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High-tech-Training

Diese Grazer Erfindung revolutioniert den Fußball

Wie Highspeed- Kameras, Sensoren, Laser und Algorithmen das Mysterium Fußball entschlüsseln – und so bessere Fußballer erschaffen: Die Grazer „skills.lab“-Halle revolutioniert den Sport. Von Didi Hubmann, Gerhard Nöhrer

Hochkomplexe Analyse
Hochkomplexe Analyse © Infografik/Silke Ulrich/Jürgen Fuchs
 

Es ist ein ständiger Doppelpass zwischen realer und virtueller Welt. Wenn man die Schwelle zum Spielfeld der „skills.lab“-Halle in Wundschuh, am Rande von Graz, überschreitet, wird man gewissermaßen digitalisiert – und dann auf einer 320 Quadratmeter große Rasenfläche rematerialisiert. Die Fläche entspricht dem Aktionsradius im echten Fußballspiel.

Das Systemlicht geht an, AC/DC rocken surroundig, Beamer werfen Projektionen mit Spielern und Spielszenen auf Hightech-Leinwandmatten rundum. Ein von einem Laser auf den Kunstrasen projizierter grüner Ring zeigt an, wo der Spieler aus Fleisch und Blut stehen muss.
Wir beziehen Position, los geht’s. Ballmaschinen flanken und passen unermüdlich, Situationen werden simuliert. Während zum Beispiel der Ball von der vorderen Ballmaschine kommt, läuft sich im Rücken ein virtueller Spieler auf der Leinwandmatte frei. Felder, wohin der perfekte Pass erfolgen soll, tauchen auf. Reaktion, Auffassungsvermögen und Spielverständnis sind gefragt. In einer virtuellen Atmosphäre wie auf einem echten Spielfeld.
Bloß: Jede Bewegung des echten Spielers, jeder Pass, die Genauigkeit des Zuspiels, die Reaktionszeit, die Ballverarbeitungszeit werden von Highspeed-Kameras, Lasern und Sensoren beobachtet, verarbeitet und in Echtzeit in einer Wertung ausgespuckt – auf einem Computer-Tablet. Was hier in dreijähriger geheimer Entwicklungsarbeit entstand, ist die Vermessung der Fußballwelt, das Entschlüsseln eines Mysteriums. Es geht darum, den Fußball objektivier-, mess-und durchschaubar zu machen. Vertreter internationaler Vereine waren hier, genauso wie ein Sportwissenschaftler, der sonst Olympiasieger „macht“. Weil die Erfindung den Blick auf den Sport, auf Talente und Spielerpotenziale verändern könnte.

„Das machen wir besser“

Die Fußballwelt kennt bis jetzt nur den sogenannten Footbonauten. Klubs wie Borussia Dortmund arbeiten damit. Kurz erklärt: Der Ball kommt von Ballmaschinen, der Spieler, der in der Mitte des Feldquadrats steht, muss den Ball in eines von 64 Gittern schießen. Aber das entspricht nicht der Fußballrealität auf dem Spielfeld.
Als Friedrich Santner, CEO der international erfolgreichen Messtechnikfirma Anton Paar, den Footbonauten zum ersten Mal sah, wusste er: „Das können wir besser.“ Nämlich ein System aufzubauen, das die Einschätzung eines Fußballers nicht auf eine emotionale Momentaufnahme reduziert („Der spielt gut“) und das kein Trainingstool wie der Footbonaut, sondern ein echtes Analysetool ist. Um Talente/Spieler zu bewerten und individuelle Weiterentwicklungen zu fördern.

Friedrich Santner: „Um zu trainieren und zu verbessern, muss ich erst einmal messen und bewerten, was ich tue.“ Die Verbindung klingt natürlich logisch, für ein Messtechnikunternehmen ist Objektivierbarkeit entscheidend. Und bei Friedrich Santner spielte auch die Fußballvergangenheit als Sturm-Aufsichtsratspräsident eine Rolle: „An dem Tag, als wir von Dortmund heimkamen, gab’s schon am Flughafen eine Krisensitzung, weil Sturm 1:1 gegen Mattersburg gespielt hatte. Der Trainer wurde abgesägt, ich bin zurückgetreten und habe meine Fußballenergie auf das Projekt gelenkt, wo ich das Gefühl hatte, ich könne etwas bewegen.“ Wohl auch deshalb, weil er in Dortmund gesehen hatte, dass die Deutschen nicht wegen der größeren Einwohnerzahl im Fußball die Österreicher übertrumpfen. „Es geht um Professionalität. Da wird kein Spieler verpflichtet, ohne dass es nicht zwei Ordner mit Dokumentationen über ihn gibt. Wir wollten, dass unser ,skills.lab‘ ein neuer Baustein in der Bewertung wird.“

Der Zug zum Tor

Das Gründungsteam war schnell gefunden: Sohn Jakob Santner, dessen Spezialgebiet – vereinfacht – digitales Sehen ist, in dem er promoviert hat. Was das mit Fußball zu tun hat, erklärt Friedrich Santner so: „Wenn ich in die digitale Bildverarbeitung gehe und der Ball mit 120 km/h daherfliegt, müssen eine extrem leistungsfähige Mathematik und Algorithmen dahinterstehen, damit ich die Bewegungen und die Aktionen auflösen kann.“

Als Missing Link zwischen der emotionalen Fußballwelt und der klaren technischen Analytik im Paar-Konzern kam Roland Goriupp ins Spiel, der ehemalige Bundesliga- (GAK, Sturm, WAC/St. Andrä) und Nationalspieler und U21-Team-Torwart-Trainer. Die Schnittstelle: der Zug zum Tor, gewissermaßen. Und der Wille, Probleme zu lösen. Goriupp: „Wir haben das System im Frühstadium präsentiert und hatten für Details keine Lösung. Friedrich Santner hat nur gesagt: ,Das lösen wir, dann haben wir einen Wissensvorsprung und können nicht kopiert werden.‘ Eine geile Philosophie, das kannte ich nicht einmal aus dem Sport.“

Faszination und Daten

Dass das „skills.lab“ dem Fußball etwas von seiner Faszination stehlen könnte, weil man ihn damit entzaubere, glaubt Jakob Santner nicht. „Die Magie des Fußballs ergibt sich aus der Emotion darüber, was am Spielfeld passiert. Das wird man nie durch Maschinen ersetzen.“ Friedrich Santner ergänzt, dass sich die Skepsis notorischer Fußballbewahrer gegen Hightech-Methoden schnell legen werde. „Am Ende des Tages geht es darum, wer besser ist und wer gewinnt und vor allem: Warum ist der besser und warum gewinnt er? Wenn das klar ist, wollen alle das machen.“

Weitere Ideen für das „skills.lab“? Laut Goriupp sind neue Trainingspläne in Arbeit genauso wie Langzeitstudien mit Spielern. Es gibt auch ernsthaftes Interesse von international renommierten Fußballklubs für das „skills.lab“, das drei bis dreieinhalb Millionen Euro kosten wird. „Wenn ein Spieler damit besser wird, dann sind das keine Kosten, sondern Investitionen“, so Friedrich Santner.
Das System könne man übrigens über alle Ballsportarten stülpen, heißt es. Man wolle auch Daten verwerten, den Goldschatz der digitalen Welt. Diesen Daten verdanken Systeme wie das „skills.lab“ ihre Logik und ihre Klarheit in der Aussage, die so fasziniert. Damit könne man Talente oder Spielerentwicklungen vergleichbar machen. Besser, als Mensch und Scoutingplattformen dazu in der Lage wären.

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