„Big Jak“ gegen „The Beard“. So oder so ähnlich könnte man das Erstrunden-Play-off-Duell im NBA-Osten zwischen den Toronto Raptors und den Cleveland Cavaliers, der Heimat- und Herzens-Franchise des großen und inzwischen für die LA Lakers spielenden Lebron James, betiteln. Denn mit dem 2,13 Meter großen Wiener Jakob Pöltl aufseiten der Kanadier und Haudegen und Scoring-Maschine James Harden, dem Mann mit dem markanten Bart, im Dress der „Cavs“ sind die prägenden Figuren dieser Serie wohl schon vor dem Start der „Best-of-seven“-Serie am Samstag (19 Uhr MEZ) gefunden.
Toronto schaffte jüngst erstmals seit vier Jahren wieder den Einzug ins Play-off, wurde in der Eastern Conference Fünfter. Pöltl selbst hat schon seit sieben Jahren kein Spiel in der heißen Saisonphase mehr bestritten. Er lief letztmalig für die San Antonio Spurs 2019 gegen die Denver Nuggets ein, die Serie ging dramatisch in sieben Spielen verloren. „Ich habe damals aber viel gelernt, ich war erstmals im Starting-Lineup eines Teams, habe die Intensität und die etwas veränderten Schiedsrichterentscheidungen so richtig kennengelernt“, skizziert Pöltl und weiß: „Ich habe über diese Zeit viel nachgedacht. Es wird bei uns wichtig sein, dass wir alles an Infos über das Play-off zusammenkratzen, was wir haben, das ist sehr wertvoll für unser junges Team.“ Pöltl ist mit 22 Play-off-Karrierespielen nämlich der Erfahrenste des jüngsten NBA-Play-off-Teams 2025/26.
Pöltls erste Play-off-Kampagnen endeten zweimal in Runde zwei, mit einem 0:4-„Sweep“ ausgerechnet gegen die Cavaliers. „Das ist aber völlig irrelevant, weil das damals zwei ganz andere Mannschaften waren“, weiß Pöltl, der aber gesteht: „Sie haben mehr Play-off-Erfahrung und die ist immer wichtig. Aber wir werden unsere Erfahrungen jetzt sammeln.“ Ein reines Dabeisein ist es für den Hünen aber keinesfalls, er ist hungrig: „Ich will nicht ein Jahr in den Play-offs verpasst haben, weil wir nur sagen, wir wollen für die Zukunft etwas mitnehmen. Wir haben uns im Team darauf geeinigt, dass wir schon dieses Jahr voll attackieren wollen. In der NBA kann es so schnell in beide Richtungen gehen, also sagen wir auch heuer: Wir wollen den Titel.“
Von außen wird den Raptors nicht mehr als eine Außenseiterrolle zugetraut, das gilt auch schon für Runde eins, obwohl man die Cavaliers im Grunddurchgang stets schlug. Das nimmt Pöltl locker: „Uns ist egal, was die Welt von uns hält und was sie glaubt, wie weit wir kommen können. Der Fokus liegt auf uns, unserem Spiel und immer der nächsten Partie. Wir wollen Spiel eins gewinnen, dann die Serie und dann geht es immer weiter.“
Sportlich ist klar, worauf es ankommt, denn mit Harden und Co. kommt ein echter Brocken. „Das wird interessant. Er ist erfahren, setzt seine Kollegen gut in Szene und wirft gute Dreier. Wir müssen uns gegenseitig helfen und ich muss ihn gut verteidigen, wenn er zum Korb zieht“, weiß Pöltl, der die Stärken des eigenen Spiels aber ebenso kennt: „Wir spielen schnell und werden versuchen, unserer Identität treu zu bleiben. Auch wenn oft gesagt wird, dass das Spiel im Play-off langsamer wird, werden wir unsere Stärken in der Transition (Umschaltspiel, Anm.) und im defensiven Druck ausspielen.“ Und dabei soll in den Spielen drei und vier, die daheim steigen, auch die ganze Stadt von außen mithelfen: „Toronto ist Sport-fanatisch. Ich denke, dass es ordentlich zur Sache gehen wird und genau darauf freue ich mich.“
Die Rituale und den Play-off-Bart lässt Pöltl weg
Ob sich für ihn in der Vorbereitung etwas ändert? „Nein, ich bin kein Typ für Aberglaube oder ausgefallene Rituale. Klar, ich schaue am Spieltag immer, dass die Routine gleich bleibt, wann ich esse, wie ich aufwärme und so weiter“, sagt er und kann auch dem Phänomen Play-off-Bart wenig abgewinnen, wie er lachend erwähnt: „Auch wenn ich zuletzt Bart trug, ging es noch vor dem ersten Spiel zum Friseur.“ Und auch, wenn die „Mindgames“ zunehmen werden, der große „Trash Talker“ ist Pöltl selbst nicht, oder wie er es formuliert: „Ich werde mehr antworten, wenig selber provozieren.“