Man wird nahezu erdrückt, wenn man im Mailänder Stadtteil San Siro um die Ecke biegt und sich aus dem Nichts dieses Fußballstadion auftürmt. Es ist kolossal, das Giuseppe-Meazza-Stadion, es wirkt fast wie ein Tempel. Innerhalb dieser elf Türme, unterhalb dieses roten Dachs, dort wurde in 100 Jahren Fußballgeschichte geschrieben. Es zählt zu den wenigen Stadien dieser Welt, das der gemeine Fußballfan wohl auf den ersten Blick Stadt und Verein(en) zuordnen kann. Es scheint einfach ein Mailänder Ding zu sein, imposante Bauwerke aufzustellen – der Dom als größte Kirche Italiens ist auch ein Beleg dafür. Zwischen der Kathedrale und der „Scala del calcio“, dem Opernhaus des Fußballs, gibt es auch eine Verbindung: Die goldene Kirchenstatue an der Spitze des Gotteshauses, die „Madonnina“, ist die Namensgeberin für das Spiel am Sonntag (15 Uhr): dem „Derby della madonnina“.
Inter Mailand und AC Milan – das ist seit jeher eines der bedeutendsten Derbys im internationalen Fußball. Dass der aktuelle Tabellenführer Inter heißt und von AC Milan gejagt wird, verleiht dem Derby am Sonntag zusätzliche Würze. An diesem Tag wird alles „rossonero“, rot-schwarz sein: In den Katakomben erscheint alles, wirklich alles in den Farben des gastgebenden Vereins: Der Spielertunnel, die letzten Meter vor dem Spielfeld, sind in rot-schwarz gehalten, auf dem Weg dorthin läuft man an Gesichtern vorbei, die mit Mailänder Fußballgeschichte verbunden werden: Maldini, Pirlo, Ronaldinho und Co hängen aber nur bis zum Montag von den Wänden, dann wird gesiedelt. Es ist wie in einer überdimensionalen WG – mit einem wöchentlichen Tapetenwechsel.
Die Rivalität gibt es seit 1908: Davor war da nur der AC Milan, bis sich Abtrünnige loslösten und einen eigenen Verein gründeten: Sie waren nicht einverstanden damit, dass bei ihrem alten Klub nur Italiener spielen durften. Ihre Botschaft verpackten sie dann gleich in den Vereinsnamen: Bei „Internazionale“ sollen alle Nationalitäten spielen dürfen. Die Tatsache, dass beide Vereine denselben Ursprung haben, machen das Derby della madonnina zu einem der prägendsten Städteduelle im Weltfußball.
Inter ist das Team der Stunde – die letzte Niederlage gab‘s gegen Milan
Dort ist diese Internationalität mittlerweile längst Usus. In der Champions League erlitt Italiens Fußball mit dem Ausscheiden von Inter und Juventus kürzlich eine schwarze Stunde, in Italien sind die Mailänder aber das Team der Stunde: Seit 14 Spielen ist der Klub, der sich damit rühmt, als einziger italienischer Klub noch nie abgestiegen zu sein, ungeschlagen - 13 Spiele davon wurden gewonnen. Die letzte Niederlage? Die erlitt die Mannschaft von Trainer Christian Chivu ausgerechnet gegen den Stadtrivalen.
Erdrückend ist nicht nur ihr Zuhause, erdrückend sind auch die Fans in Mailand. In dieser Stadt ist nichts entweder schwarz oder weiß, sondern entweder schwarzblau oder rotschwarz: Die beiden Klubs haben italienweit den größten Fanandrang und bilden damit die Spitze eines Phänomens: Italiens Serie A verzeichnet im Vergleich zur Zeit vor der Pandemie einen kräftigen Fanzuwachs – einen, der in absoluten Zahlen von keiner anderen Topliga erreicht wird.
Wer das San Siro selbst erleben möchte, hat noch ein paar wenige Jahre Zeit. Das 100 Jahre alte Stadion wird in den nächsten Jahren abgerissen und durch ein neues ersetzt. Die beiden italienischen Fußball-Schwergewichte haben der Stadt Mailand das Stadion abgekauft und basteln nun an einem neuen Tempel – im Jahr 2031 soll er stehen.
Die Reise nach Mailand wurde unterstützt von fussballreisen.com.