Vor einigen Jahren wurde man vielleicht noch als „schwach“ bezeichnet, wenn man auf einen Mentaltrainer zurückgegriffen hat, mittlerweile ist er fixer Bestandteil vieler Fußballmannschaften. Wie hat sich das Bild des Mentaltrainers im Fußballsport gewandelt?
DR. ROMAN BRAUN: Heutzutage kommt es stark auf die Trainerpersönlichkeit an. Wenn man da einen Trainer hat, der als Spieler schon ein gespaltenes Verhältnis gehabt hat, dann wird ein Mentalcoach in seinem Team nicht gut einen Fuß auf den Boden bekommen. Wenn er gute Erfahrungen gemacht hat und er der Mannschaft den Mentalcoach gut verkauft, ist die Akzeptanz hoch. 

Es gibt viele Spieler, die bewusst auf einen Mentalcoach verzichten – was ist Ihre Meinung dazu?
Wenn Spieler das ablehnen, passiert das meist aufgrund von Vorurteilen. Es gibt leider im Fernsehen viele "Reality-Soaps", wo es auch um "Coaching" geht. Das hat mit Coaching aber überhaupt nichts zu tun. Da steht nur irgendein Typ neben jemandem und sagt: "Du kannst es, glaub an dich!" Das sagt sich der Marko Arnautovic aber eh selber.

Apropos Arnautovic: Hätte man dessen Auszucker im Spiel gegen Nordmazedonien mit Mentalcoaching präventiv verhindern können?
Wenn Arnautovic Mentalcoaching überhaupt schon früher näher gebracht worden wäre, könnte er mit seiner Aggression bestimmt besser umgehen und diese in Leistung kanalisieren. Mir scheint es aber aus der Entfernung, dass er mit Mentalcoaching keinen Kontakt hat und es auch von sich aus ablehnen würde.

Dr. Roman Braun
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Das österreichische Nationalteam greift beispielsweise auf keinen Mentalcoach zurück. Wäre ein Mentaltrainer in der Nationalmannschaft, wo sich die Spieler und der Betreuerstab nur ein paar Tage im Jahr sehen, überhaupt sinnvoll?
Natürlich. Man kann davon ausgehen, dass im Nationalteam Spieler mit Erfahrung sind, die in ihren Teams bereits Teambildungsprozesse erlebt haben. Ich verwende immer die Parallele: Wenn sich jemand verletzt, kann der Trainer auch erste Hilfe leisten, aber es gibt einen Grund, warum man einen Teamarzt dabei hat. Und der ist immer dabei, auch wenn sich niemand verletzt.

Hätte es Sinn ergeben, eigens für die EM einen Mentalcoach zum Team zu holen?
Auf jeden Fall. Bei einem Großereignis wie der EM ist der Druck am größten. Wenn dort etwas passiert, hinsichtlich Performance oder menschlicher Konflikte, dann ist es schade, wenn dort niemand dabei ist, der das kompetent bearbeiten kann.

Wie gut muss ein Mentaltrainer die Spieler kennen, um einen Nutzen daraus zu ziehen?
In einer Mannschaft muss man immer auf die Konstellation der Spieler achten. Es ist ähnlich heikel wie bei einer chemischen Mischung: Es genügen ein oder zwei neue Personen im Team und es gibt eine völlig neue Gruppendynamik. Da können sich dann neue Hauptkonfliktachsen zeigen, wo man sofort intervenieren muss. Da ist es für einen Mentaltrainer belanglos, ob er davor schon mit den Leuten gearbeitet hat.

Durch die paneuropäische EM haben viele Nationen in den Gruppenspielen den sogenannten Heimvorteil – in der Pandemie hat man aber auch gesehen, dass einige Charaktere ohne Zuschauer fast befreiter aufspielen konnten. Wie sehr wirken sich die Einflüsse von außen tatsächlich auf die Spieler am Feld aus, positiv wie negativ?
Immens. Auf dem Platz gibt es einen Unterschied zwischen Wettkampftypen und Trainingsweltmeistern. Die Wettkampftypen laufen zu ihrer Höchstform auf, wenn Leute im Stadion sind. Das müssen nicht unbedingt die eigenen Fans sein, es genügt auch, wenn gegen sie geschrien wird. Hans Krankl war so ein Typ beispielsweise. Herbert Prohaska hingegen nicht, der hat profitiert, wenn er eine große Anhängerschaft gehabt hat. Und dann gibt es die Trainingsweltmeister. Denen sind die leeren Stadien entgegengekommen, wo sie sich voll auf ihre Arbeit konzentrieren können. Ein volles Stadion mit 60.000 Leuten tut denen nicht so gut.

Die italienische Nationalmannschaft beispielsweise befindet sich aktuell in einem Flow – wie sehr kann so etwas mental besonders in einem kurzweiligen Turnier ausmachen?
Sehr viel. Wenn ein Team in einen Flow kommt, werden vor jedem neuen Spiel die letzten Erfahrungen, die man auf dem Platz gehabt hat, aktualisiert. Das ist wie eine eigene Zeitlinie. Wenn da eine positive Erinnerung dominiert, profitiert man vom sogenannten "Happyness-Advantage" und performt besser. Sowohl körperlich - die Schmerztoleranz und die Leistungsbereitschaft sind größer - aber auch kognitiv. Man ist eher in der Lage, taktische Konzepte umzusetzen. Das österreichische Wunderteam der Zwischenkriegszeit hatte so einen Lauf und wurde praktisch Europameister. Das kann auch auf Italien absolut zutreffen.

Wie ist so ein Schockmoment, wie es die Dänen mit dem Herzstillstand von Christian Eriksen erlebt haben, zu verdauen? Was muss da im Anschluss im Mentalbereich gemacht werden, damit die Spieler nicht in sich zusammenbrechen, sondern eine "Jetzt-erst-recht"-Mentalität entwickeln?
Man muss sich von der negativen Erfahrung dissoziieren. Man kann Situationen unterschiedlich erleben. Entweder assoziiert: Das heißt, ich sehe genau das gleiche wie damals in der Situation. Oder dissoziiert: Das bedeutet, ich sehe die gesamte Szenearie, auch mich selbst, von außen, als hätte man es mit einer Drohne aufgenommen. So kann ich mich nicht so stark mit ihr identifizieren. Die dissoziierte Vorstellung hat weniger emotionalen Impact. Es ist besser, negative Erfahrungen dissoziiert abzuspeichern und nicht assoziiert. Als Mentalcoach muss man sicherstellen, dass die gesamte Mannschaft stark von den negativen Erfahrungen dissoziiert ist um dann gemeinsam zum letzten Sieg zurückzugehen. Die Spieler mit der letzten Siegerfahrung zu assoziieren. Alle Sinne anzusprechen: Schau dich um, sieh die Farben, Licht und Schatten, hör die um, spüre, wie es sich angefühlt hat, am Rasen zu laufen und die Arme in die Luft zu strecken, selbst Geruch und Geschmack, nimm alles noch einmal wahr. So etwas nennt man "Revivitation". Sodass, wenn die Spieler wieder auf dem Platz stehen, die assozziierte Erinnerung präsent ist und ihnen einen inneren "Happyness-Advantage" verschafft.