„Ein Mann steht noch am Start, der Schrank“, sagte ein TV-Kommentator pragmatisch. Gemeint war Titelverteidiger Jonas Müller, der im Finish gehörig ins Schwitzen kam. „In der Zielkurve dachte ich mir, das wird sich nicht mehr ausgehen, denn der Fehler zwischen Kurve acht und neun hat schon richtig Zeit gekostet. Ich war dann selbst überrascht, dass es schließlich noch geklappt hat. Und ja, die Bezeichnung Schrank ist völlig in Ordnung, das passt zu mir“, grinste der Vorarlberger, an dessen Startzeiten niemand herangekommen ist.
Vor der EM ließ der Doppel-Weltmeister das Weltcupwochenende in Altenberg (“ich hatte dort schon einige Stürze“) sausen. In Nachhinein gesehen, die richtige Entscheidung. Nur das erste Training in Winterberg verlief alles andere als nach Wunsch. „Ich bin gleich einmal gestürzt, da es so brutal schnell gewesen ist. Ich habe mich dann langsam zurechtgefunden, nur waren im oberen Bereich noch Kleinigkeiten dabei“, verdeutlicht der Wintersportler, der in Deutschland von seinen Eltern sowie seiner amerikanischen Freundin Adriana überrascht wurde. „Damit habe ich überhaupt nicht gerechnet, das hat mich natürlich noch mehr gepusht“, strahlt Müller, der sich nach seinem Coup einen Apfelwein gönnte.
„Ich weiß, wie hart ich trainiere“
Trotz seiner Höhenflüge wurde Müller bereits mit den Schattenseiten des Sports konfrontiert. Nach der Nichtnominierung für die Olympischen Spiele 2022 in Peking hätte er beinahe einen Schlussstrich unter seine Karriere gezogen. „Für einen Moment habe ich tatsächlich mit diesem Gedanken gespielt. Es war definitiv der Tiefpunkt meiner bisherigen Karriere“. Eine dreimonatige Auszeit in Kalifornien und Hawaii sollte alles verändern. „Ich musste den Kopf frei bekommen. Danach haben mich mein Kampfgeist und die Leidenschaft wieder gepackt.“ Seither avanciert der 27-Jährige zum Abräumer. „Ich kann inzwischen schnell abschalten, finde den nötigen Abstand und bin viel lockerer als vorher. Ich weiß, wie hart ich trainiere und das zahlt sich aus.“
Vom Typ her fällt der Perfektionist eher in die Kategorie gelassen und ruhig. Er ist ein absoluter Teamplayer, ein wuchtiger Kerl, der von seinem privaten Umfeld charmant als „Bär mit einem unglaublich großen Herzen“ und äußerst liebenswert bezeichnet wird. Außerdem hat er meist ein Lächeln auf den Lippen.
Das hatte auch der aktuell geteilte Gesamtweltcupführende Nico Gleirscher – der Weltmeister von 2021 schnappte sich hinter Lokalmatador Max Langenhan Bronze. Wolfgang Kindl, der in der Vorbereitung mit dem Pfeifferschen Drüsenfieber zu kämpfen hatte und zuletzt in Altenberg schwer gestürzt war und dabei mit voller Wucht gegen die Bande gekracht ist, komplettierte das starke Ergebnis aus heimischer Sicht als Vierter.
Den krönenden Abschluss fand die Teamstaffel, in der Österreich nicht zu schlagen gewesen ist. Mit insgesamt dreimal Gold, zweimal Silber und dreimal Bronze brillierten die rot-weiß-roten Rodelasse – die WM in Kanada kann kommen. „Whistler ist cool, die Bahn ist cool und dann heißt es wieder die Deutschen zu ärgern.“