nicht, wohin ich gehen soll, wie tu ich mit meinem Kind?“ Also halten sie aus, beißen durch, weiß Petschner. Bis es immer schlimmer wird und am Ende gar nicht mehr geht. „Hier kommen Frauen her, die durch alle Systeme rutschen“, sagt die Leiterin. Sie ist Quereinsteigerin im Sozialbereich, von der Bank über ein Praktikum vor zehn Jahren hierhergekommen und geblieben.
Männer mitdenken
Ganser betont: „Finanzielle und räumliche Abhängigkeit – meist von Männern – ist die Vorstufe zu direkter Gewalt.“ Es ist ein systemisches Problem, dass jede dritte Frau in Österreich Gewalt erleben muss. Für Ganser und Petschner fängt es bei der Kinderbetreuung an, bei den ungleichen Chancen am Arbeitsmarkt. Kann eine Frau nicht genug arbeiten oder verdienen, rutscht sie schnell in die Abhängigkeit. „Das verbinden zu wenige Menschen. Dass das auch zu Gewalt führen kann, dass alles zusammenhängt“, sagt Ganser.
Als männlicher Mitarbeiter einer Frauennotschlafstelle will er auch aufzeigen: „Man muss auch die Männer mitdenken, wenn es um Gewalt an Frauen geht.“ Auch wenn er den Fokus nicht von den Frauen wegverschieben wolle, „auf die Männer, also die Bevölkerungsgruppe, die eh gern im Mittelpunkt steht“, aber es gehe bei der Bekämpfung des Problems schon auch um Fragen wie: „Wie werden Männer sozialisiert, wie gehen sie mit Frauen um, wie gehen sie mit ihren Gefühlen um, warum fressen sie alles in sich hinein, bis es eskaliert?“
Im Haus FranzisCa ist die Solidarität unter den Frauen spürbar, sagen Ganser und Petschner. Wenn eine wieder ausziehen kann und einen Schritt näher zu einem selbstständigen Leben machen konnte, sei das das Schönste. Was sich die beiden Experten wünschen? Dass immer wieder darauf aufmerksam gemacht wird: Das System, in dem wir leben, benachteiligt, verletzt und tötet Frauen im schlimmsten Fall. „Es gibt noch viel zu tun.“