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NBA-Legende Dennis Rodman: Putzmann, Bad Boy, des Diktators bester Freund

Zum Geburtstag von Dennis Rodman blickt SPOX hinter die schillernde Fassade eines der besten Rebounder der NBA - und eines Menschen, der nie wusste, wo er hingehörte.

© getty
 

Dieser Artikel erschien erstmals am 16. Mai 2016. Alle weiteren Geschichten zu den Legenden der NBA gibt es in unserem Archiv.

"Ich könnte jetzt überall sein", sagte ein schluchzender Dennis Rodman: "Ich könnte tot sein, ich könnte ein Drogendealer sein, ich könnte obdachlos sein."

Undenkbar war keines dieser Szenarien. Alle drei Optionen waren sogar wahrscheinlicher als die Teilnahme an dem Ereignis, bei dem Rodman diese Worte sprach. In Springfield, Massachusetts. Bei seiner Aufnahmezeremonie in die Naismith Memorial Basketball Hall of Fame.

Und doch stand er dort. Dennis Keith Rodman, der Paradiesvogel, der Exzentriker, der Bad Boy, war seit diesem Tag im August 2011 ein Mitglied der Basketball-Elite. Geschmeckt hat das nicht jedem, um seine Aufnahme gab es eine große Kontroverse - wie um so ziemlich alles in Rodmans Leben.

War er mit seiner ausufernden, egoistischen und exzentrischen Lebensweise ein schlechtes Vorbild? Ja. War er mehr daran interessiert, zu polarisieren, als an den Konsequenzen seiner Handlungen? Definitiv. War er eingebildet, sexistisch und drogensüchtig? Auch das.

Aber er war noch mehr: Dennis Rodman war der dominanteste Rebounder und einer der besten Verteidiger der NBA. Und hinter seiner schillernden Fassade steckte stets ein Junge, der nie wirklich wusste, wo er hingehörte.

Dennis Rodman: Zunächst ausgemustert

"Zu klein" war eine abfällige Einschätzung, die Rodman häufig zu hören bekam. Er könne "nicht einmal einen Layup treffen" eine andere. Beide stimmten.

Tatsächlich war Rodman im ersten Jahr an der High School nur 1,68 Meter groß. Während seine Schwestern, mit denen er in einer Sozialbausiedlung am Rande von Dallas aufgewachsen war, zu High-School- und College-Stars wurden, schaffte es der Sohn der Familie bei seinen Teams kaum von der Bank.

Rodman jobbte neben der Schule als WC-Reinigungskraft am Flughafen von Dallas, eines Tages stahl er 15 wertvolle Uhren aus einem Geschäft (um sie seinen Freunden zu schenken). Die erste Nacht im Gefängnis war nur die Spitze des Eisbergs seiner jugendlichen Eskapaden.

Seine Mutter hatte nicht mehr die Kraft, mit dem widerspenstigen Teenager fertig zu werden und warf ihn hinaus. Der Vater hatte die Familie verlassen, als Dennis fünf Jahre alt war. Ein Erlebnis, das Rodman nie verarbeiten sollte und das fortan sein Leben prägte. Mit Ach und Krach schaffte er die Schule, unterstützt von der Familie seines Freundes Byrne Rich, die ihn bei sich aufnahm.

Rodman: You can't teach height

Das vielleicht größte Geschenk, das das Leben Dennis Rodman machte, war ein Wachstumsschub. In einem Jahr wuchs er knapp 25 Zentimeter und erhielt nach einem Übergangsjahr am Junior College ein Basketball-Stipendium für die Southeastern Oklahoma State University.

Schon dort machte er sich als Rebounder einen Namen, legte in seinen drei Jahren neben 25,7 Punkten auch 15,7 Boards auf. Und das trotz seiner Größe von nur 2,01 Meter.

Sein Erfolgsrezept war so selten wie genial. Es war nicht Rodmans physische Stärke, nicht seine Größe, die ihn zum besten Rebounder der Liga machte. Es war seine Cleverness.

Dennis Rodman: Das verkannte Genie

"Wenn wir uns aufwärmten und auf den Korb warfen, stand Dennis nur da und schaute uns zu", berichtete sein späterer Teamkollege Isiah Thomas: "Einmal rief ich ihm zu: 'Los, du musst auch mitmachen!' Doch er sagte nur: 'Ich schaue mir die Rotationen der Würfe an.' Ich dachte, ich hätte mich verhört, doch er bekräftigte: "Wenn du wirfst, hat der Ball zum Beispiel drei Umdrehungen. Bei Joe (Dumards) sind es dreieinhalb, manchmal sogar vier."

Rodman machte aus dem Rebounding eine Wissenschaft. Er kannte den Spin, den jeder Spieler seines Teams dem Spalding beim Wurf mitgab. Er prägte sich die Absprungwinkel ein und wusste, wie oft welcher Wurf aus welchem Winkel und welcher Entfernung auf dem Ring tanzte.

Wo auch immer der Ball runterkam, Dennis war da. "Was den Basketball-IQ angeht, war Rodman wirklich ein Genie", befand Thomas.

Während andere Spieler von ihrer Athletik lebten und daher vor allem in den ersten Jahren ihrer Karriere die Höchstwerte an den Brettern auflegten, blieben Rodmans Zahlen mit zunehmendem Alter und steigender Erfahrung konstant.

Dennis Rodman: Bad Boy No. 1

Nachdem ihn die Pistons 1986 mit dem 27. Pick drafteten, brachte Rodman als Reservist von Beginn an unermüdliche Energie von der Bank und besondere Flexibilität in der Defense. Er passte perfekt nach Detroit: Ein weiterer schlimmer Junge für die berüchtigten Bad Boys, der immer alles gab, nach jedem Loose Ball hechtete.

Rodman hatte großen Spaß daran, jeden zu stoppen, der das Prädikat "Star" mit sich herumtrug. Niemand konnte so viele Positionen und Spielertypen so exzellent verteidigen wie er. Ob es Magic Johnson, Larry Bird, Karl Malone, James Worthy, Charles Barkley oder Michael Jordan war - es spielte keine Rolle. Rodman stellte sie alle kalt.

Coach Chuck Daly merkte, wie sich Dennis weiterentwickelte. Er wurde schlichtweg zu wichtig, um hinter Adrian Dantley von der Bank zu kommen. Detroit tradete den alternden Dantley zu den Mavericks. Und während Thomas und Dumars für das Scoring verantwortlich waren, kämpfte Rodman unter den Brettern wie ein Verrückter. Der Lohn war die erste Championship der Franchise-Geschichte.

Auf dem Weg dahin sweepte Detroit die Los Angeles Lakers in den Finals, zuvor mussten auch Jordans Bulls dran glauben. Scottie Pippen sah in der Serie gegen Rodman keinen Stich. Während des Playoff-Runs auf dem Weg zum Repeat 1990 wurde Rodman zum ersten Mal mit dem Defensive Player of the Year Award ausgezeichnet. Es führte - im wahrsten Sinne des Wortes - kein Weg an ihm vorbei.

Dennis Rodman: Dominanz unter den Brettern

Rodman wurde immer besser, die Zahlen immer abenteuerlicher. Es war sein Rebounding, das alle von den Sitzen riss. So etwas hatte die Liga seit Wilt Chamberlain und Bill Russell nicht mehr gesehen. Und das, obwohl er bis zu 20 Zentimeter kleiner war als seine Gegenspieler. Sieben Jahre in Folge führte Rodman die Liga in Rebounds an.

18,7 Boards (6,4 davon offensiv) pflückte The Menace, wie er inzwischen zu Recht genannt wurde, in seiner besten Saison 91/92. Besonders beeindruckend: Das waren 42 Prozent aller Abpraller, die die Pistons pro Spiel einsammelten. Und es war ein deutlich höherer Wert, als ihn Wilt und Russell in der von Centern dominierten frühen NBA-Zeit je erreichten (35 bzw. 37 Prozent).

Berücksichtigt man außerdem den statistischen Wert der für einen Spieler theoretisch greifbaren Rebounds in seiner Nähe, wird Rodmans Ausnahmestellung noch prägnanter: Mit einer Rebound Percentage von 29,73 (Saison 94/95) liegt er in der ewigen Bestenliste mit großem Abstand vorn. In den Top 10 finden sich gleich sechs weitere von Rodmans Spielzeiten, darunter die Saison 97/98, in der er bereits 38 Jahre alt war.

Rodman: Dalys Abschied schmerzt

Trotz der Fabelmarken lief bei weitem nicht alles glatt. Mit Daly hatte Rodman in Detroit endlich einen Mentor und eine echte Vaterfigur. Doch der Abgang des Coaches im Mai 1993 traf Rodman schwer. Erneut verlor er einen Menschen, den er bewunderte, der sich seiner angenommen hatte. Zeitgleich ließ sich seine erst Frau Annie Bakes nach nur 82 Tagen von ihm scheiden, die gemeinsame Tochter durfte er nicht mehr sehen.

Rodman brach zusammen. Er ließ das Training Camp sausen, eines Morgens wurde er mit einer geladenen Waffe in seinem Auto in der Nähe des Palace of Auburn Hills gefunden. "Er hat nicht mehr an seine Teamkollege geglaubt, nicht mehr an Basketball geglaubt", sagte sein ehemaliger Mitspieler Jack Haley: "Er hat an niemanden mehr geglaubt."

In seinem Buch Bad as I wanna be bezeichnete Rodman diese Nacht Jahre später als einen Wendepunkt in seinem Leben. Er brachte sich nicht um. Stattdessen zerstörte er den Teil von sich, der ihn davon abhielt, zu sein, wer er eigentlich sein wollte.

Dennis Rodman: Die Transformation beginnt

Er erschuf eine neue Identität, eine Person, in deren Inneres niemand blicken konnte. Rodman war es leid, verletzt zu werden. Von nun an zog er sein eigenes Ding durch, tat nur noch, wozu er Lust hatte. Er wollte kein Mitläufer mehr sein. Und niemand konnte voraussehen, was er als nächstes vorhatte.

Rodmans Transformation begann im Kopf, doch erreichte schnell auch dessen Äußeres. Er bleichte seine Haare, färbte sie in jeglichen vorstellbaren Farben und Mustern. Vor lauter Tattoos und Piercings war bald nur noch wenig von seiner Haut zu erkennen.

Von Detroit hatte er nach der Enttäuschung die Schnauze voll, forderte einen Trade und war zur neuen Saison Teil der San Antonio Spurs um Elite-Big-Man David Robinson. Doch am Alamo arbeitete er primär an seinem eigenen Vermächtnis. Da vernachlässigte er schon mal die Hilfe für einen geschlagenen Mitspieler in der Hoffnung, einen weiteren Rebound für die Statistik abzugreifen.

Dennis Rodman: Affäre mit Madonna

Auch abseits des Courts gab sich Rodman immer mehr wie ein Rockstar. Seine Affäre mit Madonna dominierte die Schlagzeilen und er ging kaum einen Schritt, ohne von mehreren Kameras verfolgt zu werden. "Je exzentrischer er wurde, desto mehr wurde er zum Entertainer und desto mehr liebten ihn die Menschen", erinnerte sich Haley. Rodman schockte, Rodman polarisierte. "Er war wie eine Zeichentrick-Figur", so sein Agent Darren Prince.

"Ich bin größer als Basketball. Ich bin sogar berühmter als das Spiel" war einer der Sprüchen, die Rodmans Popularität weltweit steigerten, seine Teamkollegen aber lediglich mit dem Kopf schütteln ließen.

Die Spurs von '95 hatten Championship-Potenzial, doch Rodman untergrub die Chemie mit seiner Attitüde und seinen Anfällen, die nicht ins beschauliche San Antonio passten. In den Playoffs wurde er von Coach Bob Hill wegen teamschädlichen Verhaltens zum wiederholten Male für ein Spiel suspendiert. In den Conference Finals gegen die Houston Rockets kam er zu zwei Spielen zu spät und zog in der Crunchtime des wichtigen Game 5 auf der Bank beleidigt seine Schuhe aus. Houston wurde Meister - und die Ehe zwischen den Spurs und Dennis Rodman war vorbei.

Dennis Rodman geht zu den Chicago Bulls

Trotz der Eskapaden klopfte Phil Jackson an. Die Bulls brauchten Verstärkung in der Zone, nachdem sie im Vorjahr vom Frontcourt der Orlando Magic in den Playoffs überpowert worden waren. "Möchtest du ein Teil der Chicago Bulls werden?", fragte Jackson auf einer Party. "Ist mir scheißegal", so die ehrliche Antwort von The Menace. Sie reichte dem Zen-Master. Also fädelte Chicago einen Trade für Rodman ein und schickte Backup-Center Will Perdue nach San Antonio, wo man froh war, den Unruhestifter loszuwerden.

Rodman traf seinen nächsten Mentor. Jackson verstand ihn. Er war einer der wenigen, die hinter seine Fassade blicken konnten. Er lud ihn an Weihnachten und Thanksgiving zu sich nach Hause ein, kümmerte sich um ihn wie ein Vater - und noch viel wichtiger: Er ließ Rodman sein, wie er war.

"Er möchte seine Freiheit haben und sich ausdrücken können, wie er will", sagte der Coach: "Ich denke, das ist in Ordnung, so lange er sich an die Grenzen hält, die man braucht, um zusammen erfolgreich Basketball zu spielen."

Es war eine Gratwanderung. In der Trainingshalle, im Kraftraum und im Spiel arbeitete niemand härter als Rodman. "Er konnte 48 Minuten auf dem Feld stehen und spielte in Minute 48 stärker als in der ersten", so Jackson über seinen Schützling: "Er war ein unglaublicher Athlet."

Gegenseitige Hilfe

Genau das hatte Chicago gefehlt. Mit ihm waren die Bulls wieder so dominant wie vor Jordans Baseball-Experiment. Doch während Rodman auf dem Court MJ den Rücken freihielt, war es abseits des Feldes der Superstar, der Dennis mehrfach aus der Patsche half, in die er sich manövriert hatte.

Jede Nacht war Party angesagt: Drogen, Glücksspiel, Sex-Orgien. Es musste schrill sein, es musste laut sein. Denn Rodman kannte keine Stille mehr. Gerüchten zufolge musste Jordan seinem exzentrischen Teamkollegen morgens hin und wieder Klamotten anziehen und ihn zum Training schleifen. Ein Wort darüber verlor MJ nie. Ebenso wenig wie die beiden abseits des Feldes auch nur ein einziges wechselten.

No risk, no glory

"Wir wussten genau Bescheid über Dennis' Vorgeschichte", erklärte Scottie Pippen: "Aber wir waren uns einig, dass wir uns als Team nicht von unseren Zielen ablenken lassen würden. Wir haben geglaubt, dass er uns helfen kann, wenn er auf dem Court so spielt, wie bisher. Wir waren aber auch bereit, weiterzumachen und nicht zurückzublicken, wenn er uns zu sehr abgelenkt hätte. Es ist gut gegangen."

Von Zeit zu Zeit übertrieb es Rodman mit seiner Aggressivität auf dem Court. Handgreifliche Auseinandersetzungen waren keine Seltenheit, doch im März '96 verpasste er Referee Ted Bernhardt nach einer Ejection eine Kopfnuss und wurde für sechs Spiele suspendiert. Eine Elf-Spiele-Sperre handelte er sich im Januar 1997 ein, als er einem Kameramann einen Tritt verpasste.

Doch es gab auch gute Tage. "Jeder erwartete von ihm, das Spiel zu zerstören", sagte Michael Jordan nach einer ruhigen Partie von Rodman: "Aber manchmal überrascht er uns und zeigt genau das Gegenteil. Das war ein solcher Abend. Hoffentlich hat er davon noch ein paar mehr."

Die Frau im Manne

In der Offseason war von dieser Ruhe nichts zu spüren. Rodman drehte Filme in Hollywood, sammelte Goldene Himbeeren. Er half Wrestling-Star Hulk Hogan, seinen WCW-Titel zurückzugewinnen. Er ließ Bücher über sich schreiben.

Zur Vorstellung seiner ersten Autobiographie erschien er im weißen Hochzeitskleid - passend zu seinen Bekenntnissen, bisexuell zu sein, gern Frauenkleider zu tragen und sich selbst heiraten zu wollen. Sein zweites Buch vermarkte er, indem er sich in einem Sarg vorfahren ließ. Und die Aussagen in beiden Werken waren nicht weniger egoistisch, sexistisch und großkotzig als sein Auftreten.

Jackson wollte von all dem nichts wissen, so lange Rodman seinen Job machte. Und das tat er. Erst 1998 wurde sein Verhalten zur ernsthaften Belastung. Zusammen mit Jordan organisierte der Coach eine Intervention, so sehr sorgten sich die beiden um ihren heißblütigen Forward und ihr gemeinsames Ziel.

Doch selbst während der NBA Finals gegen die Utah Jazz flog Rodman an den freien Tagen nach Las Vegas, wo er rauschende Partys veranstaltete. Am nächsten Tag kam Rodman zurück nach Chicago oder Salt Lake City, um sich 20 Rebounds zu greifen und Karl Malone das Punkten zur Hölle zu machen. Es war fast unmenschlich - und nicht wenige sahen in Rodman den wahren Finals-MVP. Die Bulls hatten den zweiten Threepeat geschafft: Titel '96, Titel '97, Titel '98.

Im luftleeren Raum

Doch dann war sie plötzlich wieder da, diese Leere. Die Bulls hatten alles erreicht. Dreifacher Champion - und nun? Lockout. Monate ohne Basketball. Jordan trat erneut zurück, General Manager Jerry Krause ließ das Team auseinanderfallen, Jackson und Pippen gingen. Wieder hatte Rodman einen Platz verloren, an dem er sich zu Hause fühlte. Die Struktur, die ihm drei Jahre lang Halt gegeben hatte, war weggebrochen.

Rodman ging auf Wanderschaft, er heuerte in Los Angeles an. Nur war er nicht mehr mit dem Herz dabei, obwohl sich Besitzer Jerry Buss bedingungslos für ihn einsetzte. Rodman kümmerte das zerrüttete Team um den blutjungen Kobe Bryant und Coach Kurt Rambis überhaupt nicht, die privaten Probleme überwogen.

Die Ehe mit Schauspielerin und Model Carmen Electra hielt nicht einmal ein halbes Jahr - und wieder stürzte er ab. Wenige Tage vor den Playoffs wurde Rodman nach nur 23 Spielen entlassen, die Lakers gingen in den Conference Semifinals gegen den späteren Champion aus San Antonio wegen eines gewissen Tim Duncan (29 & 11) sang und klanglos unter.

Zirkusclown in Dallas

Rodman wollte nicht akzeptieren, dass sich seine Zeit in der NBA dem Ende näherte. In Dallas, seiner Heimat, wagte er mit 38 Jahren einen letzten Anlauf. Die Fans kamen in Scharen. Doch auch an der Seite von Dirk Nowitzki, Steve Nash und Michael Finley suchte er vergebens nach einem Gefüge, das ihn aufnahm und ihm half, aufzublühen wie einst in Detroit und Chicago.

Ganze zwölf Spiele dauerte seine Liaison mit den Mavericks , in denen er zweimal vom Feld flog und sich völlig danebenbenahm, bis ihn Dallas vor die Tür setzte. "Er wollte nie ein Maverick sein", sagte Nash später: "Daher war er auch nie wirklich motiviert."

Im Sog

Fortan versuchte Rodman, sich mit einem Leben ohne Basketball zu arrangieren. Doch inmitten einer weiteren komplizierten Ehe mit Michelle Moyer, mit der er zwei Kinder bekam, nahmen die Drogenexzesse und Sex-Partys nur noch zu. Rodman feierte tagaus tagein, umgeben von immer zwielichtigeren Gestalten, die seine Großzügigkeit ausnutzten.

Nach einer durchzechten Nacht in einem Stripclub von Vegas endete ein betrunkener Stunt-Versuch mit dem Motorrad an einem Betonpfeiler. Zum Glück kam Rodman mit ein paar Blessuren und Stichen davon, doch der Unfall war für viele in seinem Umfeld genug.

"Mehr konnten wir nicht aushalten"

"Ich habe gemerkt, dass ich ihn nicht ändern kann", so Moyer: "Und er konnte sich nicht für mich ändern. Also verließ ich ihn." Sein langjähriger Freund Thaer Mustafa berichtete: "Mehr konnten wir nicht aushalten, also setzten wir ihm ein Ultimatum. Entweder er hörte auf zu trinken oder wir waren fertig miteinander."

Rodman lenkte ein, machte einen Entzug, wurde nüchtern und clean. Michelle und er rauften sich zusammen und im Kreise seiner Familie legte Rodman Stück für Stück die Maske ab, die er so lange getragen hatte. Langsam, ganz langsam kam der Dennis von früher wieder durch. Zerbrechlich, emotional. Auch wenn sein Leben nicht ohne Rückschläge und Komplikationen blieb und er sich nur langsam daran wagte, seinen Kindern ein guter Vater zu sein. Der Vater, den er nie gehabt hatte.

Ende 2003 stand er auf der Suche nach einer Stütze wieder in der Halle. Er suchte bei dem Einzigen, das ihm in seinem Leben zeitweise Halt gegeben hatte: Basketball.

The Mentor

Rodman arbeitete verbissen für sein Comeback. In der im Jahr 2000 gegründeten ABA war Rodman nicht mehr Dennis "The Menace", er war Dennis "The Mentor" und führte seine Long Beach Jam teils auf dem Feld, teils an der Seitenlinie zur Meisterschaft.

"Viele Leute haben gedacht, dass ich so etwas nicht könnte. Aber ich wollte es ihnen zeigen", sagte Rodman später: "Ich wollte ihnen zeigen, dass ich rausgehen und ein Team coachen kann. Und die Jungs haben mir wirklich zugehört."

Nur: Kein NBA-Team wollte das Risiko mit ihm eingehen und einen 43-jährigen Bad Boy mit äußerst fragwürdigem Renommee zurückholen. Mit vereinzelten Partien in England und Finnland endete schließlich auch der Spätherbst von Rodmans Karriere.

Gefangen im eigenen Schatten

Rodmans Exzesse überschatten noch heute eine große, eine überragende Basketball-Laufbahn. Deshalb wurde seine Aufnahme in die Hall of Fame von vielen Spielern und Beobachtern so kritisch gesehen.

Dass sich Rodman bei Commissioner David Stern zu Beginn seiner Rede in Springfield dafür bedankte, dass er ihn für die Zeremonie überhaupt ins Gebäude gelassen hatte, war nur zur Hälfte ein Scherz. Doch von der schillernden Figur, die er einst verkörpert hatte, zeugte einzig sein extravagantes Outfit.

Dennis Rodman: Ehrliche Worte

Er nutzte die Bühne nicht, um die Werbetrommel für seine neuesten Projekte zu rühren, nicht um seine herausragenden Fähigkeiten zu loben. Er erzeugte keine Aufregung wie bei seinen umstrittenen Besuchen in Nordkorea, wo er Diktator Kim Jong-Un als "Freund fürs Leben" bezeichnet hatte. Stattdessen wollte er zwischen seinen zahlreichen Schluchzern nur über die Menschen sprechen, die er als Familie bezeichnete.

Über James Rich, der ihn als Jugendlicher aufgezogen hatte. Über seine Mutter, der er nie ein guter Sohn war. Über seine Frau, die seine Kinder fast allein großziehen musste. Und über Chuck Daly, Jerry Buss und Phil Jackson. Drei Menschen, die für ihn da waren, wie sonst niemand auf dieser Welt.

Rodman war fragiler als es den Anschein hatte. Hinter der Fassade, hinter dem Freak, den er dargestellte, stand stets ein Junge, der eigentlich nur Anschluss und Bestätigung suchte - und der auf seine ganz eigene Weise damit umging.

Doch bei all seinen Ausschweifungen und Eskapaden darf nicht vergessen werden, was Rodman ausmachte: Er war stets ein Kämpfer mit Herz und Leidenschaft. Und einer der besten Rebounder und Verteidiger in der Geschichte der NBA.

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