Die XIV. Paralympischen Winterspiele sind Geschichte und mit 7 Goldenen, 2 Silbernen und 4 Bronzenen wurden sie, an Medaillen gemessen, die zweiterfolgreichsten für Österreich in diesem Jahrtausend. Die Gesichter der Spiele aus heimischer Sicht waren einmal mehr die Geschwister Aigner, die trotz des Rücktritts ihrer Schwester Barbara den Medaillenspiegel wieder maßgeblich mitgestalteten. Ganze neun Medaillen gingen auf das Konto der sehbehinderten Skifahrer Johannes und Veronika, die ihre Favoritenstellung eindrucksvoll untermauerten. Und das, obwohl Johannes am Schlusstag im Slalom mit dem undankbaren vierten Platz zufrieden sein musste; es war das erste Paralympics-Rennen ohne Medaille für den Niederösterreicher.

Zum heimlichen Star mauserte sich aber völlig unverhofft die erst 16-jährige Lilly Sammer, die kurzfristig für Veronikas verletzte Schwester Elisabeth als Guide eingesprungen war. Als Zimmerkolleginnen funktionierten „Vroni und Lilly“ auf Anhieb gemeinsam, das über Jahre aufgebaute Vertrauen auf der Piste zwischen den Geschwistern funktionierte mit Sammer sofort. Sammer, die in den Technik-Bewerben wie geplant mit Michael Scharnagl antrat, konnte ihre Aufgeregtheit zwar nie ganz verbergen, nahm die Herausforderung aber wie ein alter Hase an und durfte mit zwei Medaillen in Gold und einer in Silber die Heimreise antreten. Zudem funktionierte auch das Zusammenspiel mit Aigners zweitem „Joker“: Mit Eric Digruber gab es für Veronika auch in den Technik-Bewerben zweimal Gold.

Kärntner Para-Stars begeisterten

Besonders emotional gestalteten sich die Auftritte der Kärntner Para-Stars. Vorneweg die langersehnte Bronzene von Thomas Grochar in seinen letzten Paralympics, die selbst dem sonst so coolen Klagenfurter die Tränen ins Gesicht trieb. Zukunftshoffnung Elina Stary verarbeitete ihren Sturz im Super-G hingegen in Rekordzeit und holte ebenfalls ihre ersten paralympischen Medaillen. Für Athletensprecher Markus Salcher sollte es bei seinen letzten Winterspielen zwar nicht für Edelmetall reichen, der 34-Jährige wurde von Kärntens Landeshauptmann Peter Kaiser (SPÖ) für seine Leistungen für den Para-Sport dafür mit einer Ehrenurkunde ausgezeichnet und im Zielraum von Cortina nach seinem letzten Rennen von einer großen Fangemeinschaft verabschiedet.

Österreichs Team beeindruckte mit Leistungen, die auch recht rasch den Schatten verdrängten, der noch vor Beginn der Spiele über diesen lag. Aufgrund der Teilnahme der russischen Athleten unter deren Flagge boykottierte das rot-weiß-rote Team die Eröffnungsfeier in Verona, acht Mal wurde letztlich die russische Hymne aufgrund von Goldmedaillen in Italien gespielt. Aber auch ohne den bereits oft durchgekauten Boykott hätte sich keine große österreichische Delegation in Verona eingefunden, fanden doch bereits am nächsten Tag in Cortina die ersten Skibewerbe statt. Es war dies nicht die einzige mangelhafte organisatorische Leistung der Veranstalter.

Warwara Worontschichina war eine der russischen Athleten, die über Gold jubelten
Warwara Worontschichina war eine der russischen Athleten, die über Gold jubelten © IMAGO

Aufgrund der langen Wege zwischen den Wettkampfstätten wurden die Winterspiele für Österreichs einzigen Para-Biathleten und -Langläufer zu einem „Weltcup Deluxe“. Für Stefan Egger-Riedmüller und sein kleines Team war das Österreich-Haus in Cortina und „seine“ paralympische Familie quasi außer Reichweite, auch die deutschen Medaillengewinner in Tesero blieben Medaillenfeiern im geteilten „House of Friends“ verwehrt. Zwar trennen die beiden Orte „nur“ 91,6 Kilometer, dafür aber mehr als zwei Stunden – und wer diesen Weg jedoch einmal gefahren ist, weiß, dass „20 Kilometer geradeaus halten“ einem halbstündigen Ritt auf der „Wilden Maus“ gleichkommt.

Snowboard-Schauplatz eine Farce

Als große Enttäuschung präsentierte sich der Snowboard-Schauplatz in Cortina: Wenn Zuseher aus der ganzen Welt extra anreisen, um ihren Helden anzufeuern, möchten sie im Regelfall mehr sehen als die letzten Meter nach dem Zielsprung. Ein Umstand, den auch Ex-Para-Snowboarder und Chef de Mission Patrick Mayrhofer in internen Meetings zur Sprache brachte. Wer „Glück“ hatte, dem wurde die Farce erspart – denn am gewünschten Ort anzukommen, gestaltete sich als große Herausforderung. In den Shuttles waren die Erfolgsaussichten ähnlich hoch, mit den alten, griesgrämigen Männern am Steuer zu kommunizieren, wie den Lauf der Snowboardcrosser von der Tribüne aus zu beobachten. Dass Ausnahmen die Regel bestätigen, zeigte sich, als eine Dame mit ansteckendem Lachen zwar ankündigte, nach Napoli zu fahren, am Ende aber die einzige war, die einen verlässlich ans Ziel brachte – dafür gab es vom Mediateam des ÖPC, das von früh bis spät einen fantastischen Job machte, einen der heißbegehrten Pins.

Rene Eckhart und die Sowboardcrosser waren auf der Piste quasi wie versteckt
Rene Eckhart und die Sowboardcrosser waren auf der Piste quasi wie versteckt © GEPA

Wo die Organisation einwandfrei verlief, war im „House of Friends“, welches sich Österreich mit Deutschland teilte. Während die Deutschen für die Sicherheit zuständig waren, waren die Österreicher für die Kulinarik zuständig – und so wurde das Haus zum beliebten Treffpunkt für Athleten, aber auch für Gäste wie Innenminister Gerhard Karner (ÖVP), Peter Kaiser oder ÖSV-Sportdirektor Mario Stecher. Alles in allem waren es Spiele, die aus österreichischer Sicht trotz aller Hürden definitiv Lust auf mehr machen. Und wenn man sieht, dass es – böse gesagt – auch die Italiener irgendwie hinbekommen, wäre es doch Ansporn, die Olympischen und Paralympischen Winterspiele wieder nach Österreich zu bekommen. ÖPC-Generalsekretärin Petra Huber hatte neben dem Anliegen, die Paralympics im Kalender vorzuziehen, um den frühlingshaften Temperaturen zu entkommen, schon vor den Spielen den Wunsch geäußert, und auch hinsichtlich eines Boosts in Sachen Barrierefreiheit wäre es eine Bewerbung wert. Und um auch jenen Menschen in Österreich, an denen diese Paralympics vorübergegangen sind, obwohl sie quasi vor der Haustüre stattgefunden haben, zu zeigen, dass Grenzen nur im Kopf existieren.